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Betrachtet: Der Ratschlag meiner Oma

Freitag, 27. Oktober 2000, 16:08 Uhr
Als ich im zarten Alter von 14 Jahren, also vor langer, langer Zeit, das erste Mal die Mädchenwelt erobern wollte, gab mir meine Oma einen guten Rat mit auf den Weg: "Paß' auf, mein Junge, wenn das Horn steht, dann steht auch der Verstand."
So richtig verstand ich das alles nicht, damals. Wenn ich heute so vom Rande aus das Geschehen im Kreistag betrachte, dann könnte ich den Spruch abwandeln in: "Wenn die Politik im Spiel ist, dann steht der Verstand."
Es ist dann doch eigentlich ganz vernünftig, daß sich die Damen und Herren Kreistagsmitglieder lieber Schlammschlachten liefern, als sachliche Arbeit zu leisten. Denn immerhin geht es um solch hohe Güter wie Macht, Einfluß, Posten und Personen. Da sollte vor der Wahl von Jendricke und Gorges doch eigentlich alles geregelt sein. Die CDU sollte zähneknirschend zusehen, wie die Macht an PDS und SPD abgegeben wird. Dafür sicherte man sich hinter vorgehaltener Hand (oder wie das heißt) im Kreisausschuß und anderen Kaffeekränzchen zu, daß die chancenlosen Beigeordneten Uebner und Goutier wenigstens ihr Auskommen in der dritten oder vierten Reihe der Verwaltung hätten. Haben sie aber nicht, der Personalrat machte dem Schacher-Treiben ein jähes Ende.
Nun wird auf dem Schachbrett der Macht die Dame ins Spiel gebracht. Ein Mitglied des Kreistages, das seit seiner Wahl kaum ein Statement abgegeben hatte, schrieb flugs eine Dienstaufsichtsbeschwerde und brachte den Karren ins Rollen, der nun so tief im Dreck sitzt, daß ihn nur noch Entscheidungen einer Rechtsaufsichtsbehörde oder eine Klage rausholen können.
So richtig glaube ich aber dieser Variante nicht. Wer denkt, daß irgendeine Partei (ob im Bundestag oder Kreistag) auch nur einen kleinen Zipfel der Macht freiwillig abgibt, der kennt sich in Politik wohl nicht richtig aus. Wohl gemerkt: Es geht nicht um Arbeit für die Bürger, es geht um Macht, Einfluß und Posten. Da werden lang vorbereitete Schachzüge gespielt, eine Dame ist da nur Mittel zum Zweck, der König sitzt ganz woanders. Bislang haben wir eine Patt-Situation, geschäftig wird aber das erste Schach vorbereitet. Welche Partei da Schwarz oder Weiß hat, das ist völlig egal. Auf die Frage: "Wie hätte die ,schwarze' Dame sich bei CDU-Kandidaten verhalten, kann ebenso leicht geantwortet werden wie auf: Was hätte die SPD unternommen, wenn sie an Stelle der CDU Macht und Posten verlieren würde?"
Schuld an diesem Schachspiel sind wir selber. Wir haben die Figuren auf dem Brett gewählt, haben sie nicht nur mit Vertrauen, sondern auch mit Macht ausgestattet. Und die kostet man derzeit im Kreistag und in der Kreisverwaltung reichlich aus. Meine Oma hatte doch recht. Peter Stefan Greiner
Ein schönes Wochenende wünscht ihre Neue Nordhäuser Zeitung
Autor: nnz

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