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Adina goes West

Sonntag, 09. April 2006, 10:00 Uhr
Nordhausen (nnz). Wer Freitagabend die romantisch-kitschige Piazza eines süßen toskanischen Städtchens als Handlungsort zu Donizettis komischer Oper „Der Liebestrank“ erhofft hatte, der wurde enttäuscht. Aber wer erwartet solche Kulissen schon zur Premiere im Nordhäuser Theater, wenn Oberspielleiterin Kerstin Weiß inszeniert?

Adina goes West (Foto: nnz) Adina goes West (Foto: nnz)

Nein, die Geschichte spielt 1869 in Tumbleweed, einem verschlafenen Kaff in Arizona, dicht an der mexikanischen Grenze. Im Saloon „The Drunken Turkey“ (wunderbares, weil witziges und detailverliebtes Bühnenbild von Tom Presting) treffen die Heldin Adina (Jung-A Lee), ihre Freundinnen Gianetta (Anja Daniela Wagner als hitzige Mexikanerin) und Kitty (Sigrid Herforth brilliert als lebenserfahrene, zigarrerauchende irische Puffmutter) auf die Männer.
Nemorino (der liebesschmachtende Rob Pitcher, der – er möge mir dieses Bild nachsehen – in dieser Rolle viel vom jungen Stan Laurel hat) ist ihr Angestellter, der Quacksalber Doktor Dulcamara (der äußerst komödiantische und stimmgewaltige Bernhard Adler) versucht seine Tränke an den Mann zu bringen und der Offizier Belcore (Thomas Kohl gibt einen lebenslustigen und nicht sehr nachtragenden Charmeur) will sich mal eben mit Adina verheiraten.

Dieser Wunsch ist der Auslöser der einsetzenden Balz um Adina, in deren Mittelpunkt titelgebender Liebestrank steht, der in Wirklichkeit nur ein Schluck Rotwein der Marke Bordeaux ist (was im wilden Westen natürlich kein Mensch kennt).

So gibt es einerseits die Handlung, die sich der leichten und beschwingten Musik Gaetano Donizettis, dieses musikalischen Romantikers, harmonisch anpasst. Andererseits fesseln den Zuschauer die vielen kleinen Dinge, die auf der Bühne geschehen, von denen Donizetti wohl niemals geträumt hätte. Aber der kannte auch keinen Marschall Mad Dillon, keine glorreichen Sieben und komponierte nicht das „Lied vom Tod“. Dem glänzend aufgelegten Opernchor des Nordhäuser Theaters, von Katrin Kammann herrlich westernlike kostümiert gelingt es erneut, ein faszinierendes Flair zu erzeugen. Die Herren im Saal erinnern sich ihrer Cowboy-Spiele im zarten Jugendalter und die Damen wünschen sich wohl die oppulenten Kleider, die über die Bühne wirbeln.

Regisseurin Kerstin Weiß hat ein motiviertes und engagiertes Ensemble auf der Bühne, das sie mit viel Spaß und Geschick souverän durch die Inszenierung führt. Dieses spürbare Wohlgefühl übertrug sich mühelos auf das Premierenpublikum. Vom alternden Daniel Boone bis zum versoffenen China-Mann, der sich offensichtlich nicht mehr am Aufbau des amerikanischen Schienennetzes Richtung Westen beteiligt, reichen die Charaktere. Vom Verbot auf die Gänge zu spucken über den angepissten Kaktus bis hin zur Idee, die Rezitative von einem jämmerlichen Banjo begleiten zu lassen, wird einfallsreich die Westernatmosphäre behauptet.

So banal die Geschichte auch ist, sie wird mit Verve gespielt und mit Bravour gesungen. Jung-A Lee und der als Gast agierende Bernhard Adler ragen gesanglich aus einem geschlossenen Ensembleleistung noch heraus.

Es würde mich nicht wundern, wenn bald wieder im Gehege sommerliche Indianerstücke aufgeführt würden. Mit dieser Regie und einem solchen Ensemble – kein Problem.

Ach so, fast vergessen.
An die Herren der Beleuchtung: Na seht ihr, es geht doch!

Olaf Schulze
Autor: osch

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