Brünes Reigen
Dienstag, 28. Februar 2006, 14:12 Uhr
Nordhausen (nnz). In Nordhausens Mauern, genauer in den Mauern einer Schule, ganz genau in denen der Bertolt-Brecht-Schule, ist seit heute in der Aula ein Gemälde wieder öffentlich, das Kinder auf dem Petersberg zeigt, denn in deren Nähe befindet sich der ehemalige Bollwerksturm der Stadtmauer, der Judenturm. Dazu eine Betrachtung von Heidelore Kneffel in der nnz.
Die Künstlerin Gudrun Brüne schuf es 1976 und nannte es Der Reigen. Singende, tanzende und zuschauende Kinder haben sich zusammengefunden, die Stadtsilhouette liegt hinter ihnen. Die Künstlerin hat fröhliche, schelmische, nachdenkliche, versonnene Kindergesichter gemalt, die interessante Porträts darstellen.
Brüne, Jahrgang 1941, wurde in Berlin geboren, siedelte als Kind mit Mutter und Schwester nach Leipzig. Nach der Schule schloss sie in der Buchstadt Leipzig eine Buchbinderlehre ab, arbeitete eine gewisse Zeit in diesem Beruf und begann dann ein Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Einer ihrer Dozenten war Bernhard Heisig, in dessen Atelier sie nach ihrem Diplom auch eine Zeit arbeitete. Seit 1969 beteiligte sie sich an den Kunstaus-stellungen der DDR in Dresden. Ihre Gemälde wurden in Moskau, Kiew, Warschau, Prag, Budapest, Stockholm, Paris, London gezeigt. 1988 ist sie auf der Biennale in Venedig vertreten. Reisen führten sie nach Italien, Frankreich, Holland, Belgien, Spanien und Amerika.
Gudrun Brüne entstammt der seit Anfang der 1970er Jahre als eine solche bezeichneten Leipziger Schule. Leipzig war damals als Buch- ,Musik- und Messestadt bekannt. Mit den Künstlern Tübke, Heisig und Mattheuer etablierte sich dort auch eine künstlerische Schule, die, wenn man es grob verallgemeinert sagen will, aus zwei Haupttendenzen besteht: Einer expressiv-leidenschaftlichen und einer mehr nüchtern-sachlichen, wobei es natürlich Zwischenstufen gibt.
Aber der Begriff hat sich so fest etabliert. Zu der expressiven Linie werden Hartwig Ebersbach, Sighard Gille und Gudrun Brüne gezählt. Diese Schule hat auch gute Porträtisten hervorgebracht, wozu vor allem Bernhard Heisig gehört - es sei an sein Porträt von Altbundeskanzler Helmut Schmidt erinnert - und auch Gudrun Brüne. Zur Zeit erleben Künstler, die in Leipzig ausgebildet wurden und werden eine auffällige weltweite Beachtung.
Brüne war seit 1977 an der bekannten Hochschule für Industrielle Formgestaltung Burg Giebichenstein in Halle tätig und leitete dort seit 1979 eine Fachklasse für Malerei und Grafik. 1999 gab sie diese Lehrtätigkeit auf. Seit 1991 sind Brüne und Heisig verheiratet und bilden eine Ateliergemeinschaft in Strodehne im Havelland.
Eines der Hauptmotive in der Kunst ist der Mensch, immer wieder hinterfragen die Künstler dessen Woher? und Wohin?. Auffallend ist die Tendenz, ihn auch als Puppe, als Marionette, als Maske, als Maschine darzustellen. Diese Sichtweise taucht immer dann auf, wenn die Kunst dem Magischen, dem Unwirklichen, dem Surrealen in der menschlichen Existenz nachspürt. Künstler wie de Chirico, Ensor, Kokoschka, Man Ray, Bruce Naumann gehören hierher.
Gudrun Brüne kann man in diese Reihe einfügen, auch wenn sie äußert, dass es ihr nicht in erster Linie um die Puppe gehe, aber diese bei ihr doch zu einem prägenden Bildstoff wurde. In den 70er Jahren entdeckte sie ihre alten zerschlissenen Puppen wieder. Deren morbide Unschuld rührte sie, etwas Rätselhaftes ging von ihnen aus, die Brüchigkeit wurde sichtbar. Diese der menschlichen Gestalt entlehnten Wesen regen zu Reflexionen über das Da-Sein an, über das Sichtbare und Unsichtbare, über Leben und Vergehen.
Im Gedächtnis ist mir eines ihrer farbigen Bilder geblieben, das Die Modellpuppe heißt und 1987 entstanden ist. Ich sah es auf der X. Kunstausstellung in Dresden 1988. Andere Arbeiten kenne ich aus Repro-duktionen. Als ich das großformatige Figurenbild im Meyenburgmuseum vor einiger Zeit sah, erschien es mir fast sicher, dass es von Gudrun Brüne stammen müsste. Recherchen haben das bestätigt.
Gudrun Brüne nennt Paula Modersohn-Becker, James Ensor und Otto Dix zu den sie anregenden Künstlern. Bei Letzterem entdeckte sie dessen Mischtechnik aus Ölfarbe und Eitempera für sich, weil man damit eine Stofflichkeit erzeugen kann, die eine etwas stumpfe Leuchtkraft besitzt, die die Vielschichtigkeit des Bildthemas unterstützt. Gudrun Brüne malt auch Stilleben und Landschaften. Im Jahr 2005 stellte sie in unserer Nähe aus, im Kunstverein in Wernigerode.
Heidelore Kneffel
Autor: nnzDie Künstlerin Gudrun Brüne schuf es 1976 und nannte es Der Reigen. Singende, tanzende und zuschauende Kinder haben sich zusammengefunden, die Stadtsilhouette liegt hinter ihnen. Die Künstlerin hat fröhliche, schelmische, nachdenkliche, versonnene Kindergesichter gemalt, die interessante Porträts darstellen.
Brüne, Jahrgang 1941, wurde in Berlin geboren, siedelte als Kind mit Mutter und Schwester nach Leipzig. Nach der Schule schloss sie in der Buchstadt Leipzig eine Buchbinderlehre ab, arbeitete eine gewisse Zeit in diesem Beruf und begann dann ein Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Einer ihrer Dozenten war Bernhard Heisig, in dessen Atelier sie nach ihrem Diplom auch eine Zeit arbeitete. Seit 1969 beteiligte sie sich an den Kunstaus-stellungen der DDR in Dresden. Ihre Gemälde wurden in Moskau, Kiew, Warschau, Prag, Budapest, Stockholm, Paris, London gezeigt. 1988 ist sie auf der Biennale in Venedig vertreten. Reisen führten sie nach Italien, Frankreich, Holland, Belgien, Spanien und Amerika.
Gudrun Brüne entstammt der seit Anfang der 1970er Jahre als eine solche bezeichneten Leipziger Schule. Leipzig war damals als Buch- ,Musik- und Messestadt bekannt. Mit den Künstlern Tübke, Heisig und Mattheuer etablierte sich dort auch eine künstlerische Schule, die, wenn man es grob verallgemeinert sagen will, aus zwei Haupttendenzen besteht: Einer expressiv-leidenschaftlichen und einer mehr nüchtern-sachlichen, wobei es natürlich Zwischenstufen gibt.
Aber der Begriff hat sich so fest etabliert. Zu der expressiven Linie werden Hartwig Ebersbach, Sighard Gille und Gudrun Brüne gezählt. Diese Schule hat auch gute Porträtisten hervorgebracht, wozu vor allem Bernhard Heisig gehört - es sei an sein Porträt von Altbundeskanzler Helmut Schmidt erinnert - und auch Gudrun Brüne. Zur Zeit erleben Künstler, die in Leipzig ausgebildet wurden und werden eine auffällige weltweite Beachtung.
Brüne war seit 1977 an der bekannten Hochschule für Industrielle Formgestaltung Burg Giebichenstein in Halle tätig und leitete dort seit 1979 eine Fachklasse für Malerei und Grafik. 1999 gab sie diese Lehrtätigkeit auf. Seit 1991 sind Brüne und Heisig verheiratet und bilden eine Ateliergemeinschaft in Strodehne im Havelland.
Eines der Hauptmotive in der Kunst ist der Mensch, immer wieder hinterfragen die Künstler dessen Woher? und Wohin?. Auffallend ist die Tendenz, ihn auch als Puppe, als Marionette, als Maske, als Maschine darzustellen. Diese Sichtweise taucht immer dann auf, wenn die Kunst dem Magischen, dem Unwirklichen, dem Surrealen in der menschlichen Existenz nachspürt. Künstler wie de Chirico, Ensor, Kokoschka, Man Ray, Bruce Naumann gehören hierher.
Gudrun Brüne kann man in diese Reihe einfügen, auch wenn sie äußert, dass es ihr nicht in erster Linie um die Puppe gehe, aber diese bei ihr doch zu einem prägenden Bildstoff wurde. In den 70er Jahren entdeckte sie ihre alten zerschlissenen Puppen wieder. Deren morbide Unschuld rührte sie, etwas Rätselhaftes ging von ihnen aus, die Brüchigkeit wurde sichtbar. Diese der menschlichen Gestalt entlehnten Wesen regen zu Reflexionen über das Da-Sein an, über das Sichtbare und Unsichtbare, über Leben und Vergehen.
Im Gedächtnis ist mir eines ihrer farbigen Bilder geblieben, das Die Modellpuppe heißt und 1987 entstanden ist. Ich sah es auf der X. Kunstausstellung in Dresden 1988. Andere Arbeiten kenne ich aus Repro-duktionen. Als ich das großformatige Figurenbild im Meyenburgmuseum vor einiger Zeit sah, erschien es mir fast sicher, dass es von Gudrun Brüne stammen müsste. Recherchen haben das bestätigt.
Gudrun Brüne nennt Paula Modersohn-Becker, James Ensor und Otto Dix zu den sie anregenden Künstlern. Bei Letzterem entdeckte sie dessen Mischtechnik aus Ölfarbe und Eitempera für sich, weil man damit eine Stofflichkeit erzeugen kann, die eine etwas stumpfe Leuchtkraft besitzt, die die Vielschichtigkeit des Bildthemas unterstützt. Gudrun Brüne malt auch Stilleben und Landschaften. Im Jahr 2005 stellte sie in unserer Nähe aus, im Kunstverein in Wernigerode.
Heidelore Kneffel
