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Standpunkte zur zukünftigen Entwicklung vorgestellt

Die Gipsfrage, Runde X

Mittwoch, 23. März 2022, 14:30 Uhr
Vor etwas mehr als 30 Jahren vollzog sich eine Zeitenwende auf deutschen Baustellen und der Siegeszug des Gipskartons nahm seinen Anfang. Umweltverbände fordern nun eine neue Wende, weg vom Gips und hin zu frischen Alternativen. Die Ergebnisse von zwei Jahren Arbeit wurden gestern in Nordhausen vorgestellt…

Gipsabbau im Südharz (Foto: BUND, 2014) Gipsabbau im Südharz (Foto: BUND, 2014)


Der Wandel beginnt, wie könnte es in Deutschland anders sein, mit einer Verordnung. Diese heißt „Großfeuerungsanlagenverordnung“ und stammt aus dem Jahr 1983. Im Land geht damals die Sorge um, der „saure Regen“ und das „Waldsterben“ sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Ein Treiber der fatalen Entwicklung war das Schwefeldioxid aus den Kohlekraftwerken. Die Politik handelt, es werden Gesetze erlassen, die Kraftwerke auch in Ostdeutschland bis 1996 umgerüstet und das Thema „saurer Regen“ wurde zur vagen Erinnerung. Ein Eintrag für das Geschichtsbuch.

In der Fußnote eines solches Eintrages würde aber noch etwas anderes stehen. Etwas, das heute die Gemüter erhitzt und zumindest im Südharz wieder für Schlagzeilen sorgt. Mit der Entschwefelung der Kraftwerke geht der Aufstieg des „REA-Gipses“ einher. Das Abfallprodukt macht Gips als Baustoff mit einem Schlag attraktiver, in knapp 15 Jahren verdoppelt sich der Gesamtverbrauch. Die Stoffeigenschaften sind gut, der Rohstoff billig und vielfach einzusetzen. Heute, gute vierzig Jahre später, ist die Gipskartonplatte aus dem deutschen Bauwesen eigentlich nicht mehr wegzudenken.

Die Betonung liegt auf „eigentlich“. Denn das „Wegdenken“ ist spätestens seit dem angekündigten Kohleausstieg in vollem Gange. Die Industrie möchte auf den Baustoff nicht verzichten und den Ausfall des REA-Gipses durch Naturgips kompensieren. Umweltverbänden und vielen Bewohnern der Hauptabbaugebiete, also vorrangig den Menschen im Südharz, ist das ein Dorn im Auge. Die erwiesenermaßen einzigartige Landschaft samt ihrer Flora und Fauna wird über kurz oder lang den Baggern zum Opfer fallen, so die Befürchtung.

Der Generationen übergreifende Streit im Südharz geht in die nächste Runde und es gibt viele neue Fragezeichen: wieviel Gips wird tatsächlich in Zukunft gebraucht? Gibt es praktikable Alternativen? Können Alternativen zeitnah genutzt werden? Oder muss der Naturgips zwingend als Ersatz herhalten?

Tagung im Nordhäuser Ratssaal gestern (Foto: agl) Tagung im Nordhäuser Ratssaal gestern (Foto: agl)

Einige dieser Fragen hat die „Grüne Liga“ in Zusammenarbeit mit dem Naturschutzverbänden NABU und BUND, sowie dem Umweltbundesamt und einer ganzen Reihe anderer Akteure in den letzten zwei Jahren versucht zu beantworten. Die Ergebnisse wurden gestern im Nordhäuser Ratssaal vorgestellt. Dabei kamen auch Dinge zur Sprache, die bisher nicht Teil der allgemeine Diskussion waren.

Eine zweite Zeitenwende


Dass der Gipsbedarf durch die Verfügbarkeit des REA-Gipses gestiegen ist und diese Nachfrage nicht einfach über Nacht verschwinden sondern eher zunehmen wird, ist Konsens. Der Teufel liegt im Detail und mit eben jenen Details hat man sich bei der „Grünen Liga“ befasst.

Die Ausgangslage
Rund neun Millionen Tonnen Gips werden in Deutschland pro Jahr verbraucht, weitere zwei Millionen werden exportiert. Rund 54 Prozent der Menge kommt aus dem REA-Gips, rechnen die Naturschützer vor, nur zwei Prozent stammen aus dem Recycling. Das müsse sich dringend ändern, in anderen Ländern wie zum Beispiel Dänemark läge die Recycling-Quote mit rund 80 Prozent deutlich höher. Bis zu 50 Prozent der deutschen Gipsabfälle ließen sich wiederverwerten, so die aktuelle Schätzung. Vorraussetzung dafür sind aber sowohl technische Verfahren wie auch gesetzliche Regelungen zur Stoffreinheit und -trennung auf der Baustelle.

Die Forderung nach mehr Recycling ist bekannt und wird sowohl von de Forschung wie auch der Industrie mit einigem Interesse verfolgt. Die Arbeit der Liga trägt aber auch einige Punkte zusammen, die bisher eher selten Teil der öffentlichen Debatte waren.

In den Gesprächsrunden wurde der Blick unter anderem auf die Frage gerichtet, wieviel REA-Gips bis zum endgültigen Ausstieg noch produziert wird, wieviel Gips in Zwischenlagern aufbewahrt wird und genutzt werden könnte sowie die Möglichkeit, Phosphor-Gips zu nutzen.

Eine zuverlässige Prognose zur Verfügbarkeit von REA-Gips sei schwierig, da die Ausstiegsszenarien nicht einheitlich sind und mögliche Zeitfenster verschoben werden könnten, heißt es in dem Papier der Liga. Auch bei der Frage nach dem eingelagerten Gipsvorräten herrscht Uneinigkeit. Die Gipsindustrie gibt die Menge mit rund 11 Millionen Tonnen an, die Naturschutzorganisationen gehen dem entgegen eher von 14 bis 20 Millionen Tonnen aus. Die öffentlich verfügbare Quellenlage sei schwierig, schreibt die Grüne Liga, es gebe weiteren Forschungsbedarf.

Den gibt es auch in Sachen Phosphor-Gips. Der ist wie der REA-Gips ein Abfallprodukt und entsteht bei der Herstellung von Düngemittel. In der Masse könnte diese Spielart des künstlichen Gipses die durch den Kohleausstieg entstehenden Lücken schließen. Aber die Stoffeigenschaften sind andere und die Produkte möglicherweise durch Schadstoffe und (geringe) Radioaktivität belastet. Würde man den Phosphor-Gips nutzbar machen wollen, müssten bisher „aufwendige und kostenintensive“ Methoden angewandt werden.

Bauwende, die Zweite
Wenn eine Ausweitung des Abbaus von Naturgips verhindert werden soll, müsse die Ablösung des REA-Gipses mit einer weiteren Zeitenwende im Baugewerbe einhergehen, argumentieren die Naturschützer. Im Fokus stehen nachwachsende, nachhaltige Rohstoffe. Im Gespräch ist dabei zuvorderst Holz als Ersatz für Beton- und Gipsplatten. Im Detail sieht man aber auch Potentiale für den Einsatz von Zellulose, Stroh, Lehm, Stärke, Wolle, Flachs, Hanf und Schilf in verschiedenen Anwendungsbereichen. In Anbetracht der Klimakrise und Ressourcenverknappung sei ein Umdenken auch in der Bauindustrie dringend geboten. Eine Ausweitung der Abbaugebiete würde diese Entwicklung „ausbremsen“.

Die Nachfrage nach REA-Gips sei durch die sinnvollen und nötigen Maßnahmen in den 80er Jahren quasi künstlich entstanden. Eine Notwendigkeit, diesen Bedarf „eins zu eins“ aus Naturgips abzudecken, könne daraus nicht abgeleitet werden. Vielmehr fordern die Naturschützer eine Reihe von Schritten:
  • Die eingelagerten Mengen an Gips müssen transparent dargestellt und vorrangig genutzt werden
  • Wohnraum muss effizienter genutzt werden
  • Ersatzstoffe wie Lehm, Holz und Naturfasern müssen konkurrenzfähige Alternativen zum Gips und REA-Gips werden
  • Baustoffe müssen langlebig, sortenrein und wiederverwertbar sein
  • Der Eingriff in die Natur müsse „eingepreist“ werden
  • Die Recyclingquoten müssen steigen
  • Die Nutzbarkeit von Phosphatgipsen muss weiter erforscht werden um als unbedenkliche Ressource zur Verfügung zu stehen


Die Entwicklung der letzten Jahre, in ihrer Konzeption eher dem Zufall geschuldet, sei nicht für alle Ewigkeit in Stein gemeißelt, meint man auf Seiten der Naturschützer. Was sich einmal geändert hat, kann sich auch wieder ändern, so die Vorstellung. Wie immer wird der Teufel dabei wieder im Detail liegen und der Bericht der Grünen Liga wird mit Sicherheit nicht die letzte Runde im Südharzer Gipsstreit eingeläutet haben. Wer den rund 40seitigen Bericht selber lesen möchte, findet das Papier hier .
Angelo Glashagel
Autor: red

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