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Ukraine-Krise

Landkreis rechnet mit bis zu 1.200 Flüchtlingen

Dienstag, 08. März 2022, 17:30 Uhr
Rund einhundert Geflüchtete aus der Ukraine sollen sich bereits im Landkreis befinden. Genaue Zahlen kennt niemand, aber man geht davon aus, dass in den kommenden Tagen und Wochen mit deutlich mehr zu rechnen ist. Die Situation werde sich in mancher Hinsicht von der Flüchtlingswelle in 2015 unterscheiden, befürchtet man im Landratsamt…

Für Flüchtlinge aus der Ukraine hat das Landratsamt wichtige Informationen zweisprachig zusammengetragen (Foto: Landratsamt Nordhausen) Für Flüchtlinge aus der Ukraine hat das Landratsamt wichtige Informationen zweisprachig zusammengetragen (Foto: Landratsamt Nordhausen)


Über das Jahr 2015 kamen rund 1.200 Flüchtlinge im Landkreis Nordhausen an. Der Nahe Osten war so nah nicht, der Weg weit und schwierig. Die Menschen, die jetzt von Krieg und Zerstörung aus der Ukraine fliehen, haben kein Meer zwischen sich und dem „sicheren Hafen“ und die meisten müssen nicht zu Fuß gehen. Fast anderthalb Millionen Menschen sollen ihrer Heimat bereits den Rücken gekehrt haben, in Brüssel rechnet man damit, dass diese Zahl in den kommenden Wochen auf bis zu fünf Millionen anwachsen könnte.

Bisher haben vor allem die direkten Nachbarn der Ukraine den Kriegsflüchtlingen Obdach geboten, doch viele ziehen weiter. Am Montag standen die ersten 20 Personen vor den Toren des Landratsamtes, um sich bei den Behörden zu registrieren. Die tatsächliche Zahl der Ankünfte im Kreis dürfte höher liegen, um die 100 schätzt man in der Kreisverwaltung. Genaueres weiß man nicht, da manche schlicht erst bei Freunden oder Verwandten untergekommen seien mögen. Die Einreise ist, anders als für die Menschen aus dem Nahen Osten anno 2015, innerhalb Europas deutlich einfacher.

Das bedeutet auch, dass niemand so recht weiß, wieviele Menschen bereits unterwegs sind und was da auf die Hilfsstrukturen zukommt. „2015 kamen in einem Jahr rund 1.200 Flüchtlinge bei uns an. Jetzt gehen wir davon aus, dass wir eine ähnliche Anzahl innerhalb von zwei Monaten aufnehmen werden“, sagt Landrat Jendricke gegenüber der nnz. Die Verwaltung und die Hilfssysteme, die auch über Vereine und private Initiativen funktionieren, stellt das vor große Herausforderungen. Die seit 2015 aufgebauten Netzwerke und Einrichtungen wurden in den letzten Jahren schrittweise zurückgefahren und waren mancherorts drauf und dran, ganz auszulaufen. Nun wird auch im Landkreis Nordhausen versucht, den eingespielten Apparat möglichst schnell wieder hochzufahren.

In Anbetracht der neuen Lageeinschätzung hat man im Landratsamt die Pläne aus der vergangenen Woche noch einmal überarbeitet und erweitert. „Wir haben in der Corona-Krise gelernt, Besorgungen frühzeitig in die Wege zu leiten. Wer zu spät kommt, kriegt nichts mehr“, sagt Landrat Jendricke, zumindest nicht zu vertretbaren Preisen. Dementsprechend habe man im Krisenstab am Montag entschieden, noch einmal zusätzlich 200 Feldbetten sowie 500 Matratzen zu besorgen. Letztere können zur Not auch auf den blanken Boden gelegt werden und die Feldbetten können später das Inventar des Katastrophenschutzes aufstocken.

Ein weiterer Knackpunkt ist der Wohnraum. Der ist zwar in der Theorie vorhanden, in der Praxis aber nicht bezugsfertig. Von einer wenigstens rudimentären Ausstattung mit Mobiliar ganz zu schweigen. In der kommenden Woche will man die Aufnahmestelle in Wipperdorf wieder in Betrieb nehmen. Außerdem werde man die Rothleimmühle über den März als Anlaufpunkt nutzen können, solange hier die Saison noch nicht wieder Gang gekommen ist, erklärt der Landrat. Für den Notfall müsse man auf Kapazitäten der bestehenden Gemeinschaftsunterkünfte zurückgreifen, allen voran auf die Turnhalle in Sülzhayn.

Auch die medizinische Versorgung dürfte eine Herausforderung werden. „Viele Menschen die nach einer Flucht wieder eine Chance haben zur Ruhe zu kommen, werden plötzlich und schnell krank. Das haben wir 2015 und 2016 immer wieder gesehen“, berichtet uns eine Nordhäuser Sozialarbeiterin. Hinzu käme die Frage nach dem Impfstatus, die man zügig in den Griff bekommen müsse. Und da geht es einmal nicht primär um Corona, sondern um für uns selbstverständliche Dinge wie die Pflichtimpfungen, die etwa den Besuch eines Kindergartens überhaupt erst möglich machen. Gesetzt den Fall, die Kindergärten und Schulen haben genug Kapazitäten, um Kinder in Größenordnungen aufzunehmen.

Für Betroffene hat der Landkreis eine eigene Website mit den wichtigsten Informationen geschaltet. Das zweisprachige Angebot findet sich hier

Viele Fragen sind noch offen und für den Moment sieht es so aus als würde man, wie schon 2015, wieder größtenteils auf Sicht fahren. Und das bei Nebel. Aber: das Schiff scheint heute besser gerüstet als damals.
Angelo Glashagel
Autor: red

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