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Stufe der Erinnerung

Donnerstag, 10. November 2005, 10:49 Uhr
Nordhausen (nnz). Erinnern ist notwendig. Erinnerung wird lebendig, wenn sie an einem Gegenstand festgemacht werden kann. In Nordhausen ist es seit heute eine Treppenstufe, die erinnert und mahnt.


Stufe der Erinnerung (Foto: nnz) Stufe der Erinnerung (Foto: nnz) Auf Initiative des Nordhäuser Geschichts- und Altertumsvereins erinnern der Verein ,,Gegen Vergessen - Für Demokratie’’ und die Jugendkunstschule Nordhausen mit einem gemeinsamen Projekt an die Geschehnisse der Pogromnacht 1938. Am ehemaligen Standort der Synagoge ist eine Eingangsstufe des Gotteshauses symbolisch nachgestaltet worden.

Der Ort des ursprünglichen Eingangs zur Synagoge liegt nach Worten Dr. Manfred Schröter exakt an dieser Stelle –innerhalb des Wohnhofes der Häuser in Sichtweite des in den 1980-iger Jahren errichteten Gedenkstein für die Synagoge in der Wolfstraße/Ecke Pferdemarkt. Am 12. und 13. September 1845 war die Synagoge eingeweiht worden. Der neoromanische Saal, der westliche Vorbau mit Kuppel und mit den neoromanischen und neobyzantinischen Bauelementen verliehen dem Bauwerk ein imposantes Aussehen. Zu jener Zeit war der junge Kantor Kurt Singer Leiter der Nordhäuser Synagoge und lebte mit seinem Vater Eduard im Gemeindehaus.

Seit 1933 verschlechterte sich die Situation der Juden. Schikanen, Drohungen und auch gewalttätige Eskalationen stellten den Alltag für sie dar. Dies steigerte sich bis zur Pogromnacht am 9.11.1938. In der Nacht zum 10.11.1938 kamen die Nazis zur Synagoge am Pferdemarkt. Sie brachen die Tür auf und setzten alles in Flammen. Das Gotteshaus brannte in dieser Nacht vollständig aus. Dies war das Ende einer fast hundertjährigen Synagogentradition am Pferdemarkt.

Am nächsten Tag wurden 82 Männer aus Nordhausen und Umgebung in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Unter ihnen auch Kantor Singer und sein Vater. Eduard Singer starb am 23. November 1938 an den Folgen einer besonders grausamen Folter durch die SS. Sein Sohn musste dies mit ansehen. Daraufhin nutzte er einen unbewachten Moment, sprang in die Latrinengrube und erstickte an den Fäkalien. Die Kantorfamilie Singer war unter 35.000 jüdischen Bürgern, die in der Reichskristallnacht verschleppt wurden. Die Nordhäuser Synagoge war eine von 191 im gesamten Reich, die zerstört wurden.

Dr. Schröter erinnerte daran, dass die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung eigentlich am 10. November 1938 begangen worden waren, in den Nachtstunden, gegen 2 Uhr. Zeitzeugen berichteten heute, dass die Nordhäuser damals – nach der Vernichtung des Gotteshauses und der beginnenden Verschleppung ihrer Mitmenschen – einfach zur Tagesordnung übergingen. Sie feierten Martini – ohne das Geschehene zu reflektieren. Vielleicht aus Angst vor der Diktatur, vielleicht aber auch aus Gleichgültigkeit.

Ab heute soll auch diese Treppenstufe die junge Generation erinnern und mahnen, dass sich das niemals mehr wiederholen dürfe.
Autor: nnz

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