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Robert Becke hat bei Nordbrand das Steuer abgegeben

"Es kann auch mal ein Doppelkümmel sein..."

Freitag, 05. November 2021, 09:00 Uhr
Es ist allgemein bekannt - bei Jubiläen und Beerdigungen wird meistens “ganz dick” aufgetragen. Bei Verabschiedungen aus einem Job oder einer Funktion mitunter auch. Ich will das mal anders machen, zumindest versuchen…

Robert Becke vor den Nordbrand-Türmen (Foto: privat) Robert Becke vor den Nordbrand-Türmen (Foto: privat)
Den Robert, den kenne ich schon lange - so würde ich immer anfangen. Tatsächlich kenne ich Robert Becke so richtig erst seit 2012, also knapp zehn Jahre. Damals übernahm der Mann, der seit 35 Jahren die Entwicklung von Nordbrand maßgeblich mit begleitet und zunehmend auch geprägt hat, die Leitung und damit auch die Verantwortung für das Traditionsunternehmen in Gänze. Dazu gehörten nicht nur die Produktion oder die Verwaltung, sondern auch die Brennerei und den Vertrieb des Alkohols. Seit 2014 übernahm er die Funktion “Direktor für den Geschäftsbereich Spirituosen” der Rotkäppchen-Mumm-Gruppe.

Dabei hatte der im April 1958 in Nordhausen geborene Robert eigentlich mit dem doppelten Korn nicht viel “am Hute”. Groß geworden im väterlichen Elektroinstallateurbetrieb, danach Abitur und NVA sowie abgeschlossenem Elektronikstudium fand er seine erste Anstellung als Projektierungsingenieur beim Rundfunk- und Fernsehtechnischen Zentralamt der Deutschen Post in Berlin.

Über einen zweijährigen Zwischenstopp im väterlichen Handwerksbetrieb zog es den damals 28jährigen zu dem Betrieb, der nicht nur in der DDR mit dem Namen Nordhausen verbunden war: Nordbrand Nordhausen. Hier arbeitete er als Technologe sowie - das ging zu DDR-Zeiten - auch als Geschäftsführer des gemeinsamen Sportvereins von Nordbrand und der Hydrogeologie.

Es waren sehr schöne Zeiten an und in den beiden Standorten von Nordbrand. In Summe trauert er keiner Stunde nach - Halt!!! Da war doch etwas? Die Wende und die wirtschaftlichen Folgen. Wie für nahezu alle anderen Menschen in dieser schönen und schwierigen Zeit, bleiben Tage, Wochen und Monate in Erinnerung, die Kraft und Nerven, manchmal auch Tränen kosteten. Als Leiter musste er Frauen und Männer in die Arbeitslosigkeit schicken. Musste zusehen, wie sich Verzweiflung oft mit Resignation paarte. Manchmal auch mit Wut. “Diese Momente, diese Eindrücke, diese Emotionen konnte ich nicht am Werktor zurücklassen, sie begleiteten mich noch sehr lange und haben sich in meinem Gedächtnis fest eingebrannt.”

Heute, im Jahr 2021, sagt Robert Becke, mussten die Entscheidungen damals so getroffen werden. Sie waren die Basis dafür, dass der Nordhäuser Standort innerhalb der Eckes AG nicht nur mal so erhalten wurde, nein, Nordhausen wurde zum modernsten Produktionsstandort für Spirituosen in Deutschland entwickelt. Robert Becke was damals mittendrin, begleitete zahlreiche Projekte sowohl auf nationaler als auch auf internationale Ebene. Zur Berufsgeschichte des Robert Becke gehört auch die Schließung des Eckes-Werkes in Niederolm. Auch dort traf es Frauen und Männer, die eigentlich noch bis zum Ruhestand dort arbeiten wollten.

Robert formuliert es so: “Der Einstieg in die Marktwirtschaft war für alle ostdeutschen Unternehmen sehr schwierig. Nach der Währungsunion brach unser Absatz fast völlig zusammen, weil natürlich unsere Kunden mit der neuen D-Mark erst einmal die Spirituosen ausprobieren wollten, welche sie bis dato nur aus der Fernsehwerbung oder dem Intershop kannten. Ich habe mit vielen Kolleginnen und Kollegen selbst in Verkaufswagen vor Nordbrand und auf Volksfesten gestanden, um unsere Produkte zu verkaufen. Um darauf aufmerksam zu machen, es gibt uns noch. 1991 hatte Nordbrand aus heutiger Sicht das große, aber auch das verdiente Glück, durch die Firma Eckes von der Treuhand gekauft zu werden. Eckes investierte nicht nur in den Standort und in das Marketing, sondern auch in die Menschen. Innerhalb einer beispielhaften Projektarbeit wuchsen zwei Firmen aus unterschiedlichen Gesellschaftssystemen auf Augenhöhe zusammen.

Die Marke Echter Nordhäuser entwickelte sich wieder und konnte sich im gesamtdeutschen Markt behaupten, aber nie mengenmäßig an die Vorwendezeit anschließen. Eckes wuchs weiter im Bereich Fruchtsaft und baute auch bei den Spirituosen eine internationale Sparte mit Firmen in Tschechien, Italien und Österreich auf. Der Kostendruck innerhalb des Unternehmen stieg und es gab auch hin und wieder Verkaufsabsichten hinsichtlich der Spirituosen zu Gunsten der Saftsparte. Glücklicherweise kam dieses Szenario nicht zum Tragen und so galt es die Kosten durch Konzentration der Spirituosenproduktion zu senken. Es musste eine Entscheidung zwischen Nieder Olm (Eckes) und Nordhausen fallen. Durch unser ausgeprägtes Kostenbewusstsein, gepaart mit ostdeutscher technischer Kreativität und letztlich auch dem stärkeren Willen für unser Nordbrand haben wir erreicht, dass der westdeutsche Standort geschlossen wurde und die Produktion von Chantre, Mariacron, Eckes Edelkirsch sowie weiteren Produkten 2001 nach Nordhausen verlagert wurde. Somit hatten wir gefühlt ein neues Leben erkämpft.”

Der Zufall wollte es, dass Robert und ich seit etwas mehr als einem Jahr Nachbarn sind. Die beiden Grundstücke trennt jedoch kein Zaun, sondern ein rund 80 Meter breiter Ackerstreifen. Wenn der Wind es zulässt und Robert genüsslich an einer Zigarre an seinem Gartenzaun zieht, dann klappt die ganz einfach Kommunikation auch ohne elektronische Hilfsmittel.

In diesem einen Jahr haben wir uns näher kennengelernt und der gemütliche, immer hilfsbereite Robert erzählte mir, wie er den Job als Chef machte: “Ich würde meinen Führungsstil als kooperativ bezeichnen. Meine Mitarbeiter wurden bei Entscheidungsfindungen immer einbezogen, wir lebten eine offene Kommunikation und die Kultur des gegenseitigen Respekts wo aber auch sachliche Kritik geäußert werden konnte. Jeder Mitarbeiter und jede Führungskraft konnte und sollte sich mit Ideen einbringen, sonst hätte Nordbrand diese Rolle am Markt über die letzten Jahrzehnte nicht behaupten können. Und ich hatte und habe tolle Mitarbeiter”.

Aber mal ehrlich, in einer Welt harter Verhandlungen, dem Abwägen vor wichtigen Entscheidung reicht doch diese “Tour” nicht immer aus. Becke schmunzelt: “Als typischer Chef wurde ich meistens nur bei wichtigen Verhandlungen mit Kunden und Lieferanten beim Aushandeln von Konditionen und wenn es um unsere Firma ging wahrgenommen. Meine Kolleginnen und Kollegen haben mir aber bescheinigt, dass ich auch in dieser ‘Rolle’ sehr erfolgreich zum Wohle von Nordbrand agiert habe.”

Für Nordbrand sieht Robert Becke eine positive Zukunft, die Pläne für die kommenden Jahre reifen. Er weiß aber auch, dass die Märkte für Alkoholitäten nicht unbedingt einfacher werden. Nachlassen wäre fatal: “Über viele Jahre behaupten wir unsere Position als größter deutscher Markenspirituosenproduzent und haben erst das zurückliegende Geschäftsjahr mit einem neuen Absatzrekord für Nordbrand innerhalb der letzten 30 Jahre beendet. Das darf uns nicht in Sicherheit wiegen, denn unsere Hauptprodukte neben dem Pfefferminzlikör wie zum Beispiel Korn und Weinbrand gehören nicht zu den Wachstumsprodukten im Spirituosenmarkt. Hier müssen wir Jahr für Jahr mit neu entwickelten Produkten oder gezielten Akquisitionen unsere führende Position im Markt behaupten.”

Mit “seiner Firma” hat Robert einen Altersteilzeitvertrag abgeschlossen, über die daraus folgenden personellen Veränderungen hatten wir bereits ausführlich berichtet. Robert Becke wird bis Ende 2023 in beratender Rolle verschiedene Projekte bis zu deren Ende mit begleiten. Gut so: Er wird Nordbrand mit seiner Erfahrung noch ein wenig erhalten bleiben.

Schon jetzt hat Robert Becke mehr Freizeit. Kommt da Langeweile auf? “Keineswegs, denn jetzt gibt es mehr Zeit für Familie, für Freunde, für Laufen, Wandern oder Radfahren”, lässt er sich entlocken. Bei der Wahrung eines kleinen Geheimnisses bleibt er eisern: “Neu wird sein, dass ich mich noch einmal einem Sportverein mit einer von mir schon länger nicht mehr praktizierten Sportart anschließen möchte.”

Robert wünscht sich für Nordbrand und den Spirituosenstandort in Nordhausen von Herzen eine erfolgreiche Zukunft. Toll wäre es, wenn Nordbrand auch künftig weitere Investitionen in neue Technologien am Standort tätigen kann. Nur so wird es möglich sein, als Leuchtturm mit der Marke Echter Nordhäuser kulturelle und soziale Projekte in der Region unterstützen zu können. “Gerade die Verbundenheit zu unserer Region gilt es zu erhalten und zu stärken”, sagt einer, der in dieser Region groß geworden ist.

Wenn man sich an einem solchen Porträt versucht, dann bleibt bei Menschen von Nordbrand die Frage nach den persönlichen genüsslichen Präferenzen natürlich nicht auf der Strecke. “Ich wurde durch meine norddeutsche Verwandtschaft in den zurückliegenden Jahren beeinflusst. Aus dem Echten Nordhäuser Doppelkorn ist nun der Doppelkümmel aus der Traditionsbrennerei als Favorit gewachsen und dazu ein frisches Helles.” Wohl bekomms, lieber Robert.
Peter-Stefan Greiner
Autor: psg

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