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Eine „Carmen“ der ganz besonderen Art

Sonnabend, 30. Oktober 2021, 16:01 Uhr
Seit Wochen freute Frau Z. auf das Ballett „Carmen“. Spätestens seit Ivan Alboresi am Nordhäuser Theater mit seinen immer wieder begeisternden und überraschenden Inszenierungen und Choreografien wirkt, verpasst sie keine Premiere...

Die Zuschauer konnten sich gestern Abend eine rote Rose "anstecken" (Foto: privat) Die Zuschauer konnten sich gestern Abend eine rote Rose "anstecken" (Foto: privat)
In meinen jüngeren Jahren habe ich Ballett schlichtweg übersehen, konnte mir einen Transport der Handlung ohne Worte nicht gut vorstellen. Wie falsch ich mit dieser Meinung aus meiner lange zurückliegenden Jugendzeit lag, zeigte Alboresis „Carmen“ mehr als eindrucksvoll.

Zunächst überraschte mich am gestrigen Abend die Breite des Publikums; von jung bis reifer reichte die Palette. Überraschend viele junge Leute waren zur Premiere gekommen und um es vorweg zu nehmen, zollten sie der über alle Maßen meisterhaft gelungenen Aufführung durch Standig Ovations Tribut. Selbst Zwischen-Applaus und Bravo-Rufe gab es vielfach und mehr als verdient für die herausragend guten Tänzer.

Seine Interpretation von „Carmen“ bezeichnet Alboresi selbst als Psychodrama. Und das war es auch. Die Tänzerinnen und Tänzer zeigten herausragende Klasse und transportierten mit jeder Faser ihres Körpers sämtliche Stimmungen und Gefühle, was Herz und Geist gleichermaßen ansprach. Dazu passend die Kulissen, die aus zwei überdimensionalen Stierhörnen und Wänden bestanden, was einfach klingt, aber nicht einfach war.

Grandioses Ballett (Foto: Theater Nordhausen) Grandioses Ballett (Foto: Theater Nordhausen)
Diese überdimensionalen Hörner wurden im Verlauf mehrfach gedreht, was die jeweilige Handlung unterstrich. Manchmal bildeten sie einen offenen, harmonischen Bogen, manchmal zeigten sie an der Spitzen auseinander und unterstrichen Aggressivität, Verzweiflung und Gewalt. Und natürlich die Rolle der Musik, die Wirkung des Zusammenspiels der miteinander verflochtenen Anteile aus Bizets und Shchedrins Carmen und Kompositionen von Julia Wolfe. Mir stockte manchmal der Atem bei der Dramatik, die im Zusammenspiel von tänzerischen Höchstleitungen, Musik, Kulissen und Beleuchtung entstand. Es passte einfach alles zusammen.

Ich gehöre zu dem Menschen, die eine Vorstellung noch lange beschäftigt, nachdem der Applaus verhallt ist. Und so beeindruckte mich auch, dass Alboresi und alle seine Künstler nicht einfach eine dramatische Geschichte erzählen, sondern dieser Welt etwas sagen wollen. Natürlich erwartet der Kenner bei „Carmen“ zügellose Leidenschaft, Skrupellosigkeit, erotisch aufgeheizte Stimmungen, Korruption und Verzweiflung. Aber dieses Ballett war viel mehr als das.

Die Geschichte drehte sich um das persönliche Drama von Don José; man konnte förmlich in seinen Kopf hineinsehen und das Ausmaß der sich anbahnenden Katastrophe erahnen, die sich wie in einem Strudel des Wahnsinns entwickelte und den Zuschauer mit sich riss. Extrem spannend war auch die Figur Tod, die das Leben der Handelnden begleitete und in ihren Gedanken immer wieder auftauchte.

Grandioses Ballett (Probenausschnitt) (Foto: Theater Nordhausen) Grandioses Ballett (Probenausschnitt) (Foto: Theater Nordhausen)
Aber auch Carmen willensstark, freizügig, emanzipiert und selbstbewusst stand zu ihrer Unabhängigkeit und ließ sich nicht auf die Einhaltung gesellschaftlicher Normen ein.

Es war ein Theatererlebnis der ganz besonderen Art und nach dieser Premiere ist sicher jeder Theaterliebhaber gut beraten, sich schnell um die wenigen Restkarten zu bemühen, die noch zu haben sind für die in jeder Hinsicht überzeugende „Carmen“.
Constance Z.
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Autor: red

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