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Der Lichtblick zum Wochenende

Bilder eines Sommers

Freitag, 20. August 2021, 09:00 Uhr
Früher, als es noch keine Digitalkameras gab, brachte meine Verwandtschaft zu Geburtstagen immer Umschläge voller Fotos mit: Der letzte Urlaub einer Tante in Irland, die Erstkommunion des Cousins usw. Ein Umschlag wurde geöffnet, die Fotografin oder der Fotograf nahm die Bilder heraus, reichte sie herum und erzählte dazu...

Dann kam der nächste mit seinem Umschlag an die Reihe. Ich habe diese Stunden geliebt.
Als die Generation meiner Großeltern langsam kleiner wurde, sammelten sich bei uns Hinterbliebenen Umschläge mit herrenlosen Fotos von noch viel früher an. Kleine schwarz-weiß-Bilder mit hübsch gestanztem Rand. Ich habe alle gesammelt, die sonst keiner haben wollte. Ab und zu schaue ich sie durch. Ein paar Gesichter erkenne ich, viele sagen mir gar nichts. Manchmal lasse ich mir von meinem Vater oder meinen Tanten Geschichten zu den Bildern erzählen. Soweit wie überhaupt noch jemand etwas zu den Bildern weiß. Zu vielen Gesichtern aus der Vergangenheit gibt es keine Namen mehr. Aber meist schaue ich mir nur einfach die vergangenen Szenen an:
Eine kleines Kind für das Foto auf ein Motorrad gesetzt. Die Mutter hält schützend den Arm darum. (Ob aus dem Kind wohl ein Motoradfahrer geworden ist?)
Mein Opa als junger Mann mit Anzug in seiner Kleingartenparzelle. (Aus welchem Anlass trug er im Garten bloß seinen Anzug?)
Sommererholung: Eine Gruppe Kinder am Badesee. (Aus welchen Kindern wohl Freunde fürs Leben geworden sind?)

Die versammelte Verwandtschaft auf der Hochzeit meiner Großeltern. Zwei Gäste bringen mit ihrem Posieren fröhliches Chaos in das Gruppenbild. (Wie klang das Lachen dazu? Und ob sich meine Oma heimlich über das Chaos geärgert hat?)
Szenen aus lange vergangenen Sommern schon ziemlich verblasst und kaum noch zu ergründen. Und dann frage ich mich: Was wird wohl aus den Szenen dieses Sommers 2021? Aus den Stunden im Freibad. Aus den Fahrradtouren an der Ostsee. Aus den Abenden in Biergärten. Aus den Ausflügen zu BUGA-Außenstandorten. Aus den Coronatests der Reiserückkehrer. Was wird aus den Szenen dieses Sommers?

Ein paar werden als WhatsApp-Status geteilt. Eine wird den Kollegen erzählt und eine wird der besten Freundin kichernd ins Ohr geflüstert. Einige Sommerszenen hegt und pflegt die Erinnerung. Vielleicht werden sogar noch welche als Fotos ausgedruckt und in ein Album geklebt. Aber irgendwann verblassen die Szenen. Dann sitzen die kommenden Generationen vor Instagram-Posts aus dem Sommer 2021, so wie ich heute vor den schwarz-weiß Fotos meiner Vorfahren sitze. Neugierig auf die Geschichten hinter den Szenen, aber die bleiben unerreichbar fremd.

Mich tröstet dann der Gedanke an den Einen, der meine Zeit in seinen Händen hält. All die schwarz-weiß Fotos und Instagram-Posts. All die Sommerszenen und die Geschichten dazu über Freibäder, Fahrradtouren und Biergärten. Bei Gott verblassen sie nicht. Er kann sie jeder Zeit hervorkramen und dazu erzählen: „Weißt du noch, damals, als…?“ Mich tröstet die Vorstellung, dass da Einer ist, der die Szenen aus den lange vergangenen Sommern und die Szenen aus dem Sommer 2021 sicher bewahrt. So kann ich jetzt baden gehen, Fahrrad fahren, im Biergarten sitzen und die Sommerzeit genießen. Ohne die Wehmut, dass alles bald Geschichte und vergessen sein wird. Geschichten werden die Sommerszenen sein. Aber nicht vergessen. Denn meine Zeit steht in Gottes Händen (Psalm 31,16).
Fröhliche Sommerszenen und Gottes Segen wünscht Ihnen Pfarrerin Theresa Hauser
Autor: red

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