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Rathaus setzt Prioritäten

Donnerstag, 29. Juli 2021, 13:00 Uhr
Vielleicht erinnern Sie sich noch, liebe Leserinnen und Leser der nnz, an die letzte Sitzung des Nordhäuser Stadtrates vor seiner verdienten Sommerpause: da gab es viel zu besprechen und zu beschließen. Manches auch nicht…

Gender (Symbolbild) (Foto: gerd altmann auf pixabay) Gender (Symbolbild) (Foto: gerd altmann auf pixabay)
Unter anderem wollte die Fraktion der AfD wissen, ob man sich im Nordhäuser Rathaus aktuell vielleicht auch dem Thema der gendergerechten Sprache widmen wolle. Das allerdings, so der Oberbürgermeister, sei keine Angelegenheit des Stadtrates, sondern Verwaltungshandeln. Damit war das Thema von der Tagesordnung verschwunden.

Also wurde in Nordhausen nicht über das scheinbar weltbewegende Thema diskutiert. Die Rolandstadt – eine Insel der Glückseeligen? Weit gefehlt, denn intern wird das Gendern schon bearbeitet. Unter „Federführung“ der Gleichstellungsbeauftragten kümmert sich ein Student der Nordhäuser Hochschule um das Projekt „Geschlechtergerechte Sprache in Wort und Schrift in der Stadtverwaltung Nordhausen“. Ziel sei es, so ist in der Rathaus-Postille zu lesen, einen Leitfaden zu erarbeiten. Dieser solle alle wichtigen Werkzeuge zur geschlechter-gerechten und diskriminierungsfreien Sprache enthalten.

Na also, hat nun das Rathaus in Nordhausen, zumindest intern, die Zeichen der Zeit erkannt. Da kann dann ein so unbedeutendes Projekt wie die Sperrung der Wallrothstraße erst einmal hinten an gestellt werden. Auch der Stadtrat scheint dem Zustand der Straßen in ihrer Gesamtheit kein besonderes Augenmerk zukommen zu lassen. Oder wurde ein Antrag der AfD in der jüngsten Sitzung nur abgelehnt, weil er von der AfD kam?

Nun werden vermutlich alle wichtigen Dokumente, die innerhalb des Rathauses kreiseln, und auch jene, die nach außen gesandt werden, gendergerecht verfasst sein. Das ist vermutlich genauso wichtig wie die Beibehaltung des Titels Fairtradetown. Eigentlich ist der Nordhäuser Kosmos damit gut aufgeteilt. Die einen kümmern sich um die Straßen, die anderen um ein Schild am Nordhäuser Rathaus. Ist vermutlich alles gleich wichtig für die Bürgerinnen und Bürger. Und was sagt die andere große Verwaltung, das Landratsamt dazu: "Das Landratsamt achtet bei jeder Kommunikation auf eine gendergerechte Sprache. In der Regel wird versucht, auf neutrale Sprache zu achten", heißt es in der Antwort aus der Behringstraße kurz und knapp.

Ob die das jedoch in der Wichtung genauso sehen, das wage ich zu bezweifeln. Denn laut einer aktuellen Forsa-Umfrage halten nur 18 Prozent der Befragten eine genderneutrale Sprache für wichtig und sehr wichtig. Auch in den Medien wird das Pausen-Geplapper als störend empfunden. Warum also soll es politisch und medial aber immer mehr durchgedrückt werden? Vermutlich, weil es eine Minderheit für wichtig hält? Oder weil es die gute, die richtige Minderheit für wichtig hält?

Wer aber ist die richtige Minderheit? Sind es jene, die neben „männlich“ und „weiblich“ auch gern „divers“ als Geschlecht im Personalausweis lesen wollten? Das jedoch können die nicht zu zuordnenden Menschleins, die gendergerecht auch „Ens“ (die Mitte des Wortes Mensch) genannt werden können, seit mehr als zwei Jahren. Ende 2018 wurde durch den Bundestag das Personenstandsgesetz entsprechend geändert. Im Frühjahr dieses Jahres befragte der mitteldeutsche Heimatsender mdr die entsprechenden Verwaltungen nach der Akzeptanz unter den Diversen. Allein in Thüringen hatten von der Möglichkeit des Eintragens sechs „Geschöpfe Gottes“ Gebrauch gemacht. Nun ja, mittlerweile könnten es vielleicht sieben sein.

In ganz Deutschland waren es nach zwei Jahren nicht einmal 400 Ein- oder Umtragungen. Dazu passt in diesem Land auch eine weitere Zahl: An deutschsprachigen Hochschulen gab es 2017 200 Professuren für Geschlechterforschung, sogenannte Genderprofessuren. Auch hier dürften es aktuell einige mehr sein, Drittmittel aus diversen Stiftungen dürften zunehmen.

Zu guter Letzt noch ein Blick auf den Standpunkt einer Institution, die bislang für die Sprache in diesem Land nicht ganz unmaßgeblich war und vielleicht auch noch ist: „Die Gesellschaft für deutsche Sprache unterstützt die Bemühungen um eine sprachliche Gleichbehandlung, gleichwohl empfiehlt sie nicht alle derzeit gängigen Methoden, um Sprache geschlechtergerecht zu gestalten, nämlich dann nicht, wenn sie einerseits den wichtigsten Kriterien nicht widersprechen und – nach heute gültigen Regeln – grammatikalisch und orthografisch nicht vertretbar sind. Demnach soll die Sprache verständlich, lesbar, vorlesbar und grammatisch korrekt sein sowie Eindeutigkeit und Rechtssicherheit gewährleisten. Insofern hat das Gender-Projekt der Nordhäuser Stadtverwaltung vermutlich noch einen langen Weg vor sich.
Peter-Stefan Greiner
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