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Historisches am Rathaus

Zwei kleine Dächer für die Geschichte

Dienstag, 13. Juli 2021, 11:00 Uhr
Der Zahn der Zeit macht vor nichts halt, auch nicht vor Dingen, die buchstäblich in Stein gemeißelt sind. Zwei Zeugnisse der langen und ereignisreichen Nordhäuser Geschichte werden dank eines kleinen Eingriffs nun hoffentlich noch ein wenig länger erhalten bleibenů

Überdacht und geschützt - die alte Steinplatte am Nordhäuser Rathaus (Foto: agl) Überdacht und geschützt - die alte Steinplatte am Nordhäuser Rathaus (Foto: agl)


Die Rede ist von den zwei steinernen Tafeln auf der rückwärtigen Seite des Nordhäuser Rathauses. Wind und Wetter haben den gemeißelten Zeitzeugen schwer zugesetzt. Vor allem um die ältere der beiden Platten hatte sich der Denkmalbeirat zuletzt Sorgen gemacht. Das Stück hat gute sechseinhalb Jahrhunderte mehr oder minder unbeschadet überstanden, da sollte man ihr nicht jetzt einfach beim Zerfall zusehen. Die zweite und jüngere Platte aus dem 18. Jahrhundert ist hingegen kaum noch zu entziffern und das war laut Quellenlage wohl schon gute hundert Jahre nach ihrer Errichtung der Fall.

Die alte Tafel ist bis heute für die Damen und Herren vom Fach gut lesbar und enthält gleich zwei Texte der Nordhäuser Ahnherren. Für die lokale Geschichtsschreibung ist das von einigem Interesse, bezieht sie sich doch auf den Bau des ersten Rathauses im Jahr 1360. Die Errungenschaft der damals noch vergleichsweise jungen Reichsstadt wird gebührend gefeiert: „Nach 1360 (Jahren) siehe da das schöne, gefensterte, rechteckige, hinreichend hohe Haus stehen, erbauet Haus samt Capelle unter diesen Bauherrn: Hermann von Werther, Siegfried Kremer und Ludwig Burner.“, steht auf der Tafel zu lesen. "Gefenstert" und "hinreichend hoch" sind Umstände, die es damals wohl durchaus Wert waren, besonders hervorgehoben zu werden. So etwas konnte sich nicht jeder Flecken im weiten Lande leisten. Der zweite Teil der Inschrift befasst sich mit einem für die Stadt entscheidenden, historischen Ereignis, der „Schlacht vor den Barfüßern“ im Jahr 1329, in der die Bürger einen Angriff des Grafen von Hohenstein am Barfüßer Tor zurückschlagen konnten.

Wo die Tafel damals genau aufgestellt oder angebracht wurde ist unklar, dass „alte“ Rathaus wurde bereits 1608 durch den bis heute kaum veränderten Bau ersetzt. Und da kommt der historisch bewanderte Zeitgenosse schon mal ins spekulieren. Michael Garke, Lokalhistoriker, Nordhäuser Roland und Mitglied des Denkmalbeirates, stellt die Vermutung in den Raum, dass es am alten Rathaus eine ganze Reihe solcher Tafeln gegeben haben könnte, eine Art städtische Chronik, die in Stein gemeißelt wurde. Ein Zeichen also, dass man sich schon damals um die eigene Vergangenheit Gedanken gemacht hat.

Oder haben sich die Stadtoberen hier schlicht selber feiern lassen? Die Jahrzehnte rund um den Bau des Rathauses waren von Unruhe in der Stadt geprägt. Die bereits erwähnte „Schlacht vor den Barfüßern“ hatte auch politische Hintergründe. Die Nordhäuser hatten zuvor ein paar wohlhabende Mitbürger aus der Stadt gejagt, unter anderem den Klerus. Die Geistlichen durften bald zurückkehren aber einige der Exilanten blieb dies verwehrt. Sie suchten beim Grafen in der Nachbarschaft Hilfe um ihre Rückkehr durchzusetzen, Notfalls mit Gewalt. Und auch danach darf man davon ausgehen, dass die Ratsherren in der Stadt nicht überall wohlgelitten waren. Nur 15 Jahre nach dem auf der Tafel erwähnten Datum wird die kleine Clique der Stadtoberen, die „Gefreundeten“ im „Sturm auf das Riesenhaus“ abgesetzt. War die Tafel also vielleicht ein Versuch sich in unruhigen Zeiten politische Legitimität nach außen zu projizieren? Ein Versuch der letztlich misslang?

Abseits neuer Quellenfunde dürften derlei Fragen nur schwer zu beantworten sein aber man tut in jedem Falle gut daran, die Zeugnisse zu erhalten, die man noch hat. Eben diese Aufgabe hat der neue Denkmalbeirat, der heute zum dritten mal zusammenkam. Die Überdachung der beiden Tafeln hatte man sich von der Stadtverwaltung erbeten und obwohl es dank Corona eine Weile gedauert hat, ist man nun froh eine am Ende recht unkomplizierte Lösung gefunden zu haben.

v.l.: Heidelore Kneffel, Hans-Jürgen Gerboth, Pia Wienrich, Michael Garke, Suzy Hesse und der Leiter des Bauordnungsamtes, Mike Szybalski,  (Foto: agl) v.l.: Heidelore Kneffel, Hans-Jürgen Gerboth, Pia Wienrich, Michael Garke, Suzy Hesse und der Leiter des Bauordnungsamtes, Mike Szybalski, (Foto: agl)


Das gemischte Gremium aus Architekten, Restauratoren und Historikern hat, wie der Name schon sagt, eine beratende Funktion und soll vor allem dann befragt werden, wenn es um Bauvorhaben geht. Dem Vorschlag Wolfgang Müllers, der unter anderem als Darsteller des Nordhäuser Stadtvaters König Heinrich bekannt sein dürfte, am Neuen Rathaus Holzfiguren der Stadtgründer Heinrich, Mathilde und Otto anzubringen, hat man eine Absage erteilen müssen. Das Haus selbst steht, anders als etwa das Riesenhaus, unter Denkmalschutz. Grundsätzlich begrüße man die Idee und das Engagement, nur direkt am Rathaus passe es eben nicht. Ein alternativer Standort sei aber in jedem Falle denkbar und man werde weiter mit Herrn Müller im Gespräch bleiben, hieß es heute im Beirat.

Auch um kleinere Kunstwerke und Überbleibsel kümmert man sich. Heidelore Knefffel etwa macht sich für die Rettung eines Betonreliefs am Standort der ehemaligen Frauenbergschule stark und würde es gerne sehen, wenn Denkmäler wie der Schillerstein oder die Wallrothsäule beschildert würden. Michael Garke kann ein wenig ruhiger schlafen seit das Dach des Waisenhaus gerichtet wurde und den hölzernen Balken im Inneren nicht das gleiche Schicksal droht, wie dem völlig zerfallenen Lindenhof. Bei letzterem ist wohl nur noch die Baumsammlung, das „Arboretum“ zu retten und da hat die Stadt direkt um die Mithilfe des Beirates gebeten, wie die Vorsitzende Pia Wienrich betont. Den Vorschlag zur Überdachung der letzten Überreste des Franziskanerklosters am Spendekirchhof will man im Zuge des Mensa-Neubaus wieder aufnehmen und auch in Sachen Stadtmauer hat man zumindest Wünsche. Der Schutz der alten Steintafeln ist Angesichts der vieler „Baustellen“ ein kleines aber schönes Etappenziel. Der Weg der noch zu gehen bleibt kennt, wie die Geschichte selbst, freilich kein Ende und die Zeit keine Gnade. Das was die Jahrhunderte überdauert hat für die Nachkommen zu erhalten ist Aufgabe einer jeden Generation, egal ob man das Jahr anno Domini 1360 oder das Jahr 2021 schreibt. Und es ist gut zu sehen, dass man das in Nordhausen nicht ganz vergessen hat.
Angelo Glashagel
Autor: red

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