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nnz-Reihe: Klimaschutz geht alle an (6)

Kaufentscheidungen machen Mühe

Donnerstag, 08. Juli 2021, 16:26 Uhr
In unserer Reihe zum Klimaschutz vom Nordhäuser Professor Viktor Wesselak und seiner Seminargruppe geht es heute um unser Kaufverhalten und die richtigen Entscheidungen dazu...

Klar, nachhaltiger Konsum ist mühsam. Die Entscheidung darüber, ob die Produkte nachhaltig oder gesund sind, an die Verbraucher auszulagern, perfide. Selbst wer sich intensiv mit dem eigenen Konsum auseinandersetzt, kann nicht jeden Aspekt berücksichtigen. Selbst Fairtrade- und Ökosiegel bedeuten nicht, dass ein Produkt nachhaltig und unter menschenwürdigen Arbeitsbedingungen hergestellt wurde. Für uns Konsumenten gilt es unsere Möglichkeiten abzuwägen und zusammen mit den Unternehmen, der Politik und der Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen.

Vor allem bei großen Entscheidungen ist viel Potential vorhanden die Weichenstellung auf Nachhaltigkeit zu setzen. Dabei geht es nicht nur um die Klimabilanz der Produkte, sondern auch um faire Arbeitsbedingungen bei der Herstellung und fairen Handel. Auch bei der Geldanlage kann man verantwortungsbewusst vorgehen und nachhaltige Projekte fördern.

„Sonstiger Konsum“ macht im CO2-Fußabdruck-Rechner des Umweltbundesamts ein Drittel der durchschnittlichen CO2-Emissionen aus. Er wird vor allem durch das Kaufverhalten, die Kaufkriterien und die Entscheidung ob neu oder gebraucht bestimmt. Den Einstieg in einen bewussten und nachhaltigen Konsum ist für alle möglich. Wo man anfängt, liegt ganz bei den individuellen Möglichkeiten. Nachhaltigkeit ist ein Prozess, bei dem sich die Herausforderungen und Themen stetig weiterentwickeln und sich neue Gelegenheiten eröffnen. Verbraucher haben einen großen Einfluss, auch wenn oft die Rahmenbedingungen im Weg zu stehen scheinen. Je häufiger man zu nachhaltigen Produktalternativen greift, desto stärker wird der Druck auf Unternehmen, Produkte und Dienstleistungen anzubieten, welche auf eine nachhaltige Entwicklung hinwirken.

Mit Blick auf eine stetig wachsende Weltbevölkerung und begrenzte Ressourcen auf unserer Erde stellt sich die Frage, wie zukünftig der Lebensbedarf von zwölf Milliarden Menschen gedeckt und trotzdem Partizipation am Konsum sichergestellt werden kann.
Die Relevanz für den Bürger spiegelt sich im Anteil der gesamten Treibhausgasemissionen in Deutschland wider. Der Konsum privater Haushalte ist für mehr als ein Viertel dieser verantwortlich. Die Produktion der Konsumgüter ist dabei noch nicht einmal einbezogen. Das bedeutet: Der Konsum von Produkten beeinflusst immer stärker nicht nur die wirtschaftliche und soziale Situation der Menschen, sondern auch den Zustand der Umwelt. Im Gebrauch und der Herstellung von Produkten liegt folglich ein großes Potenzial zur Verringerung der Umweltbelastung. Potenziale zu erkennen und zu nutzen ist unerlässlich, um so eine Diskussion um unsere Lebensstile und unsere Verantwortung beim Konsum zu fördern!

Ein Modell der Nachhaltigkeitstheorie ist das 3 Säulen Modell der Nachhaltigkeit: Ökologie, Ökonomie und Soziales. Um diese drei Zielen gleichermaßen gerecht zu werden, gibt es wiederum drei Strategien, die man auch im privaten beim Konsum anwenden kann: die Effizienz-, Konsistenz- und Suffizienz- Strategie werden im Folgenden anhand von kurzen Beispielen erläutert.

Effizient ist sicherlich die in der öffentlichen Wahrnehmung bekannteste der drei Strategien. Sie will das Verhältnis der eingesetzten Ressourcen zu den mit ihnen erzielten Ergebnissen verbessern. Da Effizienzsteigerungen oftmals aus technischen Innovationen hervorgehen und keine Änderung des eigenen Lebensstils erfordern, erfreuen sich diese über große Zustimmung in der Bevölkerung. Schaut man hier beispielsweise auf den Neukauf von einem Auto, kommt es jedoch häufig zu einem sogenannten Rebound Effekt. Das neue sparsame Auto braucht weniger Benzin. Also fährt man damit weitere Strecken oder nimmt das Auto statt der Bahn, ist ja nicht mehr so teuer. Besonders die Haushalte, die normalerweise wenige Kilometer fahren, fahren mit sparsamen Autos deutlich mehr und verfahren dadurch bis zu 80 Prozent der eingesparten Energie. Wohingegen Viel- Fahrende-Haushalte nicht viel mehr fahren, nur weil das Auto weniger Sprit braucht. Das zeigt eine Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung.

Eine weitere Strategie ist die Konsistenz, sie beschäftigt sich mit der Vereinbarkeit von Natur und Technik. Auch diese lässt sich beispielsweise am Mobilitätssektor beschreiben. Durch Cradle-to-Cradle Lösungen sollen kreislauffähige Autos entwickelt werden, damit die verwendeten Materialien einen positiven Fußabdruck hinterlassen. Hier sind die Unternehmen gefragt, die Produkte auf Haltbarkeit und Reparierbarkeit zu überprüfen. Konsumierende können das Produkt dann beispielsweise in Repair Cafés selbst oder von Fachkräften reparieren lassen und weiterverwenden. Thüringen unterstützt aktuell die Reparatur von kaputten Haushalts-Elektrogeräten mit einem Reparaturbonus in Höhe von 50 Prozent der Reparaturkosten.

Die dritte Strategie ist die Suffizienz. Übersetzen könnte man diese Strategie in die Frage „Was brauche ich wirklich?“. Das heißt Kaufentscheidungen davor bewusst zu hinterfragen. Anders als die beiden Strategien zuvor liegt die Grundlage der Suffizienz nicht in technischen Neuerungen, sondern im Verhalten der Menschen selbst. Bei genauerer Betrachtung wird jedoch klar, dass Suffizienz nicht nur auf Verzicht beruht, sondern vielmehr die Frage nach dem rechten Maß stellt. Im Mobilitätssektor stehen uns für die Anwendung der Suffizienz Strategie drei Handlungsoptionen zur Verfügung: Wege mit verhaltensbedingt geringerem Emissionsfaktor zurücklegen, Weglänge verkürzen oder Wegeanzahl verringern.

Wir alle können viel durch unser Handeln bewirken! Achten wir vermehrt beim Kauf auf nachhaltige Kleidung/faire Firmen, müssen auch andere Unternehmen darauf reagieren. Beispiele finden sich in allen Konsumkategorien. Auch die Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen am nachhaltigen Konsum wird durch das „Nationale Programm für nachhaltigen Konsum“ durch die Bundesregierung unterstützt. Jeder kann und sollte einen Teil beitragen, denn wir haben die Welt nicht von unseren Eltern geerbt, sondern von unseren Kindern geliehen (Tell).
Seminargruppe Nachhaltigkeit an der Hochschule Nordhausen
Autor: red

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