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Glücklicher Fund nach fünf Jahren

Ein kleines Kriminal-Drama

Dienstag, 06. Juli 2021, 08:30 Uhr
Ein mutmaßlicher Einbrecher und Hehler, ein Fahrrad-Enthusiast der nie aufgegeben hat, zwei gute Freunde und die Polizei sind die Zutaten für ein kleines Kriminaldrama, dass sich in Nordhausen am Wochenende abspielte…

Lange vermisst, endlich wieder da - das Tandem aus den 1930er Jahren darf als echtes Unikat gelten. Dieses Foto ist noch aus der Zeit vor dem Einbruch (Foto: privat) Lange vermisst, endlich wieder da - das Tandem aus den 1930er Jahren darf als echtes Unikat gelten. Dieses Foto ist noch aus der Zeit vor dem Einbruch (Foto: privat)

Vor gut fünf Jahren traf unseren Fahrrad-Enthusiasten, nennen wir ihn „Maik“, ein schwerer Schlag: sein in mühevoller Kleinarbeit restauriertes Tandem wurde gestohlen. Der Einbruch an sich war einigermaßen spektakulär um nicht zu sagen dreist. Der oder die Einbrecher überwanden in den Morgenstunden eines späten Maitages 2016 ein gut zwei Meter hohes und fest verschlossenes Holztor und machten sich ungesehen mit dem 2,6 Meter langem Tandem davon. Das gute Stück war kein Drahtesel von der Stange sondern ein „Cito-Tandem“ Baujahr 1930, liebevoll aufgearbeitet und mit modernen Teilen versehen. Ein Unikat.

Das wird man nicht so ohne weiteres los und so hegte „Maik“ die vage Hoffnung das sein Fahrrad irgendwann, irgendwo im Netz wieder auftauchen würde. Die nnz bat er kurze Zeit nach dem Einbruch die bereit gestellten Bilder wieder aus dem Artikel zu entfernen. Wer auch immer sein Rad gestohlen hatte sollte sich in Sicherheit wägen und das einzigartige Gefährt, irgendwann, im Netz anpreisen. Maik zog alle Register, informierte sogar einen Tandem-Verleih aus dem fernen Potsdam.

Fünf lange Jahre gehen ins Land und wir kommen zum Auftritt von Freund Nummer 1, „Hermann“. Der betreibt besagten Tandem-Verleih für Touristen und hat den überschaubaren deutschen Markt schon von Berufswegen stets im Blick. Und so klingelte am Samstagabend das Telefon in Nordhausen: „Maik, dein Fahrrad ist da“. Das einzigartige Gefährt, Marktwert um die 2000 Euro und im ideellen Wert unbezahlbar, war in einem Anzeigenportal zum Preis von schlappen 200 Euro aufgetaucht, abzuholen in Steigerthal bei Nordhausen.

Der Eigentümer konnte es kaum fassen, wollte schnell handeln und schaltete die Polizei ein. Der aber waren rein rechtlich die Hände gebunden, die Beamten können nicht ohne weiteres Haus und Hof auf einen reinen Verdacht hin stürmen. Erst einmal musste der Eigentümer sein Gefährt einwandfrei identifizieren. Also legte man sich einen Plan zurecht. Keine 24 Stunden nach dem Anruf aus Potsdam gibt sich der Bestohlene zusammen mit Freund Nummer zwei, nennen wir ihn „Gerhard“, als potentieller Käufer aus. Man kontaktiert den Verkäufer unter falschem Namen, denn wie dem eingefleischten Nordhäuser bekannt ist, ist unsere kleine Stadt nur allzu oft ein Dorf, in dem über Ecken jeder jeden zu kennen scheint. Die Polizei würde zum Einsatz bereit unweit der genannten Adresse Position beziehen. Gesagt, getan.

Nun sollte sich aber, just zur Stunde der geschäftlichen Transaktion, nach einem kurzen Telefonat mit dem Verkäufer herausstellen das der gar nicht am genannten Treffpunkt wohnhaft war, sondern ein paar Straßen weiter. Maik informiert hastig die Polizei über die Lage, die positioniert sich neu. Dann die Übergabe. Das Duo incognito macht Bekanntschaft mit dem mutmaßlichen Einbrecher und/oder Hehler, übt sich im Small-Talk, bewundert das schicke Auto des Verkäufers und natürlich das formidable Fahrrad. Der restaurierte, historische Rahmen, die originale Trapez-Federgabel, die neuen Bauteile - es ist alles da. So ein Rad gibt es kein zweites Mal.

Als klar ist, dass es sich zweifelsfrei um das gesuchte Tandem handelt, schickt Maik seinen Freund los, „um das Auto zu holen“. Tatsächlich soll er die Polizei informieren, der Zugriff kann erfolgen. Gerhard ist ein herzensguter Mensch und gestandener Mann von einigem Format aber nicht mehr der jüngste. Und nun steht er in Steigerthal und hat keinen Empfang. Er wird, verständlicherweise, etwas nervös. Auch Maik fragt sich wo der Freund bleibt, geht nachsehen und hat zum Glück ein eigenes Handy, das ausreichend Empfang hat.

Ehe die Polizei da ist, fährt Gerhard mit dem Auto vor, man druckst noch ein bisschen rum, rangiert um die Einfahrt zu blockieren, hält den Verkäufer hin. Schließlich stehen die Beamten mit zwei Streifenwagen vor der Tür. Der mutmaßliche Kriminelle beteuert seine Unschuld, das Fahrrad stehe schon seit Jahrzehnten hier, er habe nichts gestohlen und wenn, dann muss es der Opa gewesen sein, der bereits verstorben ist, beschreibt Maik die Szene. Wir denken kurz an jenen Maitag zurück, um diese spezielle Aussage einzuordnen.

Ist der Verkäufer auch der Dieb? Ein Mittelsmann? Ein eigentlich unbeteiligter Dritter, der über andere Kanäle an das Rad gekommen ist? War es „der Opa“? Wie das kleine Drama im Epilog ausgeht, muss nun die Justiz klären. Für unseren Fahrrad-Freund „Maik“ hat die Sache einen glücklichen Ausgang genommen. „Ohne die zügige und reibungslose Abstimmung mit der Polizei hätte das so sicherlich nicht geklappt. Die Beamten vor Ort waren wirklich spitze, dafür ein großes Dankeschön“, freut sich der überglückliche Besitzer des Tandems.

Sein Herzstück ist nun wieder da. Nur die damals neuen und hochwertigen Sättel fehlen inzwischen. Der Schaden am Rad halte sich davon abgesehen in Grenzen, sagt uns „Maik“. Nur noch ein Wermutstropfen verbleibt: sein „Cito-Tandem“ verweilt bis auf weiteres in der Aservatenkammer der Nordhäuser Polizei.
Angelo Glashagel

Anm. d. Red.: Klarnamen wurden von der Redaktion geändert
Autor: red

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