nnz-Reihe: Klimaschutz geht alle an/ Teil 4
Ist das Eigenheim wirklich notwendig?
Freitag, 25. Juni 2021, 10:15 Uhr
In unserer Reihe zum Klimaschutz vom Nordhäiuser Professor Viktor Wesselak und seiner Seminargruppe dreht sich heute alles um das Thema "Wohnen"...
Unser Anspruch ans Wohnen nimmt immer mehr zu. Durchschnittlich hat sich unsere Wohnfläche pro Person seit 1965 (23qm) auf 47 qm verdoppelt! Im Durchschnitt wohnen heutzutage nur zwei Personen in einem Haushalt. Ein Grund dafür sind die, mit einem Anteil von knapp 40%, deutlich im Trend liegenden Ein-Personenhaushalte. Ferner tragen gestiegene Ansprüche sowie arbeitsbedingte Zweitwohnungen ebenfalls ihren Teil zum Flächenanstieg bei. Obwohl die Bevölkerung in Thüringen abnimmt (-2,2%, 2019), steigt der Wohnungsbestand an (+2,2%).
Jeder verbrauchte qm Wohnfläche wirkt sich auf Umwelt und Klima aus: Heizung, Energie, Beleuchtung, Möblierung, Instandhaltung und Reinigung fallen allein innerhalb der Wohnung/des Hauses an und steigern den eigenen Energie- und Ressourcenverbrauch. Zusätzlich muss noch die anteilige Grundstücksfläche pro Person beachtet werden und der Anteil an neuen Erschließungswegen sowie anderer Infrastruktur.
Da es gilt, den Trend dem Klima zuliebe wieder umzukehren, müssen die vielen Ein- und Zwei-Personenhaushalte näher betrachtet werden. Diese haben eine deutlich höhere Flächeninanspruchnahme, da sie genauso wie ein Mehrpersonenhaushalt Bad, Küche und Flur benötigen. Diese Flächen fallen hier deutlich mehr ins Gewicht, sodass die Wohnfläche pro Person steigt. In Zahlen ausgedrückt: der durchschnittliche Ein-Personenhaushalt liegt bei 60qm, während Zwei-Personenhaushalte mit 48qm pro Person um ein-Drittel niedriger liegen. Mehr-Personenhaushalte sind positive Spitzenreiter mit 33qm pro Person. Hinzu kommen weitere Vorteile: geringerer Mietpreis pro Person, geringere Nebenkosten für Strom und Heizung, weniger Fläche für unnötigen Konsum und natürlich der Vorteil von guter Gesellschaft am Abend.
Der Wunsch nach dem neugebauten, selbst gestalteten Eigenheim treibt viele an neu zu bauen. Das Bauen auf der grünen Wiese hat neben ökologischen auch andere Nachteile. Durch Flächenversiegelung zerstören wir das Ökosystem Boden und nehmen ihm so die Fähigkeit Wasser aufzunehmen. So kann sich das Mikroklima nicht mehr regulieren und die Umgebungstemperatur steigt. Die sommerliche Überhitzung wird gerade dann unangenehm, wenn wieder einmal alle Ventilatoren ausverkauft sind. Durch den Flächenzubau kann vermehrt auftretendem Starkregen schlechter standgehalten werden. Die in kurzer Zeit auftretenden Wassermengen können nicht mehr versickern, wodurch Wasser- und Schlammfluten das Kanalnetz überlasten und Häuser beschädigen.
Während neue Häuser entstehen, werden Wohnungen in Ortszentren nicht mehr saniert und verfallen. Zunehmender Leerstand in Ortskernen führt zu wirtschaftlich unattraktiven Orten. Hinzu kommen zusätzlich benötigte Verkehrswege, da die Wohngebiete außerhalb der bestehenden Strukturen entstehen. Neben der Flächenversieglung erhöht sich die individuelle Mobilität – zumeist mit mindestens einem Auto pro Haushalt, eher pro Person.
Sind die Kinder erst einmal aus dem Haus, ist das Einfamilienhaus ein Graus. Leerstehende Kinderzimmer und mehrere Hobbyräume könnten durch ein flexibles System wiederbelebt werden. Beispielsweise das Haus umfunktionieren zu mehreren Wohnungen oder direkt an eine junge Familie weitergeben welche den Platz wirklich benötigt.
Laut dem CO2-Rechner des Umweltbundesamtes emittiert jede*r von uns durchschnittliche 2,74 t CO2 für Wohnen und Strom. Das sind allein ungefähr 25% unseres jährlichen Ausstoßes, hier kann man also viel bewirken. Im Mittel wohnen zwei Personen auf 95qm, nutzen eine fossile Heizung und den Strommix Deutschland. Durch Wohnflächenreduzierung und Strom/Heizung aus erneuerbaren Energien kann hier deutlich Einfluss genommen werden: Wohnen jetzt fünf Personen auf einer Fläche von 120qm, betreiben ihre Heizung durch erneuerbare Energie und beziehen Ökostrom, lässt sich die CO2 Bilanz auf 0,28 t CO2 pro Jahr senken. Das entspricht einer Verringerung um 90%! Auch die Sanierung von Bestandsgebäuden wird immer wichtiger, um die deutschen Klimaschutzziele bis 2050 zu erreichen.
So können wir uns also selbst fragen:
Flächen sollten zukünftig bewusst, sozial gerecht, umweltschonend und ökonomisch sinnvoll genutzt werden. Daher stellt sich die Frage, ob wir Neubaugebiete weiterhin unterstützen sollten, obwohl so Wohnungen in Ortskernen verfallen und sich die negativen Auswirkungen für die Umwelt und Klima weiter steigern. Sanierung und bedarfsgerechter Umbau sollten vor Neubau stehen. Der Leitsatz Innenentwicklung vor Außenentwicklung und Konzepte wie Mehrgenerationenhäusern gehen hier erste Schritte in die richtige Richtung!
Seminargruppe Nachhaltigkeit an der Hochschule Nordhausen
Autor: redUnser Anspruch ans Wohnen nimmt immer mehr zu. Durchschnittlich hat sich unsere Wohnfläche pro Person seit 1965 (23qm) auf 47 qm verdoppelt! Im Durchschnitt wohnen heutzutage nur zwei Personen in einem Haushalt. Ein Grund dafür sind die, mit einem Anteil von knapp 40%, deutlich im Trend liegenden Ein-Personenhaushalte. Ferner tragen gestiegene Ansprüche sowie arbeitsbedingte Zweitwohnungen ebenfalls ihren Teil zum Flächenanstieg bei. Obwohl die Bevölkerung in Thüringen abnimmt (-2,2%, 2019), steigt der Wohnungsbestand an (+2,2%).
Jeder verbrauchte qm Wohnfläche wirkt sich auf Umwelt und Klima aus: Heizung, Energie, Beleuchtung, Möblierung, Instandhaltung und Reinigung fallen allein innerhalb der Wohnung/des Hauses an und steigern den eigenen Energie- und Ressourcenverbrauch. Zusätzlich muss noch die anteilige Grundstücksfläche pro Person beachtet werden und der Anteil an neuen Erschließungswegen sowie anderer Infrastruktur.
Da es gilt, den Trend dem Klima zuliebe wieder umzukehren, müssen die vielen Ein- und Zwei-Personenhaushalte näher betrachtet werden. Diese haben eine deutlich höhere Flächeninanspruchnahme, da sie genauso wie ein Mehrpersonenhaushalt Bad, Küche und Flur benötigen. Diese Flächen fallen hier deutlich mehr ins Gewicht, sodass die Wohnfläche pro Person steigt. In Zahlen ausgedrückt: der durchschnittliche Ein-Personenhaushalt liegt bei 60qm, während Zwei-Personenhaushalte mit 48qm pro Person um ein-Drittel niedriger liegen. Mehr-Personenhaushalte sind positive Spitzenreiter mit 33qm pro Person. Hinzu kommen weitere Vorteile: geringerer Mietpreis pro Person, geringere Nebenkosten für Strom und Heizung, weniger Fläche für unnötigen Konsum und natürlich der Vorteil von guter Gesellschaft am Abend.
Der Wunsch nach dem neugebauten, selbst gestalteten Eigenheim treibt viele an neu zu bauen. Das Bauen auf der grünen Wiese hat neben ökologischen auch andere Nachteile. Durch Flächenversiegelung zerstören wir das Ökosystem Boden und nehmen ihm so die Fähigkeit Wasser aufzunehmen. So kann sich das Mikroklima nicht mehr regulieren und die Umgebungstemperatur steigt. Die sommerliche Überhitzung wird gerade dann unangenehm, wenn wieder einmal alle Ventilatoren ausverkauft sind. Durch den Flächenzubau kann vermehrt auftretendem Starkregen schlechter standgehalten werden. Die in kurzer Zeit auftretenden Wassermengen können nicht mehr versickern, wodurch Wasser- und Schlammfluten das Kanalnetz überlasten und Häuser beschädigen.
Während neue Häuser entstehen, werden Wohnungen in Ortszentren nicht mehr saniert und verfallen. Zunehmender Leerstand in Ortskernen führt zu wirtschaftlich unattraktiven Orten. Hinzu kommen zusätzlich benötigte Verkehrswege, da die Wohngebiete außerhalb der bestehenden Strukturen entstehen. Neben der Flächenversieglung erhöht sich die individuelle Mobilität – zumeist mit mindestens einem Auto pro Haushalt, eher pro Person.
Sind die Kinder erst einmal aus dem Haus, ist das Einfamilienhaus ein Graus. Leerstehende Kinderzimmer und mehrere Hobbyräume könnten durch ein flexibles System wiederbelebt werden. Beispielsweise das Haus umfunktionieren zu mehreren Wohnungen oder direkt an eine junge Familie weitergeben welche den Platz wirklich benötigt.
Laut dem CO2-Rechner des Umweltbundesamtes emittiert jede*r von uns durchschnittliche 2,74 t CO2 für Wohnen und Strom. Das sind allein ungefähr 25% unseres jährlichen Ausstoßes, hier kann man also viel bewirken. Im Mittel wohnen zwei Personen auf 95qm, nutzen eine fossile Heizung und den Strommix Deutschland. Durch Wohnflächenreduzierung und Strom/Heizung aus erneuerbaren Energien kann hier deutlich Einfluss genommen werden: Wohnen jetzt fünf Personen auf einer Fläche von 120qm, betreiben ihre Heizung durch erneuerbare Energie und beziehen Ökostrom, lässt sich die CO2 Bilanz auf 0,28 t CO2 pro Jahr senken. Das entspricht einer Verringerung um 90%! Auch die Sanierung von Bestandsgebäuden wird immer wichtiger, um die deutschen Klimaschutzziele bis 2050 zu erreichen.
So können wir uns also selbst fragen:
- Wie viel qm fallen auf mich zurück? Brauche ich diese wirklich?
- Beziehe ich meinen Strom/Heizung aus erneuerbaren Energien?
- Muss ich wirklich neu bauen? Oder ist ein Generationentausch möglich?
Flächen sollten zukünftig bewusst, sozial gerecht, umweltschonend und ökonomisch sinnvoll genutzt werden. Daher stellt sich die Frage, ob wir Neubaugebiete weiterhin unterstützen sollten, obwohl so Wohnungen in Ortskernen verfallen und sich die negativen Auswirkungen für die Umwelt und Klima weiter steigern. Sanierung und bedarfsgerechter Umbau sollten vor Neubau stehen. Der Leitsatz Innenentwicklung vor Außenentwicklung und Konzepte wie Mehrgenerationenhäusern gehen hier erste Schritte in die richtige Richtung!
Seminargruppe Nachhaltigkeit an der Hochschule Nordhausen

