nnz-online

Voll daneben

Dienstag, 20. September 2005, 10:19 Uhr
Nordhausen (nnz). Der Ausgang der Bundestagswahl vom Sonntag hat so ziemlich alle und jeden überrascht, die sich im Vorfeld mit diesem Ereignis beschäftigt hatten. Vor allem aber die Nachrichtenmacher...


Man konnte fast jede Zeitung aufschlagen, die sich den Anspruch der Seriosität, Überparteilichkeit und all die anderen Attribute unter den Zeitungstitel geschrieben hat. Fest stand für die vereinigte Journaille schon lange vor dem 18. September: Es wird der Wechsel gewählt. Schröder geht für die SPD auf Abschiedstour und es wurden – mal weniger, mal mehr versteckt - die gut gemeinten Wahlempfehlungen ausgesprochen.

Ob man Gerhard Schröder nun mag oder nicht, mit seiner Kritik an den Medien hat er ganz klein wenig recht. Es war vermutlich eine einseitige Medienschlacht. Zwar gab es da auch Ausrutscher wie „den Wissenschaftler Kirchhof“, von dem jeder Satz gierig aufgesaugt und interpretiert wurde. Doch was sich die Bild-Zeitung in diesem Wahlkampf leistete, das war einfach hochgradig peinlich.

Dann das Entsetzen: Was ist um 18 Uhr am 18. September passiert? Das Volk hat anders gewählt als die Medienmacht es vorgeschrieben und vorgeredet hatte. Zwar wird jedes Lager seine linientreue Interpretation rüberbringen, doch das Volk, das zum Teil ja auch Leser, Hörer und Zuschauer ist, das hat eine eigene Meinung. Und das ist gut so. Vielleicht sollten die Medienbosse sowie ihre schreibenden und sprechenden Angestellten dem Volk wieder mal auf den Mund schauen, statt ihrer eigenen Verliebtheit und dem aufkommenden Rausch der Macht zu verfallen.

Spätestens nach der Auswertung der TV-Duells zwischen Merkel und Schröder müssen sich die Experten doch im Klaren gewesen sein: Die Ober-Journalisten und die Mehrheit der Fernsehzuschauer haben zwei unterschiedlichen Sendungen gesehen. Und wenn der Star-Reporter des ZDF, Peter Hahne, kurz nach 18 Uhr am Sonntag Angela Merkel allen Ernstes mit „Guten Abend, Frau Bundeskanzlerin“ begrüßt, dann ist ein wenig mehr an Objektivität schon angebracht oder hinterlassen jahrelange Kolumnen in der Bild am Sonntag doch ihre Spuren?

Übrigens gibt es diese Erscheinungen nicht nur bei der Wahl. Unisono mit den Politikern haben die deutschen Medien mehr oder weniger unkritisch zur europäischen Verfassung berichtet und dem Rezipienten suggeriert, dass das deutsche Volk hinter diesem Schriftstück stehe. In dem Falle brauchen sich Politik und Medien zur Transportation von Meinungen. Bleibt da nur die Frage: Warum hat niemand wirklich das deutsche Volk nach dessen Meinung befragt? Wäre doch sehr spannend geworden, oder?

Vielleicht ist es auch schon so, wie John Swinton es mal ausdrückte: „Wenn ich meine ehrliche Meinung in einer Ausgabe meiner Zeitung veröffentlichen würde, wäre ich meine Stellung innerhalb von 24 Stunden los. Es ist das Geschäft der Journalisten, die Wahrheit zu zerstören, unumwunden zu lügen, zu pervertieren, zu verleumden, die Füße des Mammon zu lecken und das Land zu verkaufen für ihr tägliches Brot. Wir sind die Werkzeuge und Vasallen der reichen Männer hinter der Szene. Wir sind die Hampelmänner, sie ziehen Strippen und wir tanzen. Unsere Talente, unsere Fähigkeiten und unser ganzes Leben sind Eigentum anderer Menschen. Wir sind intellektuelle Prostituierte“. Übrigens: Dieser John Swinton war einst Redaktionsleiter und Personalchef der New York Times.
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnz

Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2026 nnz-online.de