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Angemerkt

Rathaus mit wenig Gespür für die Region?

Mittwoch, 02. Juni 2021, 10:00 Uhr
Zu einem starken Wirtschaftsstandort, wie Nordhausen im Nordhäuser Rathaus bezeichnet wird, gehört natürlich auch die entsprechende Werbung. Denn auch für die Freie und Reichsstadt steht der Spruch aus anderen Zeiten "Das Erreichte ist nicht das Erreichbare". Gesagt, getan...


Vermutlich können sich Menschen meiner Generation noch erinnern wie das war - damals, gleich nach der Wende. Die erste Welle der Versicherungsvertreter war über den Osten des gemeinsamen Deutschlands gerollt. Dann kamen die kleinen und mittleren Verlage, die Kalender, Faltblätter oder komplette Broschüren auf den Markt bringen wollten.

Darin wurde die Region vorgestellt, wurde erzählt, was man so alles vorhat, wie schön die Umgebung ist, welche gut ausgebildeten und vor allem arbeitswilligen Menschen es gibt oder welch tolle Unterstützung die kommunale Politik möglichen Investoren bieten kann. Die Ämter für Wirtschaftsförderung schossen ostdeutschlandweit aus dem Boden. In Nordhausen gab es gleich zwei solcher Ämter - eines für die Kreisstadt und eines für den Rest des Landkreises. Geblieben sind davon nur noch Rudimente, die Gründe des Dahinsiechens sind hinlänglich bekannt. Eigentlich muss man nur in die Goldene Aue gucken.

Doch die Verlage, die sich als quasi Wirtschaftsförderer anboten, sind immer noch unterwegs. Sie wollen Geld verdienen, was ihr gutes Recht ist. Und so kam irgendwann in dieser Zeit ein Verlag aus Bayern, der auch über Handelsvertreter in Nordthüringen verfügt, auf die Idee, im Nordhäuser Rathaus anzufragen, ob denn die Rathausspitze nicht etwas für die zeitgerechte Vermarktung der Stadt und der Region tun wolle. Man müsse zum Beispiel die Industriegeschichte oder die weichen Standortfaktoren in die Broschüre einbringen, denn letztlich solle es das Ziel sein, "wesentliche Standortfaktoren der Region darzustellen, um für Wirtschaftsansiedlungen in Stadt und Region zu werben und den Zuzug von jungen Familien zur Verbesserung der Fachkräftesituation zu generieren".

So steht es in einem von OB Buchmann unterschriebenen Brief an Unternehmen der Stadt Nordhausen, der der nnz vorliegt. Bis dahin alles gut und schön, wäre da nicht der vorletzte Satz gewesen: "Der Nordthüringer Unternehmerverband möchte das Projekt ebenfalls unterstützen und wird sich gesondert an seine Mitglieder wenden."

Gute Idee, denn immerhin wirbt der NUV für sich als mitgliederstärkster Wirtschaftsverband im gesamten Freistaat. Schlecht jedoch, beim Vorstand des NUV wusste man von der städtischen Aktion nichts und wurde erst durch - vorsichtig ausgedrückt - unfreundliche Anrufe aus der Mitgliedschaft darauf aufmerksam gemacht. Denn ein Mitarbeiter des Verlages aus Bayern soll zu diesem Zeitpunkt bereits die meisten Mitgliedsunternehmen kontaktiert haben.

Und so schrieb der NUV-Vorstand an den Herrn OB Buchmann, dass man als Verband keine eigene Werbeanzeige schalten werde. Und weiter heißt es: "Grundsätzlich hat sich der Vorstand dazu entschieden, derartige Werbeanzeigen und -anfragen von nicht regionalen Druck- und Verlagsunternehmen nicht an unsere Mitglieder weiterzuleiten. Zum einen ist nicht absehbar, inwieweit diese Broschüre derzeit durch uns genutzt werden kann, und zum anderen sind unter unseren Mitgliedsunternehmen und hier ansässigen Unternehmen zahlreiche Medien- bzw. Print- oder Verlagsunternehmen vertreten". Das seien unter anderem die Mediengruppe Thüringen Verlag GmbH, die Druckerei Mehlis, die Südharzdruckerei Nordhausen, die Kopier- und Druckservice KDS, die Druck- und Verlagsarbeiten Iffland und andere. "Diesen gegenüber wäre nicht kommunizierbar, weshalb der Nordthüringer Unternehmerverband – als Vertreter der regionalen Wirtschaft – Werbung für einen nicht hier ansässigen Verlag machen und Inserate einwerben sollte", so Niels Neu im Namen des Vorstandes.

Aus der Historie der Werbung ist bekannt, dass Verlage bei der Einwerbung von Anzeigen und damit zur Finanzierung des Gesamtprojektes gern auf Empfehlungsschreiben der kommunalen Politik zurückgreifen. Hier hat der NUV-Vorstand schon mal vorgebaut und schließt seine schriftlichen Nachricht an den OB mit folgendem Satz ab: "Sofern die Stadtverwaltung plant, mit einem ähnlichen Schreiben Inserate für den Mediaprint Infoverlag einzuwerben, bitten wir um Streichung des letzten Satzes im letzten Absatz in Ihrem o.g. Schreiben."

Zwischen den Fraktionen des Nordhäuser Rathaus gibt es - bei aller politischen und mitunter auch ideologischen Differenziertheit - doch eine mitunter schon rege Kommunikation. Die reicht bei diesem Thema von Unverständnis oder Kopfschütteln bis hin zur "Vervollständigung der Sammlung von Peinlichkeiten unseres Oberbürgermeisters."

Vermutlich scheint sich das Nordhäuser Rathaus immer noch in punkto Wirtschaftsförderung in den 1990er Jahren zu bewegen, als sich - wie oben beschrieben - die Verlage in Gemeinde- und Kreisverwaltungen sozusagen die Klinke in die Hände gaben. Das war damals vielleicht angesagt und in manchen Amtsstuben hängen noch heute Stadtpläne, deren Ränder oftmals wir abgeschnitten aussehen. Denn abgeschnitten wurde der Rand mit den Anzeigen von Unternehmen.

Nun, knapp 30 Jahre weiter, in Zeiten, da Telefonbücher stapelweise in Supermärkten rumliegen, in Zeiten, da es zum Beispiel ein "Ding" wie das Internet gibt, in dem sich nahezu alle tummeln, da muss es doch nicht noch eine weitere von vielleicht schon gefühlten 100 Werbebroschüren oder Standortatlanten geben. Das man dafür im Nordhäuser Rathaus jedoch keine Antenne hat? Schwamm drüber. Das man im Nordhäuser Rathaus scheinbar nicht zuerst an das lokale Verlegertum denkt, das ist die eigentliche Peinlichkeit.
Peter-Stefan Greiner
Autor: psg

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