Landschaftspflege und Artenschutz 2020
Die BUND-Artenschützer blicken zurück
Freitag, 12. Februar 2021, 08:27 Uhr
Licht und Schatten lagen im botanischen Artenschutz des Landkreises Nordhausen im Jahre 2020 eng beieinander. Bodo Schwarzberg bewertet für das zurückliegende Jahr unter anderem die Einsätze des BUND-Kreisverbandes im Landkreis Nordhausen...
Eigentlich sind die Schutzgebietsverordnungen für unsere Naturschutzgebiete eindeutig:
Zweck der Festsetzung als Naturschutzgebiet ist es,......
11.)Bedingungen zu erhalten oder zu entwickeln, die die biologische Vielfalt des Gebietes begünstigen und seltene, gefährdete und gesetzlich geschützte Tier- und Pflanzenarten, insbesondere Orchideen, Vögel, Reptilien und Insekten, vor nachhaltigen Beeinträchtigungen, Störungen und Veränderungen zu bewahren.
Dass der Zustand der Biodiversität in den deutschen Schutzgebieten und in den Schutzgebieten weltweit entgegen dieser und anderen Forderungen sowie Willenserklärungen oft deutlich hinter dem Gewünschten zurückbleibt, beklagte unlängst die Leopoldina, also die Nationale Akademie der Wissenschaften, in ihrer Publikation Nummer 24 / 2020. Dort schreiben die renommierten Autoren, dass die Qualität der Schutzflächen global verbessert werden muss.
Bezüglich der deutschen Schutzgebiete monieren sie, dass sie zwar durch Verordnungen geschützt aber in ...ihrer Schutzfunktion aufgrund des Vorranges der land- und forstwirtschaftlichen Nutzung und anderer Faktoren nicht ausreichend (sind – B.S.), um einen wirksamen Biodiversitätsschutz zu gewährleisten.
Zu diesen anderen Faktoren gehört unter anderem der unzureichende Schutz von bedrohten Pflanzen- und Tierarten an ihren jeweiligen Vorkommensorten. Dies wiegt umso schwerer, als die Populationen zahlreicher bedrohter Arten durch massive Rückgänge in den vergangenen hundert Jahren klein und isoliert sind, so dass schon geringfügige Veränderungen ihrer Umwelt ausreichen können, um sie zu vernichten.
Die deutschlandweit gefährdete und weiter zurückgehende Berg-Aster (Aster amellus) mit ihren typischen kurz-grauhaarigen Stängeln und Blättern besiedelt wärmeliebende, gern süd- und südwestexponierte Trocken- und Halbtrockenrasen sowie Säume und Gebüschränder in Gebieten mit kontinental getöntem Klima und kalkhaltigen Böden. (Foto: Bodo Schwarzberg)
Die jetztigen Anstrengungen, z.B. durch das Hotspot-Projekt des Landschaftspflegeverbandes Südharz-Kyffhäuser sind einerseits zu begrüßen, weil erstmals seit Jahren versucht wird, mehr Flächen als zuvor, im Sinne der Biodiversitätserhaltung und -förderung extensiv zu bewirtschaften.
Es treten jedoch noch zu viele Bewirtschaftungsfehler an entscheidenden Stellen mit hoher Biodiversität auf und es stellt sich u.a. die Frage, ob die eindeutig positiven Maßnahmen kontinuierlich, das heißt langfristig UND unter Berücksichtigung der Wuchsorte seltener Arten am Leben erhalten werden können.
Die Entwicklung von Populationen besonders sensibler Arten ist in Zeiten des grassierenden Artensterbens ein entscheidender Marker für die naturschutzfachliche Sinnhaftigkeit durchgeführter Pflegemaßnahmen und ein Gradmesser für die Effektivität der im Fall des Hotspot-Projektes eingesetzten nach Millionen zählenden Steuermittel.
Am Ende wird sich die rotrotgrüne Landesregierung und das von ihr aufgebaute System der Natura 2000-Stationen daran messen lassen müssen, was unter dem Strich für die bedrohten Arten und nicht zu vergessen, Pflanzengesellschaften, tatsächlich herauskommt.
Ehrenamtliche Pflegemaßnahmen des BUND-Kreisverbandes
Mitglieder und Freunde des BUND-Kreisverbandes Nordhausen führen seit 2010 kontinuierliche Pflege- bzw. Erhaltungsmaßnahmen überwiegend in Teilgebieten des Landkreises Nordhausen mit einer hohen Konzentration von Vorkommen seltener und bedrohter Pflanzenarten sowie Pflanzengesellschaften durch.
Dabei werden die jeweils durchgeführten Pflegemaßnahmen an den Ansprüchen der zu erhaltenden und zu fördernden Arten an dem Ziel ausgerichtet, deren Populationen zu erhalten und zu fördern. Dazu zählen zum Beispiel unerschiedliche Bewirtschaftungsintensitäten und -zeiten (räumliche und zeitliche Rotation) auf einem Halbtrockenrasen, die gezielte Anlage von Bodenverwundungen z.B. für einjährige Arten oder die Förderung von einzelnen Gehölzen als Schattenspender einerseits. Andererseits werden schonende Entbuschung oder zum Beispiel unmittelbare Artenhilfsmaßnahmen wie z.B. die Anlage von Erhaltungskulturen praktiziert. Im Prinzip versuchen wir, die einstige Vielfalt der Bewirtschaftung auf engstem Raum mit unseren Maßnahmen zu imitieren.
Auf je nach Zählweise mehr als 30 Flächen sind wir regelmäßig tätig. Gekoppelt wird das Ganze mit einem umfassenden Monitoringprogramm. Wir beobachten und erfassen Dutzende Populationen seltener Arten und passen unsere Pflegemodalitäten notwendigenfalls an. Wir ergänzen all diese Maßnahmen zudem durch Kontakte und den Erfahrungsaustausch mit Artenschützern und Forschern aus anderen Bundesländern.
Zentral ist ein Höchstmaß an Kontinuität der von uns durchgeführten Maßnahmen über viele Jahre hinweg, um die sich aus FFH-Richtlinie, Schutzgebietsverordnungen und Biodiversitätsstrategien abzuleitenden Forderungen für die Erhaltung der Biodiversität wenigstens ganz punktuell, aber verteilt über einem größeren Raum im Landkreis Nordhausen zu erfüllen.
Zwischen April 2010 und Dezember 2020 führten wir 110 Einsätze durch. Hinzu kamen bisher mehr als 500 Kleinstmaßnahmen. 2020 trafen sich die Freunde und Mitglieder des BUND-Kreisverbandes zu 19 landschaftspflegerischen Einsätzen. Dabei machten wir wiederum auch vor schwierigem Gelände nicht halt: Einige unserer Pflegeflächen befinden sich an Steilhängen in den Naturschutzgebieten Rüdigsdorfer Schweiz und Alter Stolberg und sind nur schwer zu begehen. Hitze und stundenlanges Harken in praller Sonne gehörte auch im zurückliegenden Jahr zu den Unannehmlichkeiten unserer Einsätze.
Aber gerade auf solchen abgelegenen, schwer begehbaren, ja mikroklimatisch extremen, besonders trocken-heißen oder aber feuchten bis nassen Flächen befinden sich nicht selten die letzten Wuchsorte so mancher seltener Pflanzenart.
Denkwürdig ist in diesem Zusammenhang wohl besonders der Einsatz am 8. August, bei einem Spitzenwert von 34 Grad auf dem BUND-Grundstück im künftigen NSG Bromberg bei Niedersachswerfen, an dem trotz der widrigen Bedingungen unsere älteren Mitstreiterinnen und Mitstreiter tatkräftig und stundenlang mitgewirkt haben.
Messbare Erfolge
Bei den bedrohten Pflanzenarten unserer Pflegeflächen gab es wiederum zahlreiche positive Entwicklungen. Hier eine kleine Auswahl:
Bei einem Vorkommen auf einem extensiv mit Rindern beweideten und von uns zwecks Erhaltung der Magerkeit und Lückigkeit nachgemähten bzw. vorsichtig entbuschten Fläche mit der Orchidee Blasses Knabenkraut konnte mit insgesamt 362 blühenden Pflanzen ein neuer Rekord seit Beobachtungsbeginn im Jahre 2010 ermittelt werden. Am zweiten großen Vorkommen dieser seltenen Orchideenart stellten wir zu zweit in einer aufwändigen Zählaktion mittels Raster 2073 Pflanzen insgesamt fest.
Allein durch diese Zahlen dürfte dem Landkreis Nordhausen möglicherweise eine bundesweite Bedeutung für die Erhaltung dieser seltenen und in ansonsten in eher kleinen Populationen auftretenden Orchideenart zukommen, deren Blüten den Duft schwarzer Johannisbeeren verströmen.
Im Naturschutzgebiet Alter Stolberg zählten wir am regional bedeutendsten Wuchsort der Gewöhnlichen Kuhschelle 774 Blüten auf nur wenigen Quadratmetern, - auch das die höchste Zahl der vergangenen Jahre. Hier sind wir nach Nutungsaufgabe seit 2016 bemüht, die aufgekommenen Gebüsche zurückzudrängen und die Magerkeit des Standorts zu erhalten. Die Gewöhnliche Kuhschelle gilt international, laut IUCN-red list, als potentiell gefährdet.
Einen neuen Höchstwert stellten wir auch bei der in Thüringen vom Aussterben bedrohten, unscheinbaren Schmalblättrigen Miere (Minuartia hybrida ssp. tenuifolia) fest, die in ganz Ostdeutschland nur noch über zwei, vielleicht drei bekannte Vorkommen verfügt: Dieses einjährige Nelkengewächs mit seinen kleinen, fünfzähligen, weißen Blüten profitiert indirekt von den Folgen der tendenziell immer trockener werdenden Frühjahre und Sommer. Im Verein mit der handmaschinellen Landschaftspflege entstehen immer mehr Vegetationslücken, in denen diese seltene Art einzudringen vermag, sofern es, wie 2020 gegeben, um Ende April nicht zu niederschlagsarm ist. Wir schätzten den Bestand auf rund 500 blühende Pflanzen, auch das ein neuer Rekord seit Beginn unserer regelmäßigen Beobachtungen im Jahre 2006.
Rückschläge durch Jahrhundertdürren
Natürlich gab es auch Rückschläge und nicht alle positiven Ergebnisse können allein auf eine artgerechte Landschaftspflege zurückgeführt werden.
Denn eine immer größere Rolle für Erfolge und Misserfolge im Artenschutz spielt der Klimawandel: Seit den verheerenden Dürren in den Jahren 2018 und 2019 sind zum Teil dramatische Rückgänge bis hin zu Komplettausfällen bei feuchte- und nässeliebenden Arten festzustellen, die in ihrer Intensität so bisher nicht bekannt waren:
An einem Wuchsort des in Thüringen gefährdeten Schmalblättrigen Wollgrases mit tausenden von Pflanzen gab es mehrere Jahre hintereinander keine blühenden Exemplare mehr. Bis 2017 hatte sich dieser Bestand durch handmaschinelle Mahd noch ausgesprochen positiv entwickelt. Auch einige Bestände im Harz scheinen auf die Dürrejahre zumindest mit fehlender Blütenbildung reagiert zu haben. Ob es auch Pflanzenverluste gibt, müssen die kommenden Jahre zeigen.
Bei den in Thüringen stark gefährdeten Arten Breitblättriges Knabenkraut und Sumpf-Herzblatt könnten allein die zurückliegenden Dürrejahre zu Bestandseinbußen umindest bei Populationen in niederen Lagen des Landkreises geführt haben, wobei es fraglich ist, ob diese angesichts der klimatischen Tendenzen wieder ausgeglichen werden können. Auch aus anderen Bundesländern war Derartiges für diese in einigen Bundesländern bereits stark gefährdete Orchideenart zu vernehmen.
Dramatisch sind auch die Rückgänge beim weltweit nur im Landkreis Nordhausen sicher nachgewiesenen Gips-Fettkraut. Durch die Austrocknung der Gipsunterlage brach einer der beiden bekannten Bestände zwischen 2018 und 2019 um geschätzt bis zu 90 Prozent ein. Am zweiten Wuchsort konnten die 2018 eingetretenen Verluste von rund 30 Prozent 2020 durch zusätzliche Bewässerung von Hand im Jahre 2020 wieder etwas ausgeglichen werden. Für die Erhaltung dieser Sippe tragen wir im Landkreis Nordhausen gar eine weltweite Verantwortung.
Von dem in Ostdeutschland ebenfalls nur im Landkreis Nordhausen vorkommenden Glazialrelikt Alpen-Gänsekresse muss seit dem Dürrejahr 2018 ein Wuchsort wahrscheinlich als erloschen gelten. Am zweiten brach der Bestand, ebenfalls wegen der Austrocknung des Gipsschutts, massiv ein. Hier konnten wir am vielleicht letzten geeigneten Ersatzstandort in einem anderen Gebiet des Landkreises künstlich herangezogene Jungpflanzen ausbringen, die sich bisher gut etablieren konnten. Der Botanische Garten Halle wird der seit Jahrzehnten bestehenden Erhaltungskultur von Arabis alpina weiterhin besondere Aufmerksamkeit schenken.
Im Gegensatz dazu breiten sich an einigen Stellen Steppenarten, wie das Pfriemengras und das Echte Federgras auffallend aus, vor allem dort, wo intensive Nutzungen bisher unterblieben.
Probleme im Kontakt mit LPV und UNB
Wir bemühen uns aktiv im Kontakt mit Behörden, Botanischen Gärten und Forschern um Bestände von Arten, von denen einige innerhalb Ostdeutschlands oder gar Deutschlands mitunter im Gebiet Südharz-Kyffhäuser (Landkreise Nordhausen und Kyffhäuserkreis) mit ihre letzten Vorkommen haben, so um den Bitteren Enzian, die Alpen-Gänsekresse, das Gips-Fettkraut, die Schmalblättrige Miere, das Steppen-Greiskraut oder die Felsen-Schaumkresse.
Leider gelang es uns bisher nicht, diese oder ähnliche artbezogenen Aktivitäten des BUND-Kreisverbandes trotz Unterstützung übergeordneter Institutionen mit in das Hotspot-Projekt des Landschaftspflegeverbandes Südharz-Kyffhäuser einzubringen. Im Gegenteil: Der Landschaftspflegeverband lehnte einen Mitgliedsantrag des BUND-Kreisverbandes ab. Ob der Versuch, die Bestände seltener und gefährdeter Pflanzenarten bei den Maßnahmen des LPV verstärkt berücksichtigen zu lassen, schließlich doch noch erfolgreich sein wird, das wird die Zukunft zeigen. Schließlich geht es im Hotspot-Projekt um den Schutz und um die Förderung der Biodiversität.
Dabei könnte eine Mitgliedschaft bzw. eine engere Zusammenarbeit mit der Unteren Naturschutzbehörde und dem LPV wahrscheinlich Probleme verhindern, wie sie bereits auf für den Artenschutz sehr wichtigen Flächen im Landkreis aufgetreten sind. Hierzu wird es gesonderte Beiträge geben.
Ein besonderer Dank geht wiederum an die Naturstiftung David für die Unterstützung unserer Projekte, insbesondere auf technischem Gebiet.
Diese würde jedoch ohne unsere aktiven Mitstreiterinnen und Mitstreiter nur wenig bringen: Ja, die genannten Erfolge im Artenschutz wären ohne deren selbstloses, ehrenamtliches Engagement schlichtweg undenkbar. Nur durch ihren Einsatz ist es möglich, trotz oft genug knapp bemessener Freizeit alle Flächen kontinuierlich und in jedem Jahr wieder zu bewirtschaften und viele seltene und gefährdete Pflanzenarten für unser Gebiet zu erhalten.
Auch 2021 wird dies so sein.
Bodo Schwarzberg
Autor: redEigentlich sind die Schutzgebietsverordnungen für unsere Naturschutzgebiete eindeutig:
Zweck der Festsetzung als Naturschutzgebiet ist es,......
11.)Bedingungen zu erhalten oder zu entwickeln, die die biologische Vielfalt des Gebietes begünstigen und seltene, gefährdete und gesetzlich geschützte Tier- und Pflanzenarten, insbesondere Orchideen, Vögel, Reptilien und Insekten, vor nachhaltigen Beeinträchtigungen, Störungen und Veränderungen zu bewahren.
Dass der Zustand der Biodiversität in den deutschen Schutzgebieten und in den Schutzgebieten weltweit entgegen dieser und anderen Forderungen sowie Willenserklärungen oft deutlich hinter dem Gewünschten zurückbleibt, beklagte unlängst die Leopoldina, also die Nationale Akademie der Wissenschaften, in ihrer Publikation Nummer 24 / 2020. Dort schreiben die renommierten Autoren, dass die Qualität der Schutzflächen global verbessert werden muss.
Bezüglich der deutschen Schutzgebiete monieren sie, dass sie zwar durch Verordnungen geschützt aber in ...ihrer Schutzfunktion aufgrund des Vorranges der land- und forstwirtschaftlichen Nutzung und anderer Faktoren nicht ausreichend (sind – B.S.), um einen wirksamen Biodiversitätsschutz zu gewährleisten.
Zu diesen anderen Faktoren gehört unter anderem der unzureichende Schutz von bedrohten Pflanzen- und Tierarten an ihren jeweiligen Vorkommensorten. Dies wiegt umso schwerer, als die Populationen zahlreicher bedrohter Arten durch massive Rückgänge in den vergangenen hundert Jahren klein und isoliert sind, so dass schon geringfügige Veränderungen ihrer Umwelt ausreichen können, um sie zu vernichten.
Die deutschlandweit gefährdete und weiter zurückgehende Berg-Aster (Aster amellus) mit ihren typischen kurz-grauhaarigen Stängeln und Blättern besiedelt wärmeliebende, gern süd- und südwestexponierte Trocken- und Halbtrockenrasen sowie Säume und Gebüschränder in Gebieten mit kontinental getöntem Klima und kalkhaltigen Böden. (Foto: Bodo Schwarzberg)
Die jetztigen Anstrengungen, z.B. durch das Hotspot-Projekt des Landschaftspflegeverbandes Südharz-Kyffhäuser sind einerseits zu begrüßen, weil erstmals seit Jahren versucht wird, mehr Flächen als zuvor, im Sinne der Biodiversitätserhaltung und -förderung extensiv zu bewirtschaften.
Es treten jedoch noch zu viele Bewirtschaftungsfehler an entscheidenden Stellen mit hoher Biodiversität auf und es stellt sich u.a. die Frage, ob die eindeutig positiven Maßnahmen kontinuierlich, das heißt langfristig UND unter Berücksichtigung der Wuchsorte seltener Arten am Leben erhalten werden können.
Die Entwicklung von Populationen besonders sensibler Arten ist in Zeiten des grassierenden Artensterbens ein entscheidender Marker für die naturschutzfachliche Sinnhaftigkeit durchgeführter Pflegemaßnahmen und ein Gradmesser für die Effektivität der im Fall des Hotspot-Projektes eingesetzten nach Millionen zählenden Steuermittel.
Am Ende wird sich die rotrotgrüne Landesregierung und das von ihr aufgebaute System der Natura 2000-Stationen daran messen lassen müssen, was unter dem Strich für die bedrohten Arten und nicht zu vergessen, Pflanzengesellschaften, tatsächlich herauskommt.
Ehrenamtliche Pflegemaßnahmen des BUND-Kreisverbandes
Mitglieder und Freunde des BUND-Kreisverbandes Nordhausen führen seit 2010 kontinuierliche Pflege- bzw. Erhaltungsmaßnahmen überwiegend in Teilgebieten des Landkreises Nordhausen mit einer hohen Konzentration von Vorkommen seltener und bedrohter Pflanzenarten sowie Pflanzengesellschaften durch.
Dabei werden die jeweils durchgeführten Pflegemaßnahmen an den Ansprüchen der zu erhaltenden und zu fördernden Arten an dem Ziel ausgerichtet, deren Populationen zu erhalten und zu fördern. Dazu zählen zum Beispiel unerschiedliche Bewirtschaftungsintensitäten und -zeiten (räumliche und zeitliche Rotation) auf einem Halbtrockenrasen, die gezielte Anlage von Bodenverwundungen z.B. für einjährige Arten oder die Förderung von einzelnen Gehölzen als Schattenspender einerseits. Andererseits werden schonende Entbuschung oder zum Beispiel unmittelbare Artenhilfsmaßnahmen wie z.B. die Anlage von Erhaltungskulturen praktiziert. Im Prinzip versuchen wir, die einstige Vielfalt der Bewirtschaftung auf engstem Raum mit unseren Maßnahmen zu imitieren.
Auf je nach Zählweise mehr als 30 Flächen sind wir regelmäßig tätig. Gekoppelt wird das Ganze mit einem umfassenden Monitoringprogramm. Wir beobachten und erfassen Dutzende Populationen seltener Arten und passen unsere Pflegemodalitäten notwendigenfalls an. Wir ergänzen all diese Maßnahmen zudem durch Kontakte und den Erfahrungsaustausch mit Artenschützern und Forschern aus anderen Bundesländern.
Zentral ist ein Höchstmaß an Kontinuität der von uns durchgeführten Maßnahmen über viele Jahre hinweg, um die sich aus FFH-Richtlinie, Schutzgebietsverordnungen und Biodiversitätsstrategien abzuleitenden Forderungen für die Erhaltung der Biodiversität wenigstens ganz punktuell, aber verteilt über einem größeren Raum im Landkreis Nordhausen zu erfüllen.
Zwischen April 2010 und Dezember 2020 führten wir 110 Einsätze durch. Hinzu kamen bisher mehr als 500 Kleinstmaßnahmen. 2020 trafen sich die Freunde und Mitglieder des BUND-Kreisverbandes zu 19 landschaftspflegerischen Einsätzen. Dabei machten wir wiederum auch vor schwierigem Gelände nicht halt: Einige unserer Pflegeflächen befinden sich an Steilhängen in den Naturschutzgebieten Rüdigsdorfer Schweiz und Alter Stolberg und sind nur schwer zu begehen. Hitze und stundenlanges Harken in praller Sonne gehörte auch im zurückliegenden Jahr zu den Unannehmlichkeiten unserer Einsätze.
Aber gerade auf solchen abgelegenen, schwer begehbaren, ja mikroklimatisch extremen, besonders trocken-heißen oder aber feuchten bis nassen Flächen befinden sich nicht selten die letzten Wuchsorte so mancher seltener Pflanzenart.
Denkwürdig ist in diesem Zusammenhang wohl besonders der Einsatz am 8. August, bei einem Spitzenwert von 34 Grad auf dem BUND-Grundstück im künftigen NSG Bromberg bei Niedersachswerfen, an dem trotz der widrigen Bedingungen unsere älteren Mitstreiterinnen und Mitstreiter tatkräftig und stundenlang mitgewirkt haben.
Messbare Erfolge
Bei den bedrohten Pflanzenarten unserer Pflegeflächen gab es wiederum zahlreiche positive Entwicklungen. Hier eine kleine Auswahl:
Bei einem Vorkommen auf einem extensiv mit Rindern beweideten und von uns zwecks Erhaltung der Magerkeit und Lückigkeit nachgemähten bzw. vorsichtig entbuschten Fläche mit der Orchidee Blasses Knabenkraut konnte mit insgesamt 362 blühenden Pflanzen ein neuer Rekord seit Beobachtungsbeginn im Jahre 2010 ermittelt werden. Am zweiten großen Vorkommen dieser seltenen Orchideenart stellten wir zu zweit in einer aufwändigen Zählaktion mittels Raster 2073 Pflanzen insgesamt fest.
Allein durch diese Zahlen dürfte dem Landkreis Nordhausen möglicherweise eine bundesweite Bedeutung für die Erhaltung dieser seltenen und in ansonsten in eher kleinen Populationen auftretenden Orchideenart zukommen, deren Blüten den Duft schwarzer Johannisbeeren verströmen.
Im Naturschutzgebiet Alter Stolberg zählten wir am regional bedeutendsten Wuchsort der Gewöhnlichen Kuhschelle 774 Blüten auf nur wenigen Quadratmetern, - auch das die höchste Zahl der vergangenen Jahre. Hier sind wir nach Nutungsaufgabe seit 2016 bemüht, die aufgekommenen Gebüsche zurückzudrängen und die Magerkeit des Standorts zu erhalten. Die Gewöhnliche Kuhschelle gilt international, laut IUCN-red list, als potentiell gefährdet.
Einen neuen Höchstwert stellten wir auch bei der in Thüringen vom Aussterben bedrohten, unscheinbaren Schmalblättrigen Miere (Minuartia hybrida ssp. tenuifolia) fest, die in ganz Ostdeutschland nur noch über zwei, vielleicht drei bekannte Vorkommen verfügt: Dieses einjährige Nelkengewächs mit seinen kleinen, fünfzähligen, weißen Blüten profitiert indirekt von den Folgen der tendenziell immer trockener werdenden Frühjahre und Sommer. Im Verein mit der handmaschinellen Landschaftspflege entstehen immer mehr Vegetationslücken, in denen diese seltene Art einzudringen vermag, sofern es, wie 2020 gegeben, um Ende April nicht zu niederschlagsarm ist. Wir schätzten den Bestand auf rund 500 blühende Pflanzen, auch das ein neuer Rekord seit Beginn unserer regelmäßigen Beobachtungen im Jahre 2006.
Rückschläge durch Jahrhundertdürren
Natürlich gab es auch Rückschläge und nicht alle positiven Ergebnisse können allein auf eine artgerechte Landschaftspflege zurückgeführt werden.
Denn eine immer größere Rolle für Erfolge und Misserfolge im Artenschutz spielt der Klimawandel: Seit den verheerenden Dürren in den Jahren 2018 und 2019 sind zum Teil dramatische Rückgänge bis hin zu Komplettausfällen bei feuchte- und nässeliebenden Arten festzustellen, die in ihrer Intensität so bisher nicht bekannt waren:
An einem Wuchsort des in Thüringen gefährdeten Schmalblättrigen Wollgrases mit tausenden von Pflanzen gab es mehrere Jahre hintereinander keine blühenden Exemplare mehr. Bis 2017 hatte sich dieser Bestand durch handmaschinelle Mahd noch ausgesprochen positiv entwickelt. Auch einige Bestände im Harz scheinen auf die Dürrejahre zumindest mit fehlender Blütenbildung reagiert zu haben. Ob es auch Pflanzenverluste gibt, müssen die kommenden Jahre zeigen.
Bei den in Thüringen stark gefährdeten Arten Breitblättriges Knabenkraut und Sumpf-Herzblatt könnten allein die zurückliegenden Dürrejahre zu Bestandseinbußen umindest bei Populationen in niederen Lagen des Landkreises geführt haben, wobei es fraglich ist, ob diese angesichts der klimatischen Tendenzen wieder ausgeglichen werden können. Auch aus anderen Bundesländern war Derartiges für diese in einigen Bundesländern bereits stark gefährdete Orchideenart zu vernehmen.
Dramatisch sind auch die Rückgänge beim weltweit nur im Landkreis Nordhausen sicher nachgewiesenen Gips-Fettkraut. Durch die Austrocknung der Gipsunterlage brach einer der beiden bekannten Bestände zwischen 2018 und 2019 um geschätzt bis zu 90 Prozent ein. Am zweiten Wuchsort konnten die 2018 eingetretenen Verluste von rund 30 Prozent 2020 durch zusätzliche Bewässerung von Hand im Jahre 2020 wieder etwas ausgeglichen werden. Für die Erhaltung dieser Sippe tragen wir im Landkreis Nordhausen gar eine weltweite Verantwortung.
Von dem in Ostdeutschland ebenfalls nur im Landkreis Nordhausen vorkommenden Glazialrelikt Alpen-Gänsekresse muss seit dem Dürrejahr 2018 ein Wuchsort wahrscheinlich als erloschen gelten. Am zweiten brach der Bestand, ebenfalls wegen der Austrocknung des Gipsschutts, massiv ein. Hier konnten wir am vielleicht letzten geeigneten Ersatzstandort in einem anderen Gebiet des Landkreises künstlich herangezogene Jungpflanzen ausbringen, die sich bisher gut etablieren konnten. Der Botanische Garten Halle wird der seit Jahrzehnten bestehenden Erhaltungskultur von Arabis alpina weiterhin besondere Aufmerksamkeit schenken.
Im Gegensatz dazu breiten sich an einigen Stellen Steppenarten, wie das Pfriemengras und das Echte Federgras auffallend aus, vor allem dort, wo intensive Nutzungen bisher unterblieben.
Probleme im Kontakt mit LPV und UNB
Wir bemühen uns aktiv im Kontakt mit Behörden, Botanischen Gärten und Forschern um Bestände von Arten, von denen einige innerhalb Ostdeutschlands oder gar Deutschlands mitunter im Gebiet Südharz-Kyffhäuser (Landkreise Nordhausen und Kyffhäuserkreis) mit ihre letzten Vorkommen haben, so um den Bitteren Enzian, die Alpen-Gänsekresse, das Gips-Fettkraut, die Schmalblättrige Miere, das Steppen-Greiskraut oder die Felsen-Schaumkresse.
Leider gelang es uns bisher nicht, diese oder ähnliche artbezogenen Aktivitäten des BUND-Kreisverbandes trotz Unterstützung übergeordneter Institutionen mit in das Hotspot-Projekt des Landschaftspflegeverbandes Südharz-Kyffhäuser einzubringen. Im Gegenteil: Der Landschaftspflegeverband lehnte einen Mitgliedsantrag des BUND-Kreisverbandes ab. Ob der Versuch, die Bestände seltener und gefährdeter Pflanzenarten bei den Maßnahmen des LPV verstärkt berücksichtigen zu lassen, schließlich doch noch erfolgreich sein wird, das wird die Zukunft zeigen. Schließlich geht es im Hotspot-Projekt um den Schutz und um die Förderung der Biodiversität.
Dabei könnte eine Mitgliedschaft bzw. eine engere Zusammenarbeit mit der Unteren Naturschutzbehörde und dem LPV wahrscheinlich Probleme verhindern, wie sie bereits auf für den Artenschutz sehr wichtigen Flächen im Landkreis aufgetreten sind. Hierzu wird es gesonderte Beiträge geben.
Ein besonderer Dank geht wiederum an die Naturstiftung David für die Unterstützung unserer Projekte, insbesondere auf technischem Gebiet.
Diese würde jedoch ohne unsere aktiven Mitstreiterinnen und Mitstreiter nur wenig bringen: Ja, die genannten Erfolge im Artenschutz wären ohne deren selbstloses, ehrenamtliches Engagement schlichtweg undenkbar. Nur durch ihren Einsatz ist es möglich, trotz oft genug knapp bemessener Freizeit alle Flächen kontinuierlich und in jedem Jahr wieder zu bewirtschaften und viele seltene und gefährdete Pflanzenarten für unser Gebiet zu erhalten.
Auch 2021 wird dies so sein.
Bodo Schwarzberg
