AUS DER CHRONIK
Winter, die den Tod brachten
Montag, 08. Februar 2021, 19:00 Uhr
Der Winter hat uns fest im Griff. Nach den ungewohnt starken Schneefällen, Verwehungen und eisigen Winden aus Putins Herrschaftsbereich sollen uns in klaren Nächten demnächst bis 20 Grad unter Null erwarten. Und Väterchen Frost gibt nicht auf. Mindestens zwei Wochen halte er das Zepter. Sagte heute im Radio Wettermann Jörg Kachelmann. Der muss es wissen...
Straße freigeschoben, Fahrzeuge zugeschoben. Winter 2021 (Foto: privat)
Indes hat der Nachbar keine Langeweile. Mehrmals am Tage schippt er Schnee. Schweißperlen zieren angesichts stetig steigender Schneedecken seine Stirn. Kraftfahrer leiden unter Angstzuständen. Andere fluchen, wünschen sich den Klimawandel mit erträglichen Temperaturen herbei. Während wir in der warmen Stube sitzen und das winterliche Treiben beobachten, sind andere im Tag- und Nachteinsatz, um Straßen und Schienen befahrbar und die Wirtschaft am Laufen zu halten. Wenn überhaupt, so freuen sich wohl nur die Kinder.
Strenge Winter waren für das einfache Volk vergangener Jahrhunderte stets ein Gräuel. Sie brachten Hunger, Entbehrungen, Leid und Tod. 1740, berichtet die Chronik, herrschte ein so grimmiger und langer Winter, dass die Bauern das Stroh ihrer Dächer an das Vieh verfütterten. Im Juni habe der Schnee im Eichsfeld noch zehn Zentimeter hoch gelegen. Viele Menschen und Tiere überlebten ihn nicht. Besonders schlimm sei es 1870/71 gewesen. Viele Obstplantagen sollen ihm zum Opfer gefallen sein.
Als Steckrübenwinter ging der von 1917/18 in die Geschichte ein. In die Chronik auch die der Jahre 1939/40, 1941/42. Dem denkwürdigen Winter von 1946/47 folgte nach starkem Frost im März ein extremes Tauwetter. Das Hochwasser verursachte erhebliche Schäden. In Günzerode reichte das Schmelzwasser der Helme bis an die Gärten der Gehöfte. Straßen und Gräben eine einzige Wasserfläche. Registriert ist auch dies: Vom 1. bis 28. Februar 1956 habe das Thermometer immer zwischen 18 und 20 Grad Kälte angezeigt.
Von Dezember bis Ende Februar währte der schneereiche Kälte-Winter 1962/63. Regelmäßig tagte die Winter-Lagekommission beim Rat des Kreises Nordhausen. Sie beschäftigte sich mit der Beschaffung von Fahrzeugen zum Abtransport der Schneemassen, die sich allenthalben an den Straßenrändern türmten, und der Technik zur Beräumung von Straßen und Plätzen.
LKW um LKW kippten ihre Last tonnenweise am Zorgeufer an der Gerhart-Hauptmann-Straße ab. Zudem hatte die Kommission mit der Verteilung angelieferter Kohlen für Betriebe und Haushalte zu tun. Die Förderung und damit der Nachschub stockten durch die Kälte. Man debattierte und diskutierte. Stundenlang. Vorrang hatten immer die Großbetriebe.
1978/79 ereilte uns nach warmen Tagen der Jahrhundertwinter. Just in der Silvesternacht erreichte uns die Kaltfront mit einer Wucht, die Fensterscheiben erzittern ließ. Tagelang waren Dörfer von der Außenwelt abgeschnitten. Den Landwirten starb das Vieh in den Ställen. Auf den Weiden verendeten Schafe, die man nicht rechtzeitig in die Stallungen brachte. Von den Kadavern profitiere das Schwarzwild, während andere Tiere und zahlreiche Vögel in Wald und Feld das Frühjahr nicht erlebten.
Wenn auch die aktuelle Wetterlage der des Rekordwinters von 1978/79 ähnelt, ist dennoch nicht mit solchen extrem harten Auswirkungen wie seinerzeit zu rechnen. Damals machte sich der Einsatz von Panzern und anderem schweren Gerät beiderseits der Grenze unerlässlich, um Ortschaften, die völlig eingeschneit und eingeweht waren, mit Lebensmitteln zu versorgen.
Heute brauchen sich Landrat Matthias Jendricke und sein Lagestab, den er einberief, nicht mit der Frage beschäftigen: Woher nehme ich die Technik, um die Schneeberge abzutransportieren, Straßen, Gehwege und Schulgebäude frei zu halten? Oder damit, wie verteile ich Kohlen, damit Betriebe heizen können und die Haushalte es warm haben? Schnee von gestern. Dennoch verlangt uns die gegenwärtige Kälteperiode Härten ab. Doch der Kreischef und sein Lagestab haben die Situation im Blick und offensichtlich auch alles im Griff: Der Rettungsdienst sei abgesichert und werde bei Bedarf von der Feuerwehr ergänzt. Die Servicegesellschaft sei mit der Räumung der Kreisstraßen und Schulgebäude beauftragt, mit sieben Winterfahrzeugen nebst Radlader im Einsatz.
"Sozialistischer" Arbeitseinsatz beim Schneeräumen in der Richard-Dehmel-Straße durch die Anwohner, da eine Durchfahrt wegen der Schneemassen mit Fahrzeugen unmöglich wurde. (Foto: Hans-Ulrich Ackermann)
Zwischenzeitlich jammern auf hohem Niveau manche Zeitgenossen über nach ihrer Meinung zu spät geräumte Straßen und Bürgersteige. Eigentlich dürften auch sie wissen, dass die Räumtrupps nicht überall gleichzeitig zu Gange sein können. Oft hilft schon ein wenig Solidarität und selbst der Griff zum Schieber, wenn der Schnee vor der Haustür liegt. Und, nebenbei erwähnt, ein gut gefülltes Futterhäuschen am Haus, im Garten, in Parks und Anlagen, damit auch unsere gefiederten Freunde gut über diesen Winter kommen.
Kurt Frank
Autor: psg
Straße freigeschoben, Fahrzeuge zugeschoben. Winter 2021 (Foto: privat)
Indes hat der Nachbar keine Langeweile. Mehrmals am Tage schippt er Schnee. Schweißperlen zieren angesichts stetig steigender Schneedecken seine Stirn. Kraftfahrer leiden unter Angstzuständen. Andere fluchen, wünschen sich den Klimawandel mit erträglichen Temperaturen herbei. Während wir in der warmen Stube sitzen und das winterliche Treiben beobachten, sind andere im Tag- und Nachteinsatz, um Straßen und Schienen befahrbar und die Wirtschaft am Laufen zu halten. Wenn überhaupt, so freuen sich wohl nur die Kinder.
Strenge Winter waren für das einfache Volk vergangener Jahrhunderte stets ein Gräuel. Sie brachten Hunger, Entbehrungen, Leid und Tod. 1740, berichtet die Chronik, herrschte ein so grimmiger und langer Winter, dass die Bauern das Stroh ihrer Dächer an das Vieh verfütterten. Im Juni habe der Schnee im Eichsfeld noch zehn Zentimeter hoch gelegen. Viele Menschen und Tiere überlebten ihn nicht. Besonders schlimm sei es 1870/71 gewesen. Viele Obstplantagen sollen ihm zum Opfer gefallen sein.
Als Steckrübenwinter ging der von 1917/18 in die Geschichte ein. In die Chronik auch die der Jahre 1939/40, 1941/42. Dem denkwürdigen Winter von 1946/47 folgte nach starkem Frost im März ein extremes Tauwetter. Das Hochwasser verursachte erhebliche Schäden. In Günzerode reichte das Schmelzwasser der Helme bis an die Gärten der Gehöfte. Straßen und Gräben eine einzige Wasserfläche. Registriert ist auch dies: Vom 1. bis 28. Februar 1956 habe das Thermometer immer zwischen 18 und 20 Grad Kälte angezeigt.
Von Dezember bis Ende Februar währte der schneereiche Kälte-Winter 1962/63. Regelmäßig tagte die Winter-Lagekommission beim Rat des Kreises Nordhausen. Sie beschäftigte sich mit der Beschaffung von Fahrzeugen zum Abtransport der Schneemassen, die sich allenthalben an den Straßenrändern türmten, und der Technik zur Beräumung von Straßen und Plätzen.
LKW um LKW kippten ihre Last tonnenweise am Zorgeufer an der Gerhart-Hauptmann-Straße ab. Zudem hatte die Kommission mit der Verteilung angelieferter Kohlen für Betriebe und Haushalte zu tun. Die Förderung und damit der Nachschub stockten durch die Kälte. Man debattierte und diskutierte. Stundenlang. Vorrang hatten immer die Großbetriebe.
1978/79 ereilte uns nach warmen Tagen der Jahrhundertwinter. Just in der Silvesternacht erreichte uns die Kaltfront mit einer Wucht, die Fensterscheiben erzittern ließ. Tagelang waren Dörfer von der Außenwelt abgeschnitten. Den Landwirten starb das Vieh in den Ställen. Auf den Weiden verendeten Schafe, die man nicht rechtzeitig in die Stallungen brachte. Von den Kadavern profitiere das Schwarzwild, während andere Tiere und zahlreiche Vögel in Wald und Feld das Frühjahr nicht erlebten.
Wenn auch die aktuelle Wetterlage der des Rekordwinters von 1978/79 ähnelt, ist dennoch nicht mit solchen extrem harten Auswirkungen wie seinerzeit zu rechnen. Damals machte sich der Einsatz von Panzern und anderem schweren Gerät beiderseits der Grenze unerlässlich, um Ortschaften, die völlig eingeschneit und eingeweht waren, mit Lebensmitteln zu versorgen.
Heute brauchen sich Landrat Matthias Jendricke und sein Lagestab, den er einberief, nicht mit der Frage beschäftigen: Woher nehme ich die Technik, um die Schneeberge abzutransportieren, Straßen, Gehwege und Schulgebäude frei zu halten? Oder damit, wie verteile ich Kohlen, damit Betriebe heizen können und die Haushalte es warm haben? Schnee von gestern. Dennoch verlangt uns die gegenwärtige Kälteperiode Härten ab. Doch der Kreischef und sein Lagestab haben die Situation im Blick und offensichtlich auch alles im Griff: Der Rettungsdienst sei abgesichert und werde bei Bedarf von der Feuerwehr ergänzt. Die Servicegesellschaft sei mit der Räumung der Kreisstraßen und Schulgebäude beauftragt, mit sieben Winterfahrzeugen nebst Radlader im Einsatz.
"Sozialistischer" Arbeitseinsatz beim Schneeräumen in der Richard-Dehmel-Straße durch die Anwohner, da eine Durchfahrt wegen der Schneemassen mit Fahrzeugen unmöglich wurde. (Foto: Hans-Ulrich Ackermann)
Zwischenzeitlich jammern auf hohem Niveau manche Zeitgenossen über nach ihrer Meinung zu spät geräumte Straßen und Bürgersteige. Eigentlich dürften auch sie wissen, dass die Räumtrupps nicht überall gleichzeitig zu Gange sein können. Oft hilft schon ein wenig Solidarität und selbst der Griff zum Schieber, wenn der Schnee vor der Haustür liegt. Und, nebenbei erwähnt, ein gut gefülltes Futterhäuschen am Haus, im Garten, in Parks und Anlagen, damit auch unsere gefiederten Freunde gut über diesen Winter kommen.
Kurt Frank
