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Betrachtungen zur Weihnachtszeit

Was übrig bleibt

Montag, 01. Februar 2021, 08:32 Uhr
Dieser Tage geht das Weihnachtsfest langsam zu Ende. Ja genau richtig gelesen. Das Weihnachtsfest dauert vom 25. Dezember bis 2. Februar. Und Pfarrer Martin Weber macht sich so seine Gedanken zu diesem besonderen Fest und sieht in seinem Ende auch eine Mahnung...

Jetzt muss ich natürlich gestehen, dass ich auch den Baum schon rausgeschmissen haben, der war nämlich am 9 Januar wirklich am Ende seiner Kraft angelangt. Auch die meiste Weihnachtsdekoration ist bei mir verschwunden, bis auf ein paar wirklich wichtige Stücke.

Der Stern hängt noch im Fenster, der Schwibbogen leuchtet noch für alle, die am Haus vorbeigehen und ab und zu entzünde ich noch ein Räucherkerzchen. Jedes Jahr versuche ich die Weihnachtszeit schleichend ausklingen zu lassen, wie so ein Hauch der langsam verschwindet. Im Jahreswechsel 2020/21 ist für mich diese Tradition nochmal wichtiger geworden.

Besonders weil die Weihnachtszeit dieses Jahr für mich anders anstrengend war als sonst. Vielleicht teilst du diese Erfahrung auch? Es gab dieses Jahr weniger Besucher, vielleicht auch weniger Pflichtbesuche, die man nur tut, weil es sich eben so gehört. Aber natürlich auch weniger Besuche und Kontakt zu Menschen, die man gerne um sich hat. Mir haben die Gottesdienste gefehlt, denn wir hatten in Allstedt und Umgebung darauf verzichtet und schön geschmückte, offene Kirchen zum persönlichen Gebet angeboten und den Gottesdienst über Audio-CD zu den Leuten gebracht. Weihnachtsmärkte waren auch Mangelware, Weihnachtsfeiern, Jahresabschlüsse von den Gruppen, die ich betreue, ginge allenfalls digital.
Dir fallen sicher etliche Dinge ein, auf die du verzichten konntest und auf die du verzichten musstest.

Ein besonderes Weihnachtsfest liegt hinter uns. Für manche entspannter als sonst oder weitestgehend normal, für manche schmerzvoll einsam, geplagt von Zukunftsängsten, von Trauer, vielleicht auch von Wut.
Genaugenommen ist das jedes Jahr so. In der Corona-Pandemie erleben das, was sonst die Einsamen und Ausgestoßenen erleben, auf einmal ein viel größerer Teil der Gesellschaft. Zumindest erhalten wir eine Ahnung davon. Denn das, was wir jetzt als unzumutbare Situation erleben, durchleiden Menschen jahrelang. Keine Teilhabe zu erleben, wenig Kontakt, gemieden oder abgeschottet zu sein, das Gefühl etwas zu verpassen.

Mich macht das sehr demütig. Es lässt mich über meinen eigenen Umgang mit Menschen nachdenken, die irgendwie am Rande oder nahe am Rand unserer Gesellschaft leben, arbeiten, sich abmühen. Das ich manchmal keine Lust habe ihnen zu zuhören, das ich mich ihnen manchmal überlegen fühle.

Mir kommt die Botschaft des Weihnachtsfest in diesen Tagen noch mal richtig nahe. Dieses Jahr ist es nicht wie ein Hauch der langsam und mit dem Geruch von Weihrauch verschwindet.

Dieses Jahr ist das Ende der Weihnachtszeit eine bohrende Frage, ein Stich in meinem Selbstverständnis, eine Mahnung.

Was wirst du tun, wenn das Leben wieder normal läuft? Was hast du gelernt über das Leben? Was wirst du ändern?

Ich will Selbstverständliches mehr schätzen.
Ich will mich mit Beurteilungen zurückhalten, denn ich kann nur einen kleinen Ausschnitt des Lebens eines Menschen sehen
Ich will mich erinnern, was mir wertvoll geworden ist und es bewahren und dafür eintreten.
Ich will hart streiten für die, die es selbst nicht können, aber dabei barmherzig bleiben.
Ich will aufbrechen, Gott entgegen gehen, die Menschen als sein Ebenbild sehen.

Ich will vertrauen auf den lebendigen Gott, der uns nicht im Stich lässt, sondern uns den Weg in die Zukunft weißt. Mit ihm will ich versuchen besser zuzuhören, besser zu verstehen.

Was willst du?

Bleib behütet und gesund

Martin Weber
Pfarrer in Allstedt/Wolferstedt
Autor: red

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