Nordthüringens Wälder weiter unter Druck
Der Tragödie dritter Teil
Dienstag, 22. Dezember 2020, 07:00 Uhr
Normal gibt es nicht mehr, auch nicht in Nordthüringens Wäldern. Hier sind die Dinge aber nicht erst seit Corona aus den Fugen, seit drei Jahren dreht sich die Spirale der "Kalamität", den Förstern bleibt nur noch das Prinzip Hoffnung...
Im Frühjahr waren wir mit dem Leiter des Forstamtes Bleicherode, Gerd Thomsen, schon einmal im Wald unterwegs (Foto: agl)
Neujahrs-Prognosen gibt der Leiter des Forstamts Bleicherode, Gerd Thomsen, nicht mehr ab. Ich habe 2018 gesagt es kann nur besser werden, ich habe 2019 gesagt es kann nur besser werden, nach 2020 können wir nur hoffen das wir wieder in normales Fahrwasser kommen.
Nach den zwei sehr trockenen Sommern der vergangenen beiden Jahre war die schöne Jahreszeit in 2020 gnädiger mit Wald und Förster, nur gereicht hat es nicht. Der Frühling war sehr trocken, wir hatten im April fast sommerliche Verhältnisse. Die Wasserspeicher im Boden konnten sich unter diesen Bedingungen nicht richtig füllen. Die Schäden sehen wir zuerst in der Krone, aber sie existieren auch an der Wurzel. Wären die vergangenen Jahre normal gewesen, hätten die Pflanzen das weggesteckt. So hat es nicht gereicht und wir haben weitere Schäden, die wir nicht wegsanieren können, erläutert Thomsen.
In normalen Jahren werden in Thüringen rund 40.000 Festmeter Holz eingeschlagen, zuletzt waren es 140.000 Festmeter. Vertrocknete Bäume und Pflanzen, die der Borkenkäfer befallen hat, mussten aus dem Wald geholt werden. Die Kahlfläche im Freistaat ist in Summe auf 1.000 Hektar gestiegen. Die Lücken lassen viel Angriffsfläche für den Wind, was weitere Schäden Abseits von Trockenheit und Käferbefall befürchten lässt und die Wiederaufforstung insgesamt zu einer Mammutaufgabe werden lässt.
Seit 2018 geht das so. Nun kam noch das Corona-Virus hinzu. Auch für die Förster galten Lockdown und im Fall der Fälle Quarantäne-Maßnahmen. Zwischenzeitlich hatte der Forstamtsleiter nur noch drei statt der üblichen zehn Kollegen zu Verfügung. Die Arbeitsbelastung war enorm hoch, das ging an die Substanz. Aber wir haben aus der Zentrale Verstärkung erhalten und konnten seit Oktober neue Mitarbeiter einsetzen, die den Förstern in den am schwersten betroffenen Gebieten unter die Arme gegriffen haben.
Immerhin: gegen Ende des Jahres hat sich die Lage auf dem Holzmarkt etwas stabilisiert, berichtet Thomsen weiter. Die Pläne für ein Trockenlager im Kreis konnte man wieder in der Schublade verschwinden lassen. Die Preise sind aus Sicht des Forstes immer noch nicht gut, aber das Holz bleibt immerhin nicht auf unbestimmte Zeit im Wald liegen sondern kommt auf den Markt.
Es ist schwer in der Misere etwas positives zu sehen. Wir reagieren seit drei Jahren nur noch auf die Kalamität. Das wird so nicht weitergehen können und ich denke wir werden den Einschlag herunterfahren müssen., so die Einschätzung des Forstamtsleiters. Aber man muss auch sagen, dass diese Zeit das Team zusammengeschweißt, insbesondere das vergangene Jahr. Und die Nöte des Waldes, die wir tagtäglich sehen, sind im Bewusstsein der Bevölkerung und in der Politik angekommen. Wir haben mehr Mittel erhalten und werden rund 11 Millionen Euro für den Waldumbau einsetzen können.
Waldumbau, das heißt: neue Bäume, vor allem neue, besser angepasste Baumarten, braucht das Land. Das es der Fichte zumindest im Vorland nicht gut gehen würde, damit hatte man gerechnet. Nun ist die Zukunft des Baumes selbst auf Höhen von über 600 Metern ungewiss. Geht es so weiter wie die letzten Jahre, dann wird die Fichte in unseren Breiten über kurz oder lang auf der roten Liste landen, prophezeit Thomsen. In dieser Schärfe sei die Entwicklung tatsächlich plötzlich gekommen und weder die Kommunen noch die Waldbesitzer trügen daran Schuld. Schließlich haben sie einfach die Bestände übernommen, die vor Jahrzehnten gepflanzt wurden, als die Situation noch eine gänzlich andere war. Wir können nur hoffen das die Talsohle durchschritten ist und wir uns in den nächsten Jahren ans aufforsten machen können.
Der bisher sehr milde Winter macht dem Förster indes keine Sorgen, eher im Gegenteil. Bleiben die Temperaturen deutlich über dem Gefrierpunkt, stehen die Chancen nicht schlecht das die Borkenkäfer im kommenden Jahr weniger stark starten können. Ganz bekommt man die Käfer nie aus dem Wald. Selbst wenn man jeden befallenen Baum entfernen könnte, im Boden überwintert schon die nächste Generation. Schwanken die Temperaturen weiter zwischen null und zehn Grad und bleibt es feucht, sollte aber die Verpilzung der Population zusetzen, so die gängige Lehrmeinung. Das wäre immerhin ein Lichtblick für das Frühjahr 21. Und dann braucht es Regen. Viel Regen.
Angelo Glashagel
Autor: red
Im Frühjahr waren wir mit dem Leiter des Forstamtes Bleicherode, Gerd Thomsen, schon einmal im Wald unterwegs (Foto: agl)
Neujahrs-Prognosen gibt der Leiter des Forstamts Bleicherode, Gerd Thomsen, nicht mehr ab. Ich habe 2018 gesagt es kann nur besser werden, ich habe 2019 gesagt es kann nur besser werden, nach 2020 können wir nur hoffen das wir wieder in normales Fahrwasser kommen.
Nach den zwei sehr trockenen Sommern der vergangenen beiden Jahre war die schöne Jahreszeit in 2020 gnädiger mit Wald und Förster, nur gereicht hat es nicht. Der Frühling war sehr trocken, wir hatten im April fast sommerliche Verhältnisse. Die Wasserspeicher im Boden konnten sich unter diesen Bedingungen nicht richtig füllen. Die Schäden sehen wir zuerst in der Krone, aber sie existieren auch an der Wurzel. Wären die vergangenen Jahre normal gewesen, hätten die Pflanzen das weggesteckt. So hat es nicht gereicht und wir haben weitere Schäden, die wir nicht wegsanieren können, erläutert Thomsen.
In normalen Jahren werden in Thüringen rund 40.000 Festmeter Holz eingeschlagen, zuletzt waren es 140.000 Festmeter. Vertrocknete Bäume und Pflanzen, die der Borkenkäfer befallen hat, mussten aus dem Wald geholt werden. Die Kahlfläche im Freistaat ist in Summe auf 1.000 Hektar gestiegen. Die Lücken lassen viel Angriffsfläche für den Wind, was weitere Schäden Abseits von Trockenheit und Käferbefall befürchten lässt und die Wiederaufforstung insgesamt zu einer Mammutaufgabe werden lässt.
Seit 2018 geht das so. Nun kam noch das Corona-Virus hinzu. Auch für die Förster galten Lockdown und im Fall der Fälle Quarantäne-Maßnahmen. Zwischenzeitlich hatte der Forstamtsleiter nur noch drei statt der üblichen zehn Kollegen zu Verfügung. Die Arbeitsbelastung war enorm hoch, das ging an die Substanz. Aber wir haben aus der Zentrale Verstärkung erhalten und konnten seit Oktober neue Mitarbeiter einsetzen, die den Förstern in den am schwersten betroffenen Gebieten unter die Arme gegriffen haben.
Immerhin: gegen Ende des Jahres hat sich die Lage auf dem Holzmarkt etwas stabilisiert, berichtet Thomsen weiter. Die Pläne für ein Trockenlager im Kreis konnte man wieder in der Schublade verschwinden lassen. Die Preise sind aus Sicht des Forstes immer noch nicht gut, aber das Holz bleibt immerhin nicht auf unbestimmte Zeit im Wald liegen sondern kommt auf den Markt.
Es ist schwer in der Misere etwas positives zu sehen. Wir reagieren seit drei Jahren nur noch auf die Kalamität. Das wird so nicht weitergehen können und ich denke wir werden den Einschlag herunterfahren müssen., so die Einschätzung des Forstamtsleiters. Aber man muss auch sagen, dass diese Zeit das Team zusammengeschweißt, insbesondere das vergangene Jahr. Und die Nöte des Waldes, die wir tagtäglich sehen, sind im Bewusstsein der Bevölkerung und in der Politik angekommen. Wir haben mehr Mittel erhalten und werden rund 11 Millionen Euro für den Waldumbau einsetzen können.
Waldumbau, das heißt: neue Bäume, vor allem neue, besser angepasste Baumarten, braucht das Land. Das es der Fichte zumindest im Vorland nicht gut gehen würde, damit hatte man gerechnet. Nun ist die Zukunft des Baumes selbst auf Höhen von über 600 Metern ungewiss. Geht es so weiter wie die letzten Jahre, dann wird die Fichte in unseren Breiten über kurz oder lang auf der roten Liste landen, prophezeit Thomsen. In dieser Schärfe sei die Entwicklung tatsächlich plötzlich gekommen und weder die Kommunen noch die Waldbesitzer trügen daran Schuld. Schließlich haben sie einfach die Bestände übernommen, die vor Jahrzehnten gepflanzt wurden, als die Situation noch eine gänzlich andere war. Wir können nur hoffen das die Talsohle durchschritten ist und wir uns in den nächsten Jahren ans aufforsten machen können.
Der bisher sehr milde Winter macht dem Förster indes keine Sorgen, eher im Gegenteil. Bleiben die Temperaturen deutlich über dem Gefrierpunkt, stehen die Chancen nicht schlecht das die Borkenkäfer im kommenden Jahr weniger stark starten können. Ganz bekommt man die Käfer nie aus dem Wald. Selbst wenn man jeden befallenen Baum entfernen könnte, im Boden überwintert schon die nächste Generation. Schwanken die Temperaturen weiter zwischen null und zehn Grad und bleibt es feucht, sollte aber die Verpilzung der Population zusetzen, so die gängige Lehrmeinung. Das wäre immerhin ein Lichtblick für das Frühjahr 21. Und dann braucht es Regen. Viel Regen.
Angelo Glashagel
