nnz-online
Menschen im Corona-Jahr

„Für viele Vereine kann es sehr bitter werden“

Samstag, 19. Dezember 2020, 07:30 Uhr
In unserer Reihe „Menschen im Corona-Jahr“ wollen wir Ihnen hier bis zum Jahresende täglich Südharzerinnen und Südharzer aus den verschiedensten Lebens- und Arbeitsumständen vorstellen und nach ihrer rückblickenden Sicht auf dieses ganz spezielle Jahr 2020 befragen…

Philipp Seeland im Albert-Knutz-Sportpark (Foto: B.Peter) Philipp Seeland im Albert-Knutz-Sportpark (Foto: B.Peter)

Philipp Seeland, Trainer des FSV Wacker 90 Nordhausen

Ein absolut außergewöhnliches Jahr war das Corona-Jahr auch für den Fußballtrainer Philipp Seeland. Im Januar verließ er des FSV Wacker 90 im Zuge der Insolvenz der Spielbetriebs GmbH, wollte sich in seiner Heimatstadt Leipzig neu orientieren und geriet dabei in den ersten Corona-Lockdown. Was seine beruflichen Chancen bei der Neuorientierung schmälerte. Im Juni kontaktierte ihn aus Nordhausen sein ehemaliger Spieler Torsten Klaus und fragte, ob er sich ein weiteres Engagement im Fußball, wenn auch auf der Geschäftsstelle, vorstellen könne.

Seeland kehrte zurück, trat eine Anstellung bei den Stadtwerken an und wurde nun sogar zum Trainer der ersten Mannschaft. Ohne viel Zeit für eine richtige Saison-Vorbereitung wurde der Kader zusammengestellt (hauptsächlich aus den jungen Spielern, die er schon aus der zweiten Mannschaft kannte).

"Es war nicht absehbar, wohin die Reise geht", erzählt Philipp Seeland, der eine ungewisse Situation erlebt, aber wenigstens mit den Spielern normal trainieren kann. Rückblickend ist er sehr froh, dass die Jugendmannschaften für den Verein erhalten werden konnten und Wacker spielfähig blieb. Mit einem persönlichen Highlight startete die Saison im Pokalspiel gegen den FC Carl Zeiss Jena.

Die Erwartungen für die Ligasaison waren nicht hoch, konstatiert Seeland, aber „wir sind ein gutes Team, es herrscht eine Superstimmung und wir sind willens, es sportlich zu lösen.“ Doch dann kam Lockdown Nummer zwei; für Philipp Seeland nicht unerwartet.
„Es hat uns nicht überrascht. Ich hatte gehofft, dass wir weiter trainieren dürfen und vielleicht ohne Zuschauer spielen könnten.“ Doch nun brach die Zeit der individuellen Trainingspläne an, den Jungs der Oberligamannnschaft war es verboten, das Trainingsgelände zu betreten.

„Das ist schon komisch, wenn du dein Hobby, dem du fünf Tage die Woche intensiv nachgehst, auf einmal nicht mehr ausüben darfst“, sinniert er weiter. „Derzeit läuft eine besondere Challenge“, erzählt Seeland, der eine Abmachung mit seinen Spielern getroffen hat. „Wenn sie es schaffen, alle zusammen bis zum 20. Dezember 1000 Kilometer zu laufen, dann laden wir sie zu einem zünftigen Mannschaftsabend ein.“

Mit den Beschränkungen hat sich der Trainer arrangiert: „Keiner kann in die Glaskugel sehen und spätestens jetzt müsste es jedem klar sein, dass die Maßnahmen unumgänglich sind.“ Beunruhigend empfindet er, dass keine Planungen getroffen werden können, dass niemand vorhersagen kann, wie die Saison zu Ende kommt und ob Wacker vielleicht demnächst noch eine Liga tiefer spielen wird. „Das wäre sehr traurig“, schätzt Philipp Seeland ein, „aber für eine ganze Reihe von Sportvereinen könnte es noch viel bitterer werden, die in ihrer Existenz bedroht sind durch die langen Ausfallzeiten.“

Seeland ist es wichtig zu betonen, dass nur durch Vernunft und Einsicht die Situation gemeistert werden kann und er appelliert an alle, der schlechten Stimmung in der Bevölkerung entgegenzutreten. „Der Sport rückt zur Zeit in den Hintergrund. Wir dürfen nicht zulassen, dass das Virus unser Leben beherrscht und die Lebensfreude verloren geht.“

In seiner Familie habe es einen Corona-Erkrankten gegeben und er wünsche niemandem, sich mit dem Virus zu infizieren. Seine Optimismus und seine Vorfreude auf die nächsten Spiele und Trainingseinheiten mit seinen Jungs lässt sich der Dreißigjährige nicht nehmen. Er hofft, alle bald gesund und munter im Albert-Kuntz-Sportpark wieder zu sehen.
Olaf Schulze
Autor: osch

Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2026 nnz-online.de