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Soziale Arbeit in der Corona-Krise

Anerkennung für die Müllmänner des Systems

Sonntag, 13. Dezember 2020, 13:15 Uhr
Die Pandemie hat viele Löcher geschlagen, auch in der sozialen Arbeit. René Kübler, Leiter des Vereins Horizont, spricht von der schwersten Krise seit 30 Jahren, sieht aber auch Entwicklungen, die ohne den Katalysator Corona so nicht vorstellbar gewesen wären…

Die schwerste Krise seit 30 Jahren: Horizont Chef René Kübler über Chancen in der Pandemie (Foto: agl) Die schwerste Krise seit 30 Jahren: Horizont Chef René Kübler über Chancen in der Pandemie (Foto: agl)

Das ihre Arbeit meist außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung stattfinden wird, das sie als „Müllmänner des Systems“ dafür zu sorgen haben, dass der soziale Friede hält und sie dafür wenig bis keine Anerkennung erhalten werden, das vermittelt mancher Professor seinen angehenden Sozialarbeitern schon im Studium.

In unnormalen Zeiten, in denen die Unsicherheit noch größer ist als ohnehin schon, scheint sich das zu ändern. Ein wenig zumindest. Seit Beginn der Corona-Pandemie habe man die schwerste Krise seit Gründung des Vereins vor 30 Jahren erlebt, berichtet René Kübler, Chef des Vereins Horizont. Aber es seien auch Dinge geschehen, die er so nicht für möglich gehalten hat: man hat zugehört, hat um Einschätzungen gebeten und Rat angenommen.

Den Verein haben die Einschränkungen des öffentlichen Lebens schwer getroffen. Die Gebrauchtwarenhäuser des Horizont, das Schullandheim Harz-Rigi und eine der zwei Großküchen, die vor allem Schulen und Kindergärten beliefern, mussten schließen. Jeder dritte der 401 Mitarbeiter wurde in Kurzarbeit geschickt. Die klassische Sozialarbeit, etwa die Betreuung Minderjähriger im Wohnheim am Taschenberg, stand vor enormen Herausforderungen. „Wir betreuen am Taschenberg 23 junge Männer und das sind zum Teil „Systemsprenger“, das kann man schon so sagen. Da kam Corona noch oben drauf und nicht nur hier. Für die Menschen, die es so schon schwer hatten, sind die Belastungen und der psychische Druck enorm gestiegen“, berichtet Kübler.

Die Krise habe aber in der sozialen Arbeit, wie in vielen anderen Bereichen, auch als Katalysator gedient, etwa für Digitalisierung. Die physische Präsenz bleibe weiter wichtig, zur Not mit Maske und Abstand, aber man habe viele Prozesse digital umgesetzt, die so vorher und ohne Corona wahrscheinlich auf lange Zeit, nicht denkbar gewesen wären. Zahlreiche Kollegen hätten zudem freiwillige Aufgaben übernommen, ausgeholfen wo Not am Mann war und für die Leistung und das unermüdliche Engagement sei er seinen Mitarbeitern unendlich dankbar, aber nach 10 Monaten Pandemie sei die Erschöpfung und Überforderung spürbar.

Auch Sozialarbeiter brauchen manchmal Hilfe. Und die bekam man, unbürokratisch und zügig, aus dem Landratsamt, insbesondere der Kämmerei und der Verwaltungsspitze, erzählt der Horizont-Chef. Unklar war, ob man sich auch in Erfurt verständlich zeigen würde. Der Vereinschef ist in Sachen sozialer Arbeit auch auf Landesebene unterwegs, hat über den Landesverband der Parität und die Landtagsabgeordneten aus der Region versucht, Druck aufzubauen. Nach Küblers Erfahrungen wird in der großen Politik mehr geherrscht, als geführt, Beschlüsse eher durchgedrückt, als das man nachfragt, ob sie auch sinnvoll sind. Das man denen, die direkt betroffen sind, auf Augenhöhe begegnet und zuhört, komme eigentlich nicht vor. Zu seiner Überraschung aber geschah genau das. „Wir sind in Erfurt vorstellig geworden und man hat tatsächlich auf uns gehört, hat passgenaue Unterstützung geboten, die wirklich geholfen hat. Davon brauchen wir auch nach der Krise mehr. Mehr Führung statt Herrschaft, mehr Vertrauen, mehr Diskurs und Dialog“, meint Kübler.

In der praktischen Umsetzung konnten sich der Horizont und andere soziale Träger schließlich auf einen Nothilfefonds stützen. 70% der Verluste seines Vereins konnten abgefedert werden. Für Kübler ist die finanzielle Unterstützung auch eine Art der Anerkennung. „Ich habe in 30 Jahren das erste mal erlebt, das die soziale Arbeit als systemrelevant angesehen wird. Wir helfen denen, die den größten Druck haben und wir machen das gerne, aber an Anerkennung aus der großen Politik hat es bisher gemangelt.“

Kübler würde sich wünschen, wenn Politik und Gesellschaft nach der Pandemie öfter auf die Impulse aus der sozialen Arbeit hören würden, auf Werte und Wertschätzung, die man so auch in seinem Verein lebe. „ Was jetzt zum Teil in der Gesellschaft hoch kommt, das hat schon lange vor dem Virus unter dem Deckel gebrodelt und in diesen Zeiten großer Ängste zeigt sich, das wir keinen Entwurf der Zukunft haben. Werte kann man nicht nur vor sich her tragen, sie müssen auch gelebt werden. Ich denke wir müssen uns stärker in den generellen Diskurs einbringen und zeigen welches Bild der Zukunft wir haben. Krisen kann man nur gemeinsam bewältigen und Dinge wie Vertrauen und gegenseitige Unterstützung werden belohnt. Auch in einer Demokratie. “
Angelo Glashagel
Autor: red

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