Briefe aus Bayern (2)
Mittwoch, 03. August 2005, 10:59 Uhr
Nordhausen (nnz). Seit mehreren Jahren verbringt ein Teil der nnz-Redaktion Erholungsurlaube im wahrsten Sinne des Wortes in Bayern. Eigentlich ist die Welt im bajuwarischen Heimatgefüge in Ordnung. Noch ist sie das. Doch vieles hat sich schon verändert.
Briefe aus Bayern (2) (Foto: nnz)
Der bayerische Wald ist plötzlich nicht mehr Grenzregion zu einem anderen Land, sondern die Region grenzt nur noch an eine andere in der anders gesprochen wird. Tschechisch. Und allein dieser Umstand hat die Menschen östlich von Regensburg verändert. Es hat ihr Umfeld verändert. Drastisch. Die Arbeitslosigkeit ist gestiegen in diesen zurückliegenden Jahren, vor allem aber von 2004 auf 2005. Waren im Juli des vergangenen Jahres noch 16.900 Frauen und Männer im Bereich der Arbeitsagentur Deggendorf ohne Job, so sind es ein Jahr später knapp 20.700. Das ist ein Anstieg von mehr als 20 Prozent.
Sicher, bei einer Quote von derzeit 7,2 Prozent würden sich sämtliche Arbeitslosenverwalter und Kommunalpolitiker vor Freude in der Nordhäuser Region auf ihre Schenkel klopfen, doch hier an der Grenze zu Tschechien kommt schon mal keine gute Laune auf. Selbst nicht in dem Burghotel, wo derzeit geurlaubt wird. Das ist zwar mit fast 90 Prozent Belegung mehr als gut ausgebucht, doch hinter vorgehaltener Hand meint man in der Chefetage, dass das alles nur mit dem Preis zu machen ist. Für ein 30 Quadratmeter großes Zimmer in einem Vier-Sterne-Etablissement mit Terrasse, mit Halbpension und allem Schnick-Schnack, den ein Wellness- und Familienhotel zu bieten hat, sind knapp 50 Euro pro Person fast geschenkt. Das alles übrigens ist selbst im Thüringer Wald als Paketlösung kaum zu haben.
Doch dieses Angebot hat auch seinen Preis. So bayerisch wird längst nicht mehr in den einzelnen Hotelbereichen gesprochen. Ob hinter der Bar, beim Service-Personal, ob an der Rezeption oder am Tisch – es mischt sich mehr und mehr Tschechischer Akzent. Und das nicht etwa, weil es genügend Jobs gibt und die keiner der Deutschen machen will, nein, das war einmal. Es sind die Löhne und Gehälter, die gezahlt werden müssen, um am Markt bestehen zu bleiben. Üblich sind 2,5 bis 3 Euro die Stunde für die Frauen und Männer, die von der anderen Seite kommen und nach getaner Arbeit wieder dorthin zurückfahren.
Die Folgen der offenen Grenze sind deutlich zu spüren. Ob in Neukirchen oder in Kötzing und Fürth im Wald – immer mehr Läden in den Orten sind zu. Dort, wo einst die Urlauber in beschaulichen Einkaufs- oder Verweilmeilen saßen, dort gähnen ihnen jetzt leere Schaufensterscheiben an. Warum soll man für ein Pfund Kaffee in Neukirchen 3,99 Euro ausgeben, wenn es 20 Kilometer weiter nur 2,09 oder 2,49 Euro kostet? Warum soll man für einen Erdbeer-Eisbecher statt 5,10 Euro nicht 80 Tschechische Kronen (2,40 Euro) berappen? Warum soll man in Neukirchen den Liter Super für 1,29 Euro in den Tank kippen, wenn er 20 Kilometer weiter unter einem Euro kostet?
Das sind die Fragen, auf die die Menschen hier keine Antwort haben. Sie müssen das hinnehmen, doch die ersten wollen sich wehren, wollen an den Patriotismus erinnern. Wie mir ein Busfahrer erzählte, würden bereits erste Parolen ausgegeben, nur noch beim Bayern und nicht mehr bei Tschechen zu kaufen – was immer damit gemeint ist. Heimat und Zusammengehörigkeit – all das zeichnete Bayern einmal aus. Die Heimat kann man den Menschen dort an der Grenze vermutlich nicht nehmen, die Zusammengehörigkeit wohl schon eher. Denn auch das wird der Euro schon bald gerichtet haben. Die ersten jungen Leute sind bereits weg auch Neukirchen, Mais oder Hohenwarth. Sie sind dorthin gegangen, wo sie Arbeit finden. In der Heimat ihrer Eltern und Großeltern ist die bereits zur Mangelware geworden.
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnz
Briefe aus Bayern (2) (Foto: nnz)
Der bayerische Wald ist plötzlich nicht mehr Grenzregion zu einem anderen Land, sondern die Region grenzt nur noch an eine andere in der anders gesprochen wird. Tschechisch. Und allein dieser Umstand hat die Menschen östlich von Regensburg verändert. Es hat ihr Umfeld verändert. Drastisch. Die Arbeitslosigkeit ist gestiegen in diesen zurückliegenden Jahren, vor allem aber von 2004 auf 2005. Waren im Juli des vergangenen Jahres noch 16.900 Frauen und Männer im Bereich der Arbeitsagentur Deggendorf ohne Job, so sind es ein Jahr später knapp 20.700. Das ist ein Anstieg von mehr als 20 Prozent.
Sicher, bei einer Quote von derzeit 7,2 Prozent würden sich sämtliche Arbeitslosenverwalter und Kommunalpolitiker vor Freude in der Nordhäuser Region auf ihre Schenkel klopfen, doch hier an der Grenze zu Tschechien kommt schon mal keine gute Laune auf. Selbst nicht in dem Burghotel, wo derzeit geurlaubt wird. Das ist zwar mit fast 90 Prozent Belegung mehr als gut ausgebucht, doch hinter vorgehaltener Hand meint man in der Chefetage, dass das alles nur mit dem Preis zu machen ist. Für ein 30 Quadratmeter großes Zimmer in einem Vier-Sterne-Etablissement mit Terrasse, mit Halbpension und allem Schnick-Schnack, den ein Wellness- und Familienhotel zu bieten hat, sind knapp 50 Euro pro Person fast geschenkt. Das alles übrigens ist selbst im Thüringer Wald als Paketlösung kaum zu haben.
Doch dieses Angebot hat auch seinen Preis. So bayerisch wird längst nicht mehr in den einzelnen Hotelbereichen gesprochen. Ob hinter der Bar, beim Service-Personal, ob an der Rezeption oder am Tisch – es mischt sich mehr und mehr Tschechischer Akzent. Und das nicht etwa, weil es genügend Jobs gibt und die keiner der Deutschen machen will, nein, das war einmal. Es sind die Löhne und Gehälter, die gezahlt werden müssen, um am Markt bestehen zu bleiben. Üblich sind 2,5 bis 3 Euro die Stunde für die Frauen und Männer, die von der anderen Seite kommen und nach getaner Arbeit wieder dorthin zurückfahren.
Die Folgen der offenen Grenze sind deutlich zu spüren. Ob in Neukirchen oder in Kötzing und Fürth im Wald – immer mehr Läden in den Orten sind zu. Dort, wo einst die Urlauber in beschaulichen Einkaufs- oder Verweilmeilen saßen, dort gähnen ihnen jetzt leere Schaufensterscheiben an. Warum soll man für ein Pfund Kaffee in Neukirchen 3,99 Euro ausgeben, wenn es 20 Kilometer weiter nur 2,09 oder 2,49 Euro kostet? Warum soll man für einen Erdbeer-Eisbecher statt 5,10 Euro nicht 80 Tschechische Kronen (2,40 Euro) berappen? Warum soll man in Neukirchen den Liter Super für 1,29 Euro in den Tank kippen, wenn er 20 Kilometer weiter unter einem Euro kostet?
Das sind die Fragen, auf die die Menschen hier keine Antwort haben. Sie müssen das hinnehmen, doch die ersten wollen sich wehren, wollen an den Patriotismus erinnern. Wie mir ein Busfahrer erzählte, würden bereits erste Parolen ausgegeben, nur noch beim Bayern und nicht mehr bei Tschechen zu kaufen – was immer damit gemeint ist. Heimat und Zusammengehörigkeit – all das zeichnete Bayern einmal aus. Die Heimat kann man den Menschen dort an der Grenze vermutlich nicht nehmen, die Zusammengehörigkeit wohl schon eher. Denn auch das wird der Euro schon bald gerichtet haben. Die ersten jungen Leute sind bereits weg auch Neukirchen, Mais oder Hohenwarth. Sie sind dorthin gegangen, wo sie Arbeit finden. In der Heimat ihrer Eltern und Großeltern ist die bereits zur Mangelware geworden.
Peter-Stefan Greiner
