Ein Besuch in Hainrode
Was wird aus dem Teichtal?
Dienstag, 25. August 2020, 19:00 Uhr
Wer im Netz nach dem Erholungszentrum Teichtal sucht, der wird fündig. Lachende Kinder auf der Wasserrutsche im Naturbad oder auf einer kleinen Eisenbahn im Märchenwald bekommt man da zu sehen, ein idyllischer Ort für die ganze Familie. Nur die Realität, die sieht anders aus…
Über eine ausreichende Online-Präsenz kann man sich in Hainrode nicht beschweren. Auf thüringen-entdecken.de" wird das Märchenreich Teichtal bunt bebildert beworben, von Spielplatz, Kindereisenbahn und bewegten Märchenszenen ist da die Rede. Der Heimat- und Museumsverein Hainrode listet auf seiner Website über 100 Stellplätze für Wohnmobile auf, schreibt von den vielen Dauercampern, die hier mit ihren Familien ihre Freizeit verbringen, vom Waldbad mit der Wasserrutsche, dem Gondelteich mit Bootsverleih, Sportanlagen, und, und, und.
Den Hainrödern sei zu Gute gehalten, dass sich ihre Vorstellung des Teichtales unter dem Reiter Geschichte befindet. Denn Geschichte ist die schöne, heile Welt rund um das einstige Erholungszentrum nun schon seit einer Weile. Das Bad ist geschlossen, der Märchenwald wurde von schweren Stürmen in Mittleidenschaft gezogen und liegt im Dornröschenschlaf, der Gondelteich ist im Moment eine weiße Wüstenlandschaft in der sich kaum ein Tropfen Wasser findet und gelegentlich unangenehme Gerüche durch das Tal schickt. Den Dauercampern hat man erst Strom und Wasser abgestellt und schließlich die Kündigung geschickt. Die alten Holzhütten, die am Teich zum verweilen und übernachten einluden, gibt es nicht mehr und selbst über die Glascontainer wuchert das Grün. Was ist hier nur geschehen?
Das fragen sich auch ein paar Anwohner, die lieber anonym bleiben wollen. Der Ort ist klein, kaum 300 Einwohner groß, man will nicht, dass es Gerede gibt. Das Teichtal fühle sich schon fast wie einer dieser Lost Places, einer der verlorenen Orte an, die unternehmungslustige Fotografen immer wieder dokumentieren, sagt ein Herr. Dabei war das einmal ganz anders, die vielen, bunten Bilder, die im Netz zu finden sind, stammen nicht von ungefähr sondern aus besseren Zeiten, als das Teichtal noch reichlich Besucher aus der Umgebung nach Hainrode brachte. Und die Schönheit dieses Ortes ist auch heute, trotz der offensichtlichen Trostlosigkeit, nicht wegzudiskutieren.
2019 hätte man hier den 50. Geburtstag der Anlage gefeiert, doch da sind die Lichter schon aus, nur in der Gaststätte brummt der Betrieb noch. Sie könne sich mit Blick auf ihre Umsätze nicht beschweren, sagt die Betreiberin, aber das Ambiente im Umfeld habe doch arg gelitten in der letzten Zeit. Seit 25 Jahren kann sie den schleichenden Niedergang im Tal beobachten. Ab den 60er Jahren wurde die Teichlandschaft nach und nach aufgebaut, das Erholungsgebiet ist in der Hand der volkseigenen Betriebe. Nach der Wende geht das Eigentum am Campingplatz und Naturbad an die kleine Gemeinde über. In den frühen 90er Jahren wird noch gebaut, es entstehen Spielplätze und neue Bungalows. 1995/96 wird das Bad durch die Wasserrutsche ergänzt und die Parkplätze ausgebaut.
Just in dieser Zeit verschlägt es auch Jürgen Steinecke nach Hainrode. Seit 1994 gehört der heute 74jährige zu den rund 80 Dauercampern im Tal. Sein kleines, mit Holz vertäfeltes Domizil am Hang nennt er seine Jagdhütte, der Blick geht hinaus auf die Wälder und das Wasser. Noch so ein schöner, idyllischer Ort.
Der Badespaß ist im Teichtal schon lange aus, das Naturbad führt nicht mehr genug Wasser (Foto: agl)
Die zunehmenden Probleme werden in den 2000er Jahren deutlich, die kleine Gemeinde, damals Teil der Verwaltungsgemeinschaft Hainleite, tut sich schwer den Betrieb Aufrecht zu erhalten. Wenn früher Wasserknappheit im Waldbad herrschte, dann nutzte man Brunnenwasser um die Pegel wieder auf Stand zu bringen. Es werden sogar zwei neue Brunnen gebohrt, erzählen die Anwohner, doch die Wasserentnahme kostet jetzt Geld. Baden kann man zwischenzeitlich nicht mehr, wenn nicht genug Wasser da ist. Wer sich dennoch hinein wagt, wird mit Ausschlag und Juckreiz belohnt. Der Märchenwald kann den Naturgewalten nicht standhalten, Stürme setzen dem Freiluft-Rundgang zu. Im Ort sieht man sich nach Investoren um und findet anno 2013 den Niederländer Heerke Kempinga. Der ist damals fast 70 Jahre alt und eigentlich längst im Ruhestand. Kempinga versucht sein Glück bis zum Jahr 2016, dann übernimmt das Ehepaar Wouters aus den Niederlanden den Betrieb des Erholungszentrums. Ende 2018 gaben Sie bekannt, den Campingbetrieb zu stoppen. Man habe nach einem Nachfolger gesucht, ist in einem Eintrag in den sozialen Medien zu lesen, doch die Gemeinde wolle den ganzen Campingplatz verkaufen. Danach Stille, die Niederländer verabschieden sich über Nacht aus dem Südharz.
Seit 1994 ist Jürgen Steinecke schon im Teichtal (Foto: agl)
Heute führt Camper Jürgen Steinecke mit Wehmut über das Gelände. Alles verkommt, sagt Steinecke immer wieder und zeigt Trümmerhaufen, die Reste aufgegebener Bungalows, Wege und Treppen, die von der Natur zurückerobert werden. Als die letzten Betreiber aufgaben, da spuckten die Camper in die Hände und kümmerten sich selbst um die Pflege der Anlage, erzählt er, sie schneiden die Wege frei, versuchen das Bad und die sanitären Anlagen in Schuss zu halten, sie kümmern sich. Und zahlen trotzdem ihre Pacht. 60.000 bis 70.000 Euro an Einnahmen bescheren die Camper der Gemeinde, im Jahr, schätzt Steinecke. Da sie nun für alles selbst sorgen müssen, stellen viele Camper ihre Zahlungen schließlich ein. In der Folge werden Wasser und Strom abgestellt, Anfang des Jahres flattern die Kündigungen ins Haus. Bis zum 31.3. sind die Flächen zu räumen, heißt es aus dem Bleicheröder Bauhof, die Wohnwagen und alles weitere müssen weg.
Die Corona-Krise gewährt einen kurzen Aufschub, bis zum 31.6. wird die Frist verlängert. Doch nun ist Schluss. Steinecke ist der letzte Camper am Hang und er will nicht gehen. Er wüsste gar nicht wie er sein Häuschen abreißen soll, sagt er und wenn man den Blick schweifen lässt, dann erging es vielen seiner langjährigen Nachbarn wohl ähnlich. Die Bungalows bestehen zum Teil aus umgebauten Eisenbahnwaggons, die hier in DDR-Zeiten aufgestellt wurden und sich als recht unverwüstlich erwiesen haben. Hier und da zeigt sich eine Brachfläche, doch an vielen Stellen stehen schlicht die aufgegebenen Waggons, mit offenen Türen und überwucherten Terrassen.
Die Landgemeinde Bleicherode, zu der Hainrode inzwischen gehört, hat den alteingesessenen Campern zu Beginn des Jahres gekündigt. Einen anderen, gangbaren Weg habe es nicht gegeben, meint der Bürgermeister der Landgemeinde, Frank Rostek. Pläne zum Verkauf des Areals hatte es von Seiten Hainrodes bereits vor der Schaffung der neuen Landgemeinde gegeben, umfangreiche Pläne die auch Straßen und die Biotope einschlossen, berichtet Rostek, allerdings ohne Umweltbewertung und Bebauungsplan. Nach dem plötzlichen Weggang der letzten Betreiber, von einem Tag auf den anderen, wie sich der Bürgermeister ausdrückt, fehlten zudem Unterlagen, es habe keine Aktenlage gegeben, um einen sauberen Übergang zu organisieren.
Den Dauercampern habe man zunächst einen Abschlag auf die Pacht angeboten, sei aber schließlich zu dem Schluss gekommen, dass ein Sanierung der maroden Infrastruktur im laufenden Betrieb nicht möglich sei. Rechtlich habe man keinen anderen Weg gesehen. Ich weiß das man es nicht jedem Recht machen kann und ich verstehe dass es Unmut gibt, gerade wenn man hier 20, 30 oder 50 Jahre gecampt hat. Aber das war der richtige Weg. Absprachen mit Handschlag haben vor dreißig Jahren funktioniert, dass kann man heute nicht mehr machen., sagt Rostek. Der Rat der Landgemeinde habe entschieden, einen Schlussstrich zu ziehen und dem neuen Investor einen geräumten Platz zu übergeben. Der stehe in den Startlöchern, heißt es aus Bleicherode, der Verkauf des Platzes könne in den nächsten Wochen abgeschlossen werden. Mehrere Verhandlungsrunden und Vor-Ort-Termine habe man hinter sich und befinde sich in der Endabstimmung. Im Teichtal soll ein Campingplatz des 21. Jahrhunderts entstehen, erklärt der Bürgermeister. Die spärlichen Maßnahmen der letzten Jahrzehnte sei dem Teichtal letztlich auf die Füße gefallen, nun würden Investitionen in Größenordnungen nötig, um das Tal neu zu beleben.
Der Verkauf des Campingplatzes sei ein erster Schritt, wieder Leben einziehen zu lassen, die Renaissance des Freibades werde hingegen noch eine schwierigere Geschichte. Immerhin: der Landschaftspflegeverband Südharz (LPV) hat hier vor kurzem seine Molchhütte errichtet. Um die 10.000 Amphibien, darunter Berg-, Kamm-, und Teichmolche sowie diverse Krötenarten, finden hier beste Bedingungen vor, erklärt Tobias Erhardt vom LPV: dichte Wälder nahebei, kaum Straßen oder Kanäle die durch das Habitat schneiden und warme, flache Gewässer für die Kinderaufzucht. Nirgendwo sonst in Deutschland fände sich eine derartige Vielfalt an Amphibien. Die kleine Hütte am Rand des alten Badeteiches soll mit einer Reihe von Angeboten rund um das Leben der Amphibien das Interesse von Kindern und Familien wecken, soll wieder ein paar Leute ins Tal locken und nur ein Anfang sein.
Die kleinen Wasserdrachen sind auch der Grund, warum der Gondelteich im Moment trocken daliegt. Das Areal soll ökologisch aufgewertet werden, erklärt Erhardt, von September bis voraussichtlich Oktober will man das Nordufer abflachen und über drei Bunen wärmere Wasserbereiche schaffen, die von den Amphibien bevorzugt werden. Dafür muss schweres Gerät anrücken und das braucht trockenen, festen Untergrund um dem Ufer zu Leibe rücken zu können. Spätestens im kommenden Jahr wird der Teich wieder bewässert, heißt es aus dem LPV.
Für die Zukunft der Kröten und Molche mussten auch die Fische weichen, denn die fressen den Laich der kleinen Tiere. Wir haben den Teich im vergangenen Jahr schon einmal abgelassen und die Fische herausgeholt, erzählt Erhardt, der Unterschied sei schnell deutlich geworden. Vorher war der Teich eine eher trübe Brühe, dafür haben die zehn Karpfen gesorgt, die das Sediment aufgewühlt haben. Inzwischen hatte sich die Struktur deutlich verbessert, das Wasser war glasklar und es gab neuen Bewuchs im Teich. Gänzlich fischfrei könne und werde das Gewässer nicht bleiben, das sei gar nicht möglich. Man werde sich aber bemühen, die Fischpopulation gering zu halten und das Wasser alle drei bis vier Jahre abzulassen.
Was nicht bedeutet, dass der Teich ein abgeschottetes Refugium allein für Molch und Co. wird. Auch der Mensch soll seinen Platz und seine Freude am Wasser und der Natur haben, versichert Erhardt, man wolle das Amphibienparadies erlebbar machen. Denkbar sei etwa die Anschaffung eines Glasbodenbootes zum gemütlichen gondeln und beobachten.
Was wird also aus dem Teichtal? Mit Sicherheit lässt sich das noch nicht sagen. Zu den Pläne des Investors auf dem Campingplatz ist nichts näheres bekannt und große Versprechen, Lichtblicke und Hoffnung gab es schon in der Vergangenheit. Ein Maß an Skepsis ist also durchaus angebracht. Auf der anderen Seite zeigen die Vorhaben rund um den Naturschutz zumindest an, dass man das Teichtal nicht vergessen hat und etwas schaffen möchte. Im Zuge der Aufwertung werde perspektivisch die Hauptzufahrtsstraße verlegt, berichtet Tobias Erhardt der nnz, was weniger für kleckern und eher für klotzen spricht. Sollte der jetzige Zustand anhalten und dieser kleine Schatz weiter verfallen, es wäre ein Armutszeugnis für die Region. Die Entwicklung des Tals sollte man also auf jeden Fall im Auge behalten und ein kleiner Spaziergang lohnt sich heute schon, trotz oder vielleicht auch wegen dem nebenher von Naturschönheit und Tristesse des Verfalls. Wer noch Molche sehen will, muss sich sputen, denn deren Saison geht für dieses Jahr bereits dem Ende entgegen.
Angelo Glashagel
Autor: redÜber eine ausreichende Online-Präsenz kann man sich in Hainrode nicht beschweren. Auf thüringen-entdecken.de" wird das Märchenreich Teichtal bunt bebildert beworben, von Spielplatz, Kindereisenbahn und bewegten Märchenszenen ist da die Rede. Der Heimat- und Museumsverein Hainrode listet auf seiner Website über 100 Stellplätze für Wohnmobile auf, schreibt von den vielen Dauercampern, die hier mit ihren Familien ihre Freizeit verbringen, vom Waldbad mit der Wasserrutsche, dem Gondelteich mit Bootsverleih, Sportanlagen, und, und, und.
Den Hainrödern sei zu Gute gehalten, dass sich ihre Vorstellung des Teichtales unter dem Reiter Geschichte befindet. Denn Geschichte ist die schöne, heile Welt rund um das einstige Erholungszentrum nun schon seit einer Weile. Das Bad ist geschlossen, der Märchenwald wurde von schweren Stürmen in Mittleidenschaft gezogen und liegt im Dornröschenschlaf, der Gondelteich ist im Moment eine weiße Wüstenlandschaft in der sich kaum ein Tropfen Wasser findet und gelegentlich unangenehme Gerüche durch das Tal schickt. Den Dauercampern hat man erst Strom und Wasser abgestellt und schließlich die Kündigung geschickt. Die alten Holzhütten, die am Teich zum verweilen und übernachten einluden, gibt es nicht mehr und selbst über die Glascontainer wuchert das Grün. Was ist hier nur geschehen?
Das fragen sich auch ein paar Anwohner, die lieber anonym bleiben wollen. Der Ort ist klein, kaum 300 Einwohner groß, man will nicht, dass es Gerede gibt. Das Teichtal fühle sich schon fast wie einer dieser Lost Places, einer der verlorenen Orte an, die unternehmungslustige Fotografen immer wieder dokumentieren, sagt ein Herr. Dabei war das einmal ganz anders, die vielen, bunten Bilder, die im Netz zu finden sind, stammen nicht von ungefähr sondern aus besseren Zeiten, als das Teichtal noch reichlich Besucher aus der Umgebung nach Hainrode brachte. Und die Schönheit dieses Ortes ist auch heute, trotz der offensichtlichen Trostlosigkeit, nicht wegzudiskutieren.
2019 hätte man hier den 50. Geburtstag der Anlage gefeiert, doch da sind die Lichter schon aus, nur in der Gaststätte brummt der Betrieb noch. Sie könne sich mit Blick auf ihre Umsätze nicht beschweren, sagt die Betreiberin, aber das Ambiente im Umfeld habe doch arg gelitten in der letzten Zeit. Seit 25 Jahren kann sie den schleichenden Niedergang im Tal beobachten. Ab den 60er Jahren wurde die Teichlandschaft nach und nach aufgebaut, das Erholungsgebiet ist in der Hand der volkseigenen Betriebe. Nach der Wende geht das Eigentum am Campingplatz und Naturbad an die kleine Gemeinde über. In den frühen 90er Jahren wird noch gebaut, es entstehen Spielplätze und neue Bungalows. 1995/96 wird das Bad durch die Wasserrutsche ergänzt und die Parkplätze ausgebaut.
Just in dieser Zeit verschlägt es auch Jürgen Steinecke nach Hainrode. Seit 1994 gehört der heute 74jährige zu den rund 80 Dauercampern im Tal. Sein kleines, mit Holz vertäfeltes Domizil am Hang nennt er seine Jagdhütte, der Blick geht hinaus auf die Wälder und das Wasser. Noch so ein schöner, idyllischer Ort.
Der Badespaß ist im Teichtal schon lange aus, das Naturbad führt nicht mehr genug Wasser (Foto: agl)
Die zunehmenden Probleme werden in den 2000er Jahren deutlich, die kleine Gemeinde, damals Teil der Verwaltungsgemeinschaft Hainleite, tut sich schwer den Betrieb Aufrecht zu erhalten. Wenn früher Wasserknappheit im Waldbad herrschte, dann nutzte man Brunnenwasser um die Pegel wieder auf Stand zu bringen. Es werden sogar zwei neue Brunnen gebohrt, erzählen die Anwohner, doch die Wasserentnahme kostet jetzt Geld. Baden kann man zwischenzeitlich nicht mehr, wenn nicht genug Wasser da ist. Wer sich dennoch hinein wagt, wird mit Ausschlag und Juckreiz belohnt. Der Märchenwald kann den Naturgewalten nicht standhalten, Stürme setzen dem Freiluft-Rundgang zu. Im Ort sieht man sich nach Investoren um und findet anno 2013 den Niederländer Heerke Kempinga. Der ist damals fast 70 Jahre alt und eigentlich längst im Ruhestand. Kempinga versucht sein Glück bis zum Jahr 2016, dann übernimmt das Ehepaar Wouters aus den Niederlanden den Betrieb des Erholungszentrums. Ende 2018 gaben Sie bekannt, den Campingbetrieb zu stoppen. Man habe nach einem Nachfolger gesucht, ist in einem Eintrag in den sozialen Medien zu lesen, doch die Gemeinde wolle den ganzen Campingplatz verkaufen. Danach Stille, die Niederländer verabschieden sich über Nacht aus dem Südharz.
Seit 1994 ist Jürgen Steinecke schon im Teichtal (Foto: agl)
Heute führt Camper Jürgen Steinecke mit Wehmut über das Gelände. Alles verkommt, sagt Steinecke immer wieder und zeigt Trümmerhaufen, die Reste aufgegebener Bungalows, Wege und Treppen, die von der Natur zurückerobert werden. Als die letzten Betreiber aufgaben, da spuckten die Camper in die Hände und kümmerten sich selbst um die Pflege der Anlage, erzählt er, sie schneiden die Wege frei, versuchen das Bad und die sanitären Anlagen in Schuss zu halten, sie kümmern sich. Und zahlen trotzdem ihre Pacht. 60.000 bis 70.000 Euro an Einnahmen bescheren die Camper der Gemeinde, im Jahr, schätzt Steinecke. Da sie nun für alles selbst sorgen müssen, stellen viele Camper ihre Zahlungen schließlich ein. In der Folge werden Wasser und Strom abgestellt, Anfang des Jahres flattern die Kündigungen ins Haus. Bis zum 31.3. sind die Flächen zu räumen, heißt es aus dem Bleicheröder Bauhof, die Wohnwagen und alles weitere müssen weg. Die Corona-Krise gewährt einen kurzen Aufschub, bis zum 31.6. wird die Frist verlängert. Doch nun ist Schluss. Steinecke ist der letzte Camper am Hang und er will nicht gehen. Er wüsste gar nicht wie er sein Häuschen abreißen soll, sagt er und wenn man den Blick schweifen lässt, dann erging es vielen seiner langjährigen Nachbarn wohl ähnlich. Die Bungalows bestehen zum Teil aus umgebauten Eisenbahnwaggons, die hier in DDR-Zeiten aufgestellt wurden und sich als recht unverwüstlich erwiesen haben. Hier und da zeigt sich eine Brachfläche, doch an vielen Stellen stehen schlicht die aufgegebenen Waggons, mit offenen Türen und überwucherten Terrassen.
Das war der richtige Weg
Die Landgemeinde Bleicherode, zu der Hainrode inzwischen gehört, hat den alteingesessenen Campern zu Beginn des Jahres gekündigt. Einen anderen, gangbaren Weg habe es nicht gegeben, meint der Bürgermeister der Landgemeinde, Frank Rostek. Pläne zum Verkauf des Areals hatte es von Seiten Hainrodes bereits vor der Schaffung der neuen Landgemeinde gegeben, umfangreiche Pläne die auch Straßen und die Biotope einschlossen, berichtet Rostek, allerdings ohne Umweltbewertung und Bebauungsplan. Nach dem plötzlichen Weggang der letzten Betreiber, von einem Tag auf den anderen, wie sich der Bürgermeister ausdrückt, fehlten zudem Unterlagen, es habe keine Aktenlage gegeben, um einen sauberen Übergang zu organisieren.
Den Dauercampern habe man zunächst einen Abschlag auf die Pacht angeboten, sei aber schließlich zu dem Schluss gekommen, dass ein Sanierung der maroden Infrastruktur im laufenden Betrieb nicht möglich sei. Rechtlich habe man keinen anderen Weg gesehen. Ich weiß das man es nicht jedem Recht machen kann und ich verstehe dass es Unmut gibt, gerade wenn man hier 20, 30 oder 50 Jahre gecampt hat. Aber das war der richtige Weg. Absprachen mit Handschlag haben vor dreißig Jahren funktioniert, dass kann man heute nicht mehr machen., sagt Rostek. Der Rat der Landgemeinde habe entschieden, einen Schlussstrich zu ziehen und dem neuen Investor einen geräumten Platz zu übergeben. Der stehe in den Startlöchern, heißt es aus Bleicherode, der Verkauf des Platzes könne in den nächsten Wochen abgeschlossen werden. Mehrere Verhandlungsrunden und Vor-Ort-Termine habe man hinter sich und befinde sich in der Endabstimmung. Im Teichtal soll ein Campingplatz des 21. Jahrhunderts entstehen, erklärt der Bürgermeister. Die spärlichen Maßnahmen der letzten Jahrzehnte sei dem Teichtal letztlich auf die Füße gefallen, nun würden Investitionen in Größenordnungen nötig, um das Tal neu zu beleben.
Ein Paradies für Amphibien
Der Verkauf des Campingplatzes sei ein erster Schritt, wieder Leben einziehen zu lassen, die Renaissance des Freibades werde hingegen noch eine schwierigere Geschichte. Immerhin: der Landschaftspflegeverband Südharz (LPV) hat hier vor kurzem seine Molchhütte errichtet. Um die 10.000 Amphibien, darunter Berg-, Kamm-, und Teichmolche sowie diverse Krötenarten, finden hier beste Bedingungen vor, erklärt Tobias Erhardt vom LPV: dichte Wälder nahebei, kaum Straßen oder Kanäle die durch das Habitat schneiden und warme, flache Gewässer für die Kinderaufzucht. Nirgendwo sonst in Deutschland fände sich eine derartige Vielfalt an Amphibien. Die kleine Hütte am Rand des alten Badeteiches soll mit einer Reihe von Angeboten rund um das Leben der Amphibien das Interesse von Kindern und Familien wecken, soll wieder ein paar Leute ins Tal locken und nur ein Anfang sein.
Die kleinen Wasserdrachen sind auch der Grund, warum der Gondelteich im Moment trocken daliegt. Das Areal soll ökologisch aufgewertet werden, erklärt Erhardt, von September bis voraussichtlich Oktober will man das Nordufer abflachen und über drei Bunen wärmere Wasserbereiche schaffen, die von den Amphibien bevorzugt werden. Dafür muss schweres Gerät anrücken und das braucht trockenen, festen Untergrund um dem Ufer zu Leibe rücken zu können. Spätestens im kommenden Jahr wird der Teich wieder bewässert, heißt es aus dem LPV.
Für die Zukunft der Kröten und Molche mussten auch die Fische weichen, denn die fressen den Laich der kleinen Tiere. Wir haben den Teich im vergangenen Jahr schon einmal abgelassen und die Fische herausgeholt, erzählt Erhardt, der Unterschied sei schnell deutlich geworden. Vorher war der Teich eine eher trübe Brühe, dafür haben die zehn Karpfen gesorgt, die das Sediment aufgewühlt haben. Inzwischen hatte sich die Struktur deutlich verbessert, das Wasser war glasklar und es gab neuen Bewuchs im Teich. Gänzlich fischfrei könne und werde das Gewässer nicht bleiben, das sei gar nicht möglich. Man werde sich aber bemühen, die Fischpopulation gering zu halten und das Wasser alle drei bis vier Jahre abzulassen.
Was nicht bedeutet, dass der Teich ein abgeschottetes Refugium allein für Molch und Co. wird. Auch der Mensch soll seinen Platz und seine Freude am Wasser und der Natur haben, versichert Erhardt, man wolle das Amphibienparadies erlebbar machen. Denkbar sei etwa die Anschaffung eines Glasbodenbootes zum gemütlichen gondeln und beobachten.
Was wird also aus dem Teichtal? Mit Sicherheit lässt sich das noch nicht sagen. Zu den Pläne des Investors auf dem Campingplatz ist nichts näheres bekannt und große Versprechen, Lichtblicke und Hoffnung gab es schon in der Vergangenheit. Ein Maß an Skepsis ist also durchaus angebracht. Auf der anderen Seite zeigen die Vorhaben rund um den Naturschutz zumindest an, dass man das Teichtal nicht vergessen hat und etwas schaffen möchte. Im Zuge der Aufwertung werde perspektivisch die Hauptzufahrtsstraße verlegt, berichtet Tobias Erhardt der nnz, was weniger für kleckern und eher für klotzen spricht. Sollte der jetzige Zustand anhalten und dieser kleine Schatz weiter verfallen, es wäre ein Armutszeugnis für die Region. Die Entwicklung des Tals sollte man also auf jeden Fall im Auge behalten und ein kleiner Spaziergang lohnt sich heute schon, trotz oder vielleicht auch wegen dem nebenher von Naturschönheit und Tristesse des Verfalls. Wer noch Molche sehen will, muss sich sputen, denn deren Saison geht für dieses Jahr bereits dem Ende entgegen.
Angelo Glashagel





























