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Endlich mal über Versäumnisse reden

Mittwoch, 22. April 2020, 07:43 Uhr
Das wirklich "Gute" an einer Krise ist die Hoffnung, dass danach einiges anders ist in unserem tagtäglichen Leben. Vielleicht auch besser. Auf jeden Fall sollte Zeit sein für eine demokratische Diskussion, meint ein Leser der Nordthüringer Online-Zeitungen...


"In der modernen Gesellschaft sind die Möglichkeiten der Einflussnahme auf scheinbar unabhängige Menschen vielfältig und schwer zu kontrollieren.(...) In der Politik geht es auch um empirische Verfahren. Politische Entscheidungen können niemals den Anspruch stellen, sie repräsentieren die Wahrheit schlechthin, jedenfalls sollten sie das nicht. Sie sind im Wesentlichen zeitgebundene Versuche, Probleme zu lösen (...)." Soweit der Publizist und Soziologe Ralf Dahrendorf*.

Was bedeutet das für die Corona-Krise?
Die epidemiologische Wissenschaft macht gerade eine steile Lernkurve durch. Es gibt jede Menge theoretische Modelle, keines von ihnen musste in unseren Generationen je auf eine Pandemie bei einer für Risikogruppen sehr bedrohlichen Erkrankung, fehlender Immunität und fehlendem Impfschutz in Anwendung gebracht werden. Die Bilder aus China, Norditalien, Spanien und dem Elsass waren dramatisch. Informiert man sich über die bislang verfügbare Studienlage, dominieren ganz klar Meinungen die Evidenz anhand von Studien.

Meinungen orientieren sich an theoretischen Erwägungen, besonders wird das an der Diskussion um die Maskenpflicht und den "Lock down" deutlich. Und dann kommen die Medien ins Spiel, die im Idealfall Wissen vermitteln und Entscheidungen verbreiten müssen. Man sollte dabei klar darstellen, welche Schlüsse die Grafiken des RKI zulassen und welche nicht.

Denn es müssen politische Entscheidungen getroffen werden. Wie aber hätte die Politik reagieren sollen?
Gab es anfangs Alternativen? Ich denke nicht. Man musste radikal handeln weil die Gefahr sehr groß war bzw. ist.

Aber: Wenn man den ganzen "Verschwörungstheoretikern" wenigstens etwas abgewinnen will, dann vielleicht das: den kritischen Blick auf getroffene und anstehende Entscheidungen.

Und dann kommen die Politiker ins Spiel: So zum Beispiel ein Landrat eines eher ländlichen Kreises mit geringen Fallzahlen, der beim Tragen des Mundschutzes für die Bevölkerung voranprescht, Millionen für medizinischen (!) Mund-Nasen-Schutz ausgibt, den die Bevölkerung dann kaufen soll und der definitiv in Pflegeeinrichtungen besser verwendet werden könnte.

Wir haben aber auch die größeren "Alpha-Tiere", die als Ministerpräsident in NRW oder Bayern sogar ins Kanzleramt wollen und sich natürlich gern als Macher in Szene setzen. Und so entwickelt das Ganze eine Eigendynamik, deren Sinn man manchmal hinterfragen muss. Jetzt (!) diskutieren wir über Mundschutz für das ganze Land und Lock down für lange Zeit! Während die Zahlen im Moment tatsächlich rückläufig sind. (Wir erinnern uns, aktuelle Zahlen repräsentieren den Status von vor 2 Wochen.)
Abstandsregel und Einschränkung des Reisens haben bereits gut gewirkt und waren absolut gerechtfertigt!

Aber jetzt könnte bei noch bestehendem Abstandsgebot und Einschränkung des Reisens jeder Politiker in seinem Landkreis, jeder Ladenbesitzer für seinen Laden, jeder Restaurantchef, jeder Direktor für seine Schule nachdenken und sich ggf. kompetent beraten (!) lassen, was vor Ort eine maßgeschneiderte Lösung wäre, um den Lock down zurückzufahren! Nicht jede jetzt getroffene Regelung war und ist wirklich sinnvoll und angemessen! Für unseren Landkreis hieße das zum Beispiel, dass der Landrat sich jetzt mal die Schulen anschaut, die geöffnet werden sollen! Da gibt es Schulen, "Modellschulen" für Digitalisierung, die haben noch nicht mal einen Beamer, die haben defekte Sanitäreinrichtungen, keine Papierhandtücher und kaum Seife, geschweige denn genügend Tische und Stühle (Stichwort Abstandsgebot!). Gestern aus zuverlässiger Quelle gehört! Verantwortung des Landkreises. Leider nicht sehr medienwirksam!

"...Sie sind im Wesentlichen zeitgebundene Versuche, Probleme zu lösen und sollten nicht in Frage gestellt werden, wenn sie auf Entscheidungen von Mehrheiten gewählter Abgeordneter beruhen.", schreibt Dahrendorf weiter*.

Und dieser demokratische Diskurs fehlt mir im Moment, während weitreichende Entscheidungen getroffen werden müssen. Man muss auch mal über Versäumnisse reden, bei Gesundheitswesen, Bildung, Digitalisierung. Corona zeigt sie gnadenlos auf. Es wird stattdessen "durchregiert". Im Landkreis und im ganzen Land! *Literatur beim Verfasser
Dr. C. Marx
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Autor: red

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