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Der Maskenstreit zu Nordhausen, Teil zwei

Montag, 20. April 2020, 14:00 Uhr
Bund und Länder empfehlen dringend das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes, im Landkreis Nordhausen bleibt man bei der Pflicht. Warum nur könnte das so sein? Eine Betrachtung...

Der Maskenstreit zu Nordhausen, Teil zwei (Foto: Angelo Glashagel) Der Maskenstreit zu Nordhausen, Teil zwei (Foto: Angelo Glashagel)

Die einfache Antwort lautet: weil wir es können. Die etwas längere Antwort: weil der Bund es nicht kann. Ob ich aus der „dringenden Empfehlung“ eine Pflicht mache, hängt in dieser Frage von einem entscheidenden Faktor ab: der Skalierbarkeit. Der Landkreis hat die Maskenpflicht vor nunmehr drei Wochen angekündigt, der Bevölkerung zwei Wochen Zeit gelassen sich auf die neue Verordnung vorzubereiten und währenddessen versucht, dass neben den selbstgebastelten Schutzaccessoires auch einfache Wegwerfmasken zur Verfügung stehen. Insgesamt 1,3 Millionen sollen es am Ende sein. Für eine überschaubare Region von knapp 85.000 Einwohnern. Warum so viele? Es handelt sich um Wegwerfmasken, die nicht für längere oder mehrere Einsätze gedacht sind. Will man die Bürgerinnen und Bürger, die Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen und perspektivisch vielleicht auch Schulen und Supermärkte versorgen, kommt schnell mehr zusammen als die reine Zahl der Einwohner. Hinzu kommt das nicht das gesamte Material sofort zur Verfügung steht.

Der Krisenstab entwickelt sich gerade zum Logistikexperten, ist aus dem Landratsamt zu hören, die Hürden das Material während einer globalen Krise sicher und zeitnah in die Region zu bekommen, sind laut Landrat Jendricke nicht eben klein und gerade die ersten Teillieferungen liefen nicht problemlos über die Bühne.

Nun nehme man das gleiche Szenario und lege es auf ein Land von gut 80 Millionen Menschen um. Wieviele Masken brauche ich, um eine allgemeine „Pflicht“ einzuführen? Wieviel Vorlaufzeit um die Beschaffung und Verteilung zu organisieren? Reichen die Produktionskapazitäten vor Ort aus um den Bedarf zu zeitnah zu decken oder muss ich mich des arg strapazierten Weltmarktes bedienen? Kurzum: eine Maskenpflicht ist in Deutschland nicht ohne weiteres umzusetzen. Dafür hätte man wesentlich früher aktiv werden müssen und selbst dann wäre noch nicht ausgemacht, dass ein solches Unterfangen gelingen würde. Der Landkreis hat seine liebe Not 1,3 Millionen Masken zu bekommen und zu verteilen. In ein paar Wochen mehrere Milliarden zu organisieren ist nicht unmöglich, kann aber nicht ohne weiteres aus dem Ärmel geschüttelt werden. Darum dürfte es, meiner Meinung nach, bei der „dringenden Empfehlung“ geblieben sein. Man konnte schlicht nicht anders.

Das ist Aspekt eins. Aspekt zwei: andere Länder und Landkreise werden nachziehen. Mit Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und seit heute Bayern haben bereits mehrere Bundesländer ihre eigene Verpflichtung angekündigt. Ob sie sich in diesem Maßstab ohne größeren Schluckauf umsetzen lässt muss sich zeigen. Im Zuge der sukzessiven Wiederaufnahme des Schulbetriebs werden auch in Thüringen sehr wahrscheinlich weitere Landkreise Maskenpflichten einführen, ob nun für den Einkauf und ÖPNV, den Unterricht oder alle drei Bereiche. Von Landrat Jendricke war in der vergangenen Woche bereits zu hören das man mit anderen Kreisen gerade an einer gemeinsamen Großbestellung von rund 10 Millionen Masken arbeite, ein vor drei Wochen noch anscheinend noch undenkbarer Vorgang. Sollte dies so kommen, dann hätte der Nordhäuser Landrat nur etwas früher gehandelt als die meisten seiner Kollegen und nun sitzen alle (oder zumindest mehrere) mit im Boot.

Und dann noch Punkt drei: die Maskenpflicht bringt ja nichts, die Infektionen ziehen weiter an. Das stimmt zwar, heißt aber nicht, dass die Maskenpflicht nicht effektiv wäre. Das muss sich erst noch zeigen. Da sich die Inkubationszeit des Corona-Virus vergleichsweise lange hinzieht bevor sich Symptome einstellen und schließlich die Tests folgen, dürften sich die letzten nun bekanntgewordenen Infektionen bereits vor der Einführung der Maskenpflicht (aber nicht unbedingt vor deren Bekanntgabe) ereignet haben. Da der Zwang beim Einkauf Mund und Nase abzudecken erst seit einer Woche verbindlich gilt werden wir, wenn überhaupt, erst in den kommenden ein bis zwei Wochen sehen ob die Maßnahme sinnvoll war und die Zahl der Neuinfektionen langsam sinkt.

Es zeigt sich Licht am Horizont und auch die lange, lange Corona-Nacht wird irgendwann zu Ende gehen. Vorsicht ist trotz des Schimmers immer noch geboten, nicht das der Virus am Ende doch noch einmal stärker um sich greift und sich das ganze, traurige Dilemma noch länger hinzieht als nötig. Darauf habe ich persönlich so gar keine Lust. Deswegen - Masken, Mund- und Nasenschutz? Ja, bitte.
Angelo Glashagel
Autor: red

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