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Lesung mit Wulf Kirsten in Limlingerode fällt aus

Gedenken an Sarah Kirsch

Montag, 20. April 2020, 10:08 Uhr
Die Dichterin Sarah Kirsch, die vor 85 Jahren als Ingrid Hella Irmelinde Bernstein in Limlingerode am Südharz geboren wurde, dann nach der Heirat Ingrid Kirsch hieß, war stolz, dass sie zum selben Datum wie Charlie Chaplin, am 16. April, geboren worden ist...

Geburtsregister (Foto: H.Kneffel) Geburtsregister (Foto: H.Kneffel)
Eintrag in das Geburts- und Taufregister der evangelischen Kirche in Limlingerode

Sie betonte stets, dass sie in der Langen Reihe 11, im ersten Stockwerk der Pfarre in Limlingrode, das sie literarisch gern Winzigerode oder Lümmelingerode nannte, das Licht der Welt erblickt hat. Wir konnten ihr Anfang Juni 1997 auf der üppig blühenden wilden Wiese vor dem zerfallenden Geburtshaus eine Kopie des Geburts- und Taufeintrages aus dem Kirchenbuch überreichen.

Bald danach schenkte sie uns ein Familienfoto, wo sie als Kleinkind mit ihre Eltern und einem Spitz nahe des Hauses ganz entspannt zu sehen ist. In ihrem kleinen feinen biographischen Bändchen "Kuckuckslichtnelken", 2006 im Steidl Verlag Göttingen erschienen, fängt sie unvermittelt an: "Ich bin 1935 im Pfarrhaus zu Limlingerode geboren worden, in einem südländisch anmutenden Fachwerkbau auf einer Anhöhe am Rande des Waldes. Es handelt sich um den letzten Amtssitz meines Großvaters, und es wohnten auch meine Eltern in diesem Haus." Zu einem der Fenster ihres Geburtszimmers im ersten Stock ragten die Zweige einer alten Linde herüber. Natur war der Heranwachsenden von Anfang an nahe, zumal ihre Mutter über ausgezeichnete botanische Kenntnisse verfügte.

Zu Ehren ihres 85. Geburtstages wollten wir in der Dichterstätte am 25. April einen Poeten zu Wort kommen lassen, der einen ausgezeichneten Ruf genießt und für den z.B. Wandern ein großes Bedürfnis darstellt, Wulf Kirsten aus Weimar. Er wurde 2019 fünfundachtzig und es erschien der bibliophile Gedichtband "flurgänger" im Verlag Thomas Reche, Neumark, in limitierter Auflage, signiert von Wulf Kirsten und Susanne Theumer, denn in ihm gibt es 43 Gedichte Kirstens aus verschiedenen Schaffenszeiten, und die Künstlerin Susanne Theumer, Jahrgang 1975, aus Höhnstedt, unweit von Halle an der Saale, schuf dazu 38 kongeniale Radierungen. Beide kennen sich bereits seit dem Jahr 2006 und arbeiten gern zusammen. Deshalb sollten in der 2. HausART 2020 am kommenden Samstag zur Lesung hinzu die Bildwerke von ihr ausgestellt werden. Beides muss nun zu unser aller Bedauern entfallen.

Die Theumer zeigte in Limlingerode bereits Bildwerke über drei Dichtende, über Jacob Michael Lenz, Günter Kunert und Ossip Mandelstam. Wir haben heute die Freude, dass sie aus Anlass des Geburtstages der Kirsch eine Radierung in einer Auflage von 11 Drucken schuf, die den Titel "Die Ebene " trägt. Vorbild war das Gedicht gleichen Titels, dass in dem Gedichtband "Schneewärme" veröffentlicht wurde und die Verehrung Sarah Kirschs für Friedrich Hölderlin offenbart, dieser Ausnahmeerscheinung unter den Dichtern, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 250. Male jährt. Sie stellt ihm dessen Verse voran: "Meine geliebten / Tale lächeln mich an." Sie endet mit den Verszeilen: "Wie gelassen wäre der Abschied / Könnten wir in leichter Gewißheit / Daß diese Erde lange noch / Dauert gerne doch gehn."

Radierung (Foto: H.Kneffel) Radierung (Foto: H.Kneffel)
Radierung "Die Ebene" von Susanne Theumer zu Sarah Kirsch, 2020

Sowohl bei der Dichterin als auch bei der Künstlerin sind Pappeln besonders geliebte Gewächse. So wundert es nicht, dass in dem Kirsch-Gedenkblatt mehrere dieser bewegten Bäume aus der Ebene in den leicht mit Wolken versehenen Himmel ragen. Der mit der Theumer befreundete Dichter und Schriftsteller André Schinkel, den wir auch schon in Limlingerode zu Gast hatten, beschreibt diese Baumvorliebe der Künstlerin so: "... Und es sind ja letztlich lebende Pyramiden, diese Pappeln, wie sie dem Wind trotzen und ihre Häupter ins Licht hinstrecken, ein Bild vielleicht dessen, wonach alles strebt, nach dem Ur­sprung, der Herkunft aus den Gestirnen."

Heidelore Kneffel
Autor: red

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