Häusliche Gewalt
Freiheit beginnt wo Angst aufhört
Dienstag, 07. April 2020, 09:01 Uhr
Die Corona-Krise hat für viele Menschen neue Situationen geschaffen, gerade für Familien und Paare, die nun mehr Zeit in begrenzten Raum verbringen müssen. Die Sorge das dass nicht immer gut geht, treibt nicht nur die Behörden um…
Steffi Mayer und Kathrin Meinert sind weiter im Einsatz (Foto: Angelo Glashagel)
Bisher haben sich die Befürchtungen nicht bestätigt, seit Beginn der Corona-Krise habe man keine steigenden Fallzahlen zu verzeichnen berichten sowohl das Nordhäuser Jugendamt wie auch die Polizei. Dennoch hat man Vorbereitungen getroffen, für den Fall der Fälle.
Der Landkreis hat in der vergangenen Woche eine Notinobhutnahme eingerichtet, in der Kinder und Jugendliche unterkommen können, deren Unversehrtheit man in Gefahr sieht. Normalerweise würde man in diesen Fällen, 12 waren es in diesem Jahr bisher, auf die Hilfe der einschlägigen Einrichtungen zurückgreifen, im Schatten von Corona ist das jetzt aber nicht ohne weiteres möglich.
Das sich nicht nur Kindeswohlgefährdung sondern auch Fälle von häuslicher Gewalt in der angespannten Lage häufen, das befürchtet man auch bei der Interventionsstelle der Caritas in Nordhausen. Das ist eine außergewöhnliche Situation die viel Druck erzeugt, da brechen Einkünfte weg, die Sorge um die Zukunft wächst und in manchen Familien wird auch der Ausfall von Kindergarten und Schule für ein erhöhtes Stress- und Konfliktpotential sorgen, so die Einschätzung von Steffi Mayer, die seit 2008 die Interventionsstelle leitet.
Auch hier habe man bisher keine steigenden Fallzahlen registriert, vermutet aber dass sich die Situation, analog zu den Erfahrungen die man in den ersten Wochen nach den Weihnachts- und Neujahrstagen macht, im Nachgang verschärfen könnte. Dem Team ist es deswegen ein Anliegen klarzustellen, das man auch jetzt als Ansprechpartner zur Verfügung steht. Das Büro ist zwar geschlossen und Hausbesuche verbieten sich im Moment auch, wir sind aber weiter telefonisch erreichbar und in den meisten Fällen können wir auch über diesen Weg Hilfe und Unterstützung anbieten, sagt Mayer.
Insgesamt 241 Fälle hatten sie und ihre Kolleginnen im vergangenen Jahr für die Nordthüringer Landkreise auf dem Schreibtisch, 134 davon aus dem Landkreis Nordhausen. Dabei wird die Interventionsstelle häufig als zweite Instanz nach der Polizei tätig. Die Beamten sind die erste Anlaufstelle für Betroffene, sie de-eskalieren vor Ort, führen getrennte Befragungen durch und greifen im Rahmen des Thüringer Polizeiaufgabengesetzes auch zu Platzverweisen- und sogenannten Wohnungswegweisungen, die für bis zu zehn Tage gelten können. In der übergroßen Mehrzahl sind es Frauen, die durch die Polizei an die Interventionsstelle vermittelt werden, erzählt Mayer. Die Mitarbeiterinnen nehmen dann telefonisch Kontakt auf. Das Betroffene von sich aus auf das Hilfsangebot zurückgreifen, komme aber auch regelmäßig vor.
Wichtig ist, dass den Menschen klar ist das wir keinen Druck aufbauen und durch den Anruf bei uns nicht zwingend eine ganze Maschinerie ins Rollen gebracht wird. Gewalt in Beziehungen entwickelt sich oft über Wochen, Monate, manchmal sogar Jahre. Sich daraus zu lösen ist ein Prozess bei dem die Erkenntnis das es so nicht weitergehen kann, nur ein erster Schritt ist. Wir können dabei helfen, diese Schritte zu planen und zu gehen, Wissen an die Hand geben und Handlungsoptionen aufzeigen, aber das Tempo und die Richtung geben die Frauen selber vor. Wir können eine Schulter sein, auf die man sich stützen kann, die Entscheidung über das, was als nächstes geschieht, soll in der Selbstbestimmung des Einzelnen liegen.
Wie diese Wege aussehen können ist so unterschiedlich wie die Menschen und ihre Beziehungen. Im Ernstfall kann das die vorübergehende Flucht sein. In Nordhausen steht dafür eine Frauenwohnung zur Verfügung. Aber es gebe auch andere, direkte Maßnahmen, die erst einmal ein Stück mehr Sicherheit vermitteln können und Wissen, das helfen kann, erklärt die Sozialpädagogin. Habe ich eine Tasche mit dem nötigsten griffbereit, wenn die Situation erneut eskalieren sollte? Wie und wo kann ich die eigenen vier Wände am schnellsten verlassen? Welche rechtlichen Schritte sind denkbar? Welche Schutzmöglichkeiten bietet das Gewaltschutzgesetz? Wie beantrage ich ein Kontakt- und Näherungsverbot oder die Überlassung der gemeinsam genutzten Wohnung? Wo finde ich weitere Hilfe? Diese und andere Fragen beantwortet man in der Interventionsstelle und vermittelt weiter. Die eigene Flucht zu planen, das klingt erst einmal sehr drastisch. Im Einzelfall sind solche Überlegungen vielleicht notwendig und hilfreich, aber das ist nicht die Regel. Hinter jedem Anruf, den wir erhalten steht eine andere Geschichte und für jeden Fall kann es andere Lösungswege geben. Die wichtigste Frage ist dabei immer, was die Betroffenen tun wollen und was sie tun können, sagt Mayer, manche lösen sich früher aus ihren Beziehungen als andere, einige Stimmen hat man auch nach langer Zeit wieder am Apparat und manchen gelingt es die Situation gemeinsam in den Griff zu bekommen.
Die Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt Nordthüringen ist telefonisch unter 3631 4671-55,-57 oder per E-Mail an ist-ndh@caritas-bistum-erfurt.de zu erreichen.
Autor: red
Steffi Mayer und Kathrin Meinert sind weiter im Einsatz (Foto: Angelo Glashagel)
Bisher haben sich die Befürchtungen nicht bestätigt, seit Beginn der Corona-Krise habe man keine steigenden Fallzahlen zu verzeichnen berichten sowohl das Nordhäuser Jugendamt wie auch die Polizei. Dennoch hat man Vorbereitungen getroffen, für den Fall der Fälle.
Der Landkreis hat in der vergangenen Woche eine Notinobhutnahme eingerichtet, in der Kinder und Jugendliche unterkommen können, deren Unversehrtheit man in Gefahr sieht. Normalerweise würde man in diesen Fällen, 12 waren es in diesem Jahr bisher, auf die Hilfe der einschlägigen Einrichtungen zurückgreifen, im Schatten von Corona ist das jetzt aber nicht ohne weiteres möglich.
Das sich nicht nur Kindeswohlgefährdung sondern auch Fälle von häuslicher Gewalt in der angespannten Lage häufen, das befürchtet man auch bei der Interventionsstelle der Caritas in Nordhausen. Das ist eine außergewöhnliche Situation die viel Druck erzeugt, da brechen Einkünfte weg, die Sorge um die Zukunft wächst und in manchen Familien wird auch der Ausfall von Kindergarten und Schule für ein erhöhtes Stress- und Konfliktpotential sorgen, so die Einschätzung von Steffi Mayer, die seit 2008 die Interventionsstelle leitet.
Auch hier habe man bisher keine steigenden Fallzahlen registriert, vermutet aber dass sich die Situation, analog zu den Erfahrungen die man in den ersten Wochen nach den Weihnachts- und Neujahrstagen macht, im Nachgang verschärfen könnte. Dem Team ist es deswegen ein Anliegen klarzustellen, das man auch jetzt als Ansprechpartner zur Verfügung steht. Das Büro ist zwar geschlossen und Hausbesuche verbieten sich im Moment auch, wir sind aber weiter telefonisch erreichbar und in den meisten Fällen können wir auch über diesen Weg Hilfe und Unterstützung anbieten, sagt Mayer.
Insgesamt 241 Fälle hatten sie und ihre Kolleginnen im vergangenen Jahr für die Nordthüringer Landkreise auf dem Schreibtisch, 134 davon aus dem Landkreis Nordhausen. Dabei wird die Interventionsstelle häufig als zweite Instanz nach der Polizei tätig. Die Beamten sind die erste Anlaufstelle für Betroffene, sie de-eskalieren vor Ort, führen getrennte Befragungen durch und greifen im Rahmen des Thüringer Polizeiaufgabengesetzes auch zu Platzverweisen- und sogenannten Wohnungswegweisungen, die für bis zu zehn Tage gelten können. In der übergroßen Mehrzahl sind es Frauen, die durch die Polizei an die Interventionsstelle vermittelt werden, erzählt Mayer. Die Mitarbeiterinnen nehmen dann telefonisch Kontakt auf. Das Betroffene von sich aus auf das Hilfsangebot zurückgreifen, komme aber auch regelmäßig vor.
Wichtig ist, dass den Menschen klar ist das wir keinen Druck aufbauen und durch den Anruf bei uns nicht zwingend eine ganze Maschinerie ins Rollen gebracht wird. Gewalt in Beziehungen entwickelt sich oft über Wochen, Monate, manchmal sogar Jahre. Sich daraus zu lösen ist ein Prozess bei dem die Erkenntnis das es so nicht weitergehen kann, nur ein erster Schritt ist. Wir können dabei helfen, diese Schritte zu planen und zu gehen, Wissen an die Hand geben und Handlungsoptionen aufzeigen, aber das Tempo und die Richtung geben die Frauen selber vor. Wir können eine Schulter sein, auf die man sich stützen kann, die Entscheidung über das, was als nächstes geschieht, soll in der Selbstbestimmung des Einzelnen liegen.
Wie diese Wege aussehen können ist so unterschiedlich wie die Menschen und ihre Beziehungen. Im Ernstfall kann das die vorübergehende Flucht sein. In Nordhausen steht dafür eine Frauenwohnung zur Verfügung. Aber es gebe auch andere, direkte Maßnahmen, die erst einmal ein Stück mehr Sicherheit vermitteln können und Wissen, das helfen kann, erklärt die Sozialpädagogin. Habe ich eine Tasche mit dem nötigsten griffbereit, wenn die Situation erneut eskalieren sollte? Wie und wo kann ich die eigenen vier Wände am schnellsten verlassen? Welche rechtlichen Schritte sind denkbar? Welche Schutzmöglichkeiten bietet das Gewaltschutzgesetz? Wie beantrage ich ein Kontakt- und Näherungsverbot oder die Überlassung der gemeinsam genutzten Wohnung? Wo finde ich weitere Hilfe? Diese und andere Fragen beantwortet man in der Interventionsstelle und vermittelt weiter. Die eigene Flucht zu planen, das klingt erst einmal sehr drastisch. Im Einzelfall sind solche Überlegungen vielleicht notwendig und hilfreich, aber das ist nicht die Regel. Hinter jedem Anruf, den wir erhalten steht eine andere Geschichte und für jeden Fall kann es andere Lösungswege geben. Die wichtigste Frage ist dabei immer, was die Betroffenen tun wollen und was sie tun können, sagt Mayer, manche lösen sich früher aus ihren Beziehungen als andere, einige Stimmen hat man auch nach langer Zeit wieder am Apparat und manchen gelingt es die Situation gemeinsam in den Griff zu bekommen.
Die Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt Nordthüringen ist telefonisch unter 3631 4671-55,-57 oder per E-Mail an ist-ndh@caritas-bistum-erfurt.de zu erreichen.
