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Bahn will Strecken in Nordthüringen stillgelegen - Verbandsrat meldet sich zu Wort

Dienstag, 17. Oktober 2000, 09:29 Uhr
Nordhausen (nnz). Vor einigen Tagen ist im Nordhäuser Landratsamt der Zweckverband Nahverkehr Nordthüringen ins Leben gerufen worden (nnz berichtete). Andreas Wieninger, einer der gewählten Verbandsräte, macht in einem Schreiben an alle Landkreisverwaltungen in Nordthüringen auf bedrohliche Entwicklungen seitens der Deutschen Bahn AG aufmerksam. nnz veröffentlicht die Stellungnahme von Andreas Wieninger:

In der zurückliegenden Zeit ist immer wieder von neuen Strategien und Konzepten im Bereich des Personenfernverkehrs und Personennahverkehrs im Unternehmen Deutsche Bahn AG die Rede. Diese werden nicht ohne Auswirkungen auch auf den erst vor wenigen Tagen gegründeten Zweckverband Nahverkehr Nordthüringen (NVN) bleiben. Daher möchte ich aus meiner Sicht den derzeitigen Erkenntnisstand und die möglichen Folgen erläutern.
Im Herbst des Jahres 1999 habe ich mit der Reise & Touristik- AG der Deutsche Bahn AG, diese ist für den Personenfernverkehr zuständig, Kontakt aufgenommen mit dem Ziel der Prüfung einer Wiederaufnahme des Inter Regio Verkehres über die Kursbuchstrecke 590/600 Halle- Kassel Wilhelmshöhe, welcher erst vor wenigen Jahren eingestellt wurde.
Die anfänglichen Reaktionen waren zu dieser Zeit durchaus als positiv zu bewerten. Mit der zwischenzeitlich eingetretenen Zusammenführung der Leitungsebenen der Sparten Fernverkehr und Nahverkehr zum Unternehmensbereich Personenverkehr ist eine völlig veränderte Unternehmensstrategie eingeführt worden. Diese will man im Bereich Fernverkehr mit dem Konzept Marktorientiertes Reiseangebot MORA und im Nahverkehr mit der sogenannten Mittelstandsoffensive umsetzen. MORA sieht bis zum Jahre 2004 die völlige Einstellung des Inter Regio Angebots vor. Begründet wird dies mit der angeblichen Unrentabilität dieses Produktes.Welche verkehrspolitischen Folgen bei Umsetzung dieses Konzeptes zu erwarten sind, zeigt allein die Tatsache, daß es dann keine Fernreiseangebote gibt, die ohne Zuschlag zu dem normalen Fahrpreis genutzt werden können und somit weiterhin die Menschen geradezu zur Benutzung des privaten PKW drängen.
Eine Kompensierung soll über ein erweitertes Nahverkehrsangebot erreicht werden, so die Vorstellungen der Bahn. Dazu muss bemerkt werden, das auf Grund der gesetzlichen Vorgaben die Erlöse im Bereich des Fernverkehrs eigenwirtschaftlich, also ausschließlich über Fahrkartenverkauf erreicht werden müssen. Die Erlöse des Nahverkehrs hingegen resultieren aus dem Bestellerentgelt (in Thüringen das Land) und dem Fahrkartenverkauf. Nun finden Gespräche mit den Bundesländern statt, um diese zu bewegen, mehr Nahverkehrsleistungen, in diesem Fall bei der Regio AG zu bestellen.
Dies darf aus meiner Sicht nur dann geschehen, wenn die Bundesmittel an die Bundesländer für den Nahverkehr aufgestockt werden. Geschieht dies nicht und bestellen die Bundesländer trotzdem diese Leistungen, so ist auf Grund des Mangels an Finanzmitteln für den Nahverkehr in der Folge mit der Abbestellung von Nahverkehrsleistungen in den Regionen zu rechnen. Dies könnte nach den bisherigen Erkenntnissen im Bereich des NVN die Kursbuchstrecken 598 Bleicherode/Ost-Großbodungen und 585 Sondershausen-Bretleben betreffen. Weiterhin kann es zu verminderten Angeboten, gerade in nach Meinung der Bahn unrentablen Zeiten, also in den späten Vormittags- wie auch späten Abendstunden auf allen weiteren Strecken kommen.
Die Kursbuchstrecke 599 Leinefelde-Teistungen ist nach bisherigen Informationen durch das Land Thüringen zum 01.06.2001 abbestellt. Die DB Regio verhandelt derzeitig über ein Vorziehen dieses Termins auf Monat November diesen Jahres.
Dies kann, wie ich meine, nicht in unserem Sinne als Verantwortliche für den NVN wie auch nicht im Sinne der Bürgerinnen und Bürger sein. Somit würde die vom Bahnvorstand für den Nahverkehr angekündigte Mittelstandsoffensive, bei der die Einbeziehung und Kooperation mit anderen Teilhabern in den Regionen für mehr Eigeninitiative und ausrichtung auf die wünsche der Kommunen, für mehr Service und Sicherheit sorgen sollte, zur Makulatur verkommen.
Weiterhin strebt die DB Regio Thüringen an, cirka 50 Prozent ihrer gesamten in Thüringen zu erbringenden Nahverkehrsleistungen in Zukunft ohne Zugbegleiter zu fahren. Rechnet man die jetzt schon so erbrachten Leistungen der Erfurter Industrie Bahn EIB sowie die Leistungen der ab Frühjahr 2001 in Südthüringen fahrenden Bahn STB hinzu, so ergeben sich etwa 70 bis 75 Prozent aller Nahverkehersleistungen in Thüringen ohne Zubegleiter. Eine Betreuung der Reisenden in den Zügen, Erteilen von Auskünften, Vormelden von Anschlußreisenden bei Verspätungen ist dann nicht mehr möglich.
Von präventiven Maßnahmen und steigern der Sicherheitsbedürfnisse der Reisenden geradezu in einer Zeit von gewalttätigen Übergriffen (auch vor rechtsradikalen Hintergründen) auch in Züge kann dann keine Rede mehr sein. Zur Zeit beziffert die Deutsche Bahn AG die Zahl der durchschnittlich rechtsradikalen Vorfälle auf 90 pro Woche.
Autor: nnz

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