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Unmoral

Dienstag, 24. Mai 2005, 07:53 Uhr
Nordhausen (nnz). In den vergangenen Jahren haben gleich mehrere Entwicklungen zur Verschlechterung der Finanzierungssituation der Handwerksbetriebe geführt: Die rückläufige Nachfrage hat den Wettbewerb und... Das erfahren Sie mit dem entsprechenden Klick.


Entsprechend hat sich die Ertragssituation in den Handwerksbetrieben verschlechtert. Viele Betriebe sind inzwischen finanziell angeschlagen. Knapp 50 % der Handwerksbetriebe in Ostdeutschland verfügt laut einer Erhebung der Vereine Creditreform über eine Eigenkapitalausstattung von unter 10 Prozent der Bilanzsumme. Als „solide“ wird ein Eigenkapitalanteil von mehr als 30 Prozent angesehen. Neben den gesunkenen Möglichkeiten zur Eigenfinanzierung ist in der Vergangenheit aber auch die Kreditfinanzierung über die Banken zunehmend schwieriger geworden, wie die im Herbst 2004 durchgeführte Kammer-Umfrage zur „Praxis der Kreditvergabe“ deutlich gemacht hat.

Darüber hinaus verschlechtert die schlechte Zahlungsmoral vieler Handwerkskunden die Finanzsituation der Handwerksbetriebe. Eine bundesweite Sonderumfrage zum Zahlungsverhalten der Handwerkskunden führte die Handwerkskammer Erfurt im Rahmen ihrer jüngsten Konjunkturumfrage durch. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks hat die gesamten Ergebnisse zusammengetragen und kam zu ähnlichen Ergebnissen wie die Kammer.

Die Unterschiede erläutert Dr. Dieter Artymiak, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Erfurt: „Unsere Betriebe sind aufgrund ihrer chronischen Eigenkapitalschwäche wesentlich anfälliger gegenüber der schlechten Zahlungsmoral. Verzögerte und ausbleibende Zahlungen wirken sich daher deutlicher aus als in vielen Betrieben in den alten Ländern. Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse muss das bereits im Jahr 2000 in Kraft getretene „Gesetz zur Beschleunigung fälliger Zahlungen“ als Papiertiger tituliert werden. Und dass bis heute der Entwurf eines Forderungssicherungsgesetzes als wichtiges Instrument zur Verbesserung der Zahlungsmoral im Bundestag blockiert wird, ist ein Skandal. Anfang Juni kommen wir Thüringer Handwerkskammern in Berlin mit den Thüringer Bundestagsabgeordneten zusammen. Dort werden wir dieses für alle ehrlichen Betriebe existenzsichernde Gesetz erneut einfordern. Mit den jetzt vorliegenden Umfrageergebnissen müssen sich die Blockierer dann auseinandersetzen. Unsere Handwerksbetriebe liefern schließlich nachweislich gute Leistung ab. Dafür sollen sie den verdienten Lohn bekommen.“

Die Handwerkskammer Erfurt ist davon überzeugt, dass die Leistungsfähigkeit der Handwerksbetriebe bei entsprechenden Rahmenbedingungen deutlich gesteigert werden kann. Eine bessere Zahlungsmoral führt beispielsweise zu mehr Investitionen. Schließlich mussten 28 % der von Zahlungsverzug oder –ausfall betroffenen Unternehmen geplante Investitionen verschieben.

Die Umfrage im Detail:
Die Handwerksbetriebe konstatieren seit langem eine zunehmend schlechtere Zahlungsmoral und zudem einen steigenden Anteil von totalen Forderungsausfällen ihrer Kunden. Vor allem bei gewerblichen Kunden und öffentlichen Auftraggebern hat sich das Zahlungsverhalten in den letzten fünf Jahren verschlechtert. 43 % der gewerblichen Kunden zahlen schlechter als noch vor ein paar Jahren. Ein schlechteres Zahlungsverhalten wird bei 35,9 % der öffentlicher Kunden festgestellt. Wenn offene Forderungen nicht pünktlich oder überhaupt nicht eingehen, hat das bei der knappen Finanzdecke der meisten Handwerksbetriebe weitreichende Konsequenzen. Bestehende Aufträge können nicht vorfinanziert werden und gehen verloren. Zahlungsverzögerungen und Forderungsausfälle führen zu kurzfristigen Liquiditätsproblemen, die die ohnehin schwache finanzielle Substanz der Betriebe weiter abbauen. Selbst leistungsfähige Betriebe können dadurch in eine existenzgefährdende Liquiditätsfalle geraten. 23,8 % der Betriebe gaben an, dass durch komplett ausgefallene Zahlungen die betriebliche Existenz gefährdet worden sein. Bei Klein- und Kleinstbetrieben bis 4 Beschäftigte lag die Existenzbedrohung sogar noch höher. Bei 23 % der befragten Betriebe musste Personal aufgrund ausgefallener Rechnungen entlassen werden.

58,5 % aller befragten Betriebe gaben an, dass sie im letzten Jahr von Totalausfällen bei ausstehenden Rechnungen betroffen waren. Mehr als die Hälfte der betroffenen Betriebe hat dadurch Umsatzeinbußen zwischen 2 und 5 % und mehr zu beklagen. Doch nicht nur die nicht bezahlten Rechnungen drücken das Handwerk. Auch die Zahlungsverschleppung ist im Handwerk ein Problem. Nur die Hälfte der öffentlichen Auftraggeber bezahlt seine Rechnungen binnen 30 Tagen. 34 % lassen sich bis 60 Tage Zeit. Immerhin 5,2 % zahlen erst nach mehr als 90 Tagen. Ein ähnliches Bild geben die gewerblichen Kunden. Als Gründe für die Zahlungsverzögerung werden in mehr als der Hälfte aller Fälle eigene Liquiditätsprobleme genannt. Lediglich 4 % der Kunden gaben Qualitätsmängel als Grund des Zahlungsverzugs an.

Obwohl ein Anspruch auf Zahlung besteht, haben mehr als die Hälfte der befragten Betriebe keine rechtlichen Schritte bei Zahlungsverzögerung oder –ausfall eingelegt. Die Gründe sollten der Justiz zu denken geben. 36 % erscheint der Rechtsweg zu langwierig. Für 60,6 Prozent sind die Kosten zu hoch. 46,3 % gaben an, dass keine Aussicht auf Zahlungseingang besteht. Und immerhin 24,3 % wollen wichtige Kunden nicht verlieren. Die besten Noten erhielten die privaten Kunden. Diese zahlen nicht nur pünktlicher, sie sind auch deutlich schneller. Fast 80 % der Privatkunden bezahlten binnen 30 Tagen ihre Rechnung. In 8,8 Prozent hat sich das Zahlungsverhalten in den letzten Jahren sogar verbessert. Bei 27,8 % musste jedoch eine Verschlechterung festgestellt werden.
Autor: nnz

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