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Artenschutzeinsätze des BUND

Dankeschönabend fürs Mähen und Harken

Dienstag, 04. Februar 2020, 07:10 Uhr
91 landschaftspfegerische Einsätze absolvierten Mitglieder und Freunde des BUND-Kreisverbandes Nordhausen seit 2010 auf dem Gebiet der Stadt Nordhausen und im sie umgebenden Landkreis. Am vergangenen Freitag ließen die Aktiven das vergangene, arbeitsreiche Jahr im Vereinshaus Thomas Mann noch einmal Revue passieren...


19 mal hatten sie 2019 Freischneider, Harken und Bigbags geschultert, um auf besonders artenreichen Trocken- und Halbtrockenrasen, Felsfluren oder Sumpfwiesen für eine kontinuierliche Entfernung von Biomasse zu sorgen. Denn nur auch heute noch mager erhaltene, einst vom Menschen zum Broterwerb extensiv bewirtschaftete Wiesen und Weiden sind besonders artenreich.

Bodo Schwarzberg schilderte seinen zum Teil langjährigen Mitstreitern in einem mehr als 200 Fotos umfassenden Vortrag inklusive Diagrammen und Verbreitungskarten, die positiven Auswirkungen ihrer unermüdlichen Einsätze: Denn bis zum Jahre 2017, also jenem Jahr vor den beiden Dürrejahren, waren bei vielen bedrohten Pflanzenarten positive Bestandstrends zu verzeichnen, ja, einige Arten wären ohne die ehrenamtliche Pflege heute recht wahrscheinlich im Gebiet verschwunden.

So gab es von der Orchidee Helm-Knabenkraut an einem Wuchsort im Landkreis 2003 nur noch vier blühende Pflanzen. Durch das anfängliche Entfilzen und die spätere Mahd des Wuchsortes konnte eine sukkzessive Zunahme des Bestandes blühender Orchideenexemplare erreicht werden: auf bis über 50 im Jahre 2015. Erst danach wurden trotz artgerechter Pflege tendenziell weniger blühende Pflanzen beobachtet: Die angesichts des Klimawandels zunehmend langen Trockenperioden während der Blütezeit beginnen sich negativ auszuwirken.

Auf mittlerweile fast 40 Flächen im Raum Nordhausen sind die Naturschützer um Bodo Schwarzberg mittlerweile tätig, für wenig Geld oder gar unentgeltlich. „Wir setzen an den wenigen verbliebenen, besonders artenreichen Splitterflächen unserer Naturschutzgebiete die gesetzlichen Vorgaben, die Artenvielfalt zu erhalten, tatsächlich um“, so Schwarzberg, der in dieser Hinsicht die gegenwärtige Politik kritisiert: „Viele stark gefährdete Arten fristen ihr Dasein auf winzigen Reliktflächen.

Sich um diese zu kümmern, oder aber Strukturen zu schaffen, sich dem drohenden Verlust entgegenzustemmen, das hat auch die grüne Umweltministerin Siegesmund nicht wirklich hinbekommen.“ Nach wie vor werde der Erfolg von Landschaftspflege zu sehr nach der bewirtschafteten Flächengröße und Flächenzahl beurteilt, aber nicht oder viel zu wenig hinsichtlich von Bestandstrends bei bedrohten Arten oder hinsichtlich der Art und Weise durchgeführter Pflege. Dabei gibt es z.B. dramatische Unterchiede zwischen der Koppelhaltung von Schafen oder sachgerecht durchgeführter Hütehaltung, wenn man sich deren unterschiedliche Auswirkungen auf seltene Arten ansieht.

„Die Landwirte müssten mehr Geld für nachweislich naturschutzgerechte Bewirtschaftung erhalten, die insbesondere die Ansprüche bedrohter Arten berücksichtigt“, so Schwarzberg. Es würde zu sehr an den Symptomen herumgedoktert, statt die Probleme des Artenrückganges an wichtigen Wurzeln zu packen. Nur die Landwirte könnten neben den Ehrenamtlichen für die notwendige Kontinuität in der naturverträglichen Landschaftspflege über viele Jahre sorgen. Hier müsse in unser aller Interesse angesetzt werden.

Vor jeder landschaftspflegerischen Maßnahme müsse eine Analyse des Arteninventars insbesondere der seltenen Arten vorgeschrieben (bzw. längst bekannte Daten genutzt werden), und dementsprechend müssten auf das jeweilige Inventar zugeschnittene Maßnahmen durchgeführt werden. Ansonsten könnte das viele Geld, dass zum Beispiel in Hotspotprojekte von Landschaftspflegeverbänden auch bei uns in Thüringen fließt, im ungünstigen Fall zu weiteren Verlusten bei seltenen Arten führen und auf diese Weise weniger effektiv werden; - obwohl das auch von der Politik ausgegebene Ziel eigentlich die Förderung der Biodiversität ist.

Unterdessen bemühen sich die Artenschützer um Schwarzberg um die letzten Vorkommen mancher Arten unseres Bundeslandes und weit darüber hinaus, von denen einige fast nur noch im Landkreis Nordhausen vorkommen. In seinem Vortrag machte er dies an einem Beispiel konkret: Die deutschlandweit stark gefährdete Felsen-Schaumkresse (Arabidopsis lyrata ssp. petraea) kommt ostdeutschlandweit nur noch im Landkreis Nordhausen vor, vermutlich nur noch an einem Wuchsort. Schwarzberg erhält Anfragen von Wissenschaftlern aus anderen Ländern, die an diesen Wuchsorten forschen wollen.

Geld ausgeben für die Erhaltung konkreter Arten an ihren Wuchsorten will aber im Freistaat kaum mal jemand bzw. nur im Ausnahmefall. „Angebote oder auf diese Problematik zugeschnittene Programme seitens der politisch Verantwortlichen habe ich seit 2015 nicht mehr erhalten, trotz zahlreicher Informationen zu bedrohten Arten, die dem Ministerium bekannt sind“, so Schwarzberg, und das für Ehrenamtliche geltende so genannte NALAP-Programm zur Flächenpflege sei zumindest finanziell ein sehr schwach bestücktes Programm.

Dabei scheinen sich die Beobachtungen von Wissenschaftlern auch in unserem Landkreis zu bestätigen: die zunehmenden Extremwetterereignisse, wie langanhaltende Dürren, machen zum Beispiel kühle- und feuchteliebenden Pflanzenarten immer mehr Probleme und zwar nicht nur auf vom Menschen abhängigen Wirtschaftsflächen. Das belegte Schwarzberg anhand von Beispielen aus der Region. „Die Zeit rennt uns davon, wenn wir uns nicht mehr um die Arterhaltung kümmern“, meint er.

Aber angesichts der Vortragsveranstaltung galt es auch, nach vorn zu blicken: 2020 wird es wieder zahlreiche landschaftspflegerische Einsätze seitens des BUND-Kreisverbandes geben: Gerade erst wurden zwei weitere Flächen in das Portfolio des BUND-Kreisverbandes aufgenommen. Dann soll aber bald Schluss sein. „Wir wollen uns ja auch nicht übernehmen“, sagt er.

Am vergangenen Freitag galt es vor allem, danke zu sagen: für den ehrenamtlichen Einsatz der insgesamt rund 15 Mitstreiterinnen und Mitstreiter, die an immer mehr Wochenenden zu Mäher, Harke und Säge greifen, um unsere Biodiversität erhalten zu helfen.
Autor: red

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