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„Goldener Misthaufen“ für die Stadt?

Sonntag, 19. Januar 2020, 10:37 Uhr
Wie muss sich ein Oberbürgermeister fühlen, der immer wieder zu hören und zu lesen bekommt, er vergraule unter anderem Investoren. Zum Beispiel solche, die bauen möchten, mit ihren Anfragen und Anliegen bei der Stadtverwaltung aber immer wieder scheitern. Wie mag Kai Buchmann zumute sein, dem seiner Verwaltung ein symbolischer Preis für die schlechteste Verwaltung und dem „Goldenen Misthaufen“ in Aussicht gestellt wird?

Unbestritten: In einer Funktion wie die eines Oberbürgermeisters bleibt Kritik nicht aus. Mitunter harsch und mehr als bekömmlich. Was Kai Buchmann da an Meinungen und Lektüre vor die Nase gesetzt wird, ist der Verdauung kaum dienlich. Wen das nicht juckt und unter die Haut geht, der muss, mit Verlaub, ein Fell wie ein Bär haben oder wie ein Fels in der Brandung stehen.

Kann man der Stadtverwaltung eigentlich vorwerfen, ungenügend Flächen für eine Bebauung ausgewiesen zu haben oder auszuweisen? Fakt ist: Seit 1991 stellte sie über 85 Hektar als Bauland für mehr als 700 Eigenheime zur Verfügung. Entstanden sind Wohngebiete in Nordhausen-Ost (Südseite), am Kirschweg/Gumpetal, Rüdigsdorfer Weg, in Salza, in Richtung Herreden, Am Holungsbügel und das Wohngebiet Sonnenwinkel.

Das Thema Bauland für junge Familien sieht Unternehmer Axel Heck dennoch stiefmütterlich behandelt, und Landrat Mathias Jendricke meint, die Stadt müsse Eigentumsbildung fördern und für attraktive Angebote auch für Besserverdienende sorgen. Professoren der Fachschule, war zu hören, sollen lange nach Häusern und Grundstücken gesucht haben. Oder noch suchen.

Verständlich der Wunsch weiterer Familien nach einem Eigenheim. Zudem ist Nordhausen Hochschulstadt. Und mancher Akademiker wünschte sich ein Häuschen, besser: eine Villa im Grünen. Wenn möglich mit weitläufigem Garten, selbstverständlich mit Pool. Vielleicht haben Oschinski und Tölle diese Klientel im Blick. Sie scheiterten mit ihrer Vision, ein Grundstück beim Hauptfriedhof zu bebauen.

Ein Haus im Grünen, von Bäumen umgeben? Wo sind noch die Flächen zu finden? Jede Stadt steht früher oder später vor der Frage und Entscheidung: bauen wir in die Breite oder in die Höhe. Ein Hochhaus mit mehreren Wohnungen spart Ackerland. Auch die Stadtvillen für gehobene Ansprüche. Acker- und Grünland sind endlich. Da haben Stadtrat, OB und Amtsleiter für Stadtentwicklung und Zukunftsfragen klug zu überlegen, wohin die Reise gehen soll?

Dass nicht jedermann bauen kann, wie er möchte und was ihm so einfällt, wissen schon Kinder. Die letzten grünen Oasen oder gar Streuobstwiesen im Grüngürtel der Stadt zubetonieren? Ergebe das einen Sinn? Stadtentwicklung und Zukunftsfragen sind das Fachgebiet von Amtsleiter Martin Juckeland. Wie wäre es, um sich derartigen Vorwürfen allemal zu entledigen, mit einer Konzeption, die vorsieht, Ackerflächen ab „Schöne Aussicht“ bis Petersdorf als Bauland zu erschließen? Der Ort wäre dann auch optisch in die Stadt integriert. Das ergebe Raum für Wohnungswünsche aller Art. Und vorerst für die Ewigkeit. Der Landrat sollte da, unterstützend, an der Seite der Stadt stehen.

Überhaupt: Wie kann man einer Stadtverwaltung für Auszeichnungen, und seien sie auch nur symbolisch gemeint, als schlechteste Verwaltung oder für den „Goldenen Misthaufen“ vorschlagen, die ein vorläufiges Ende der Haushaltskonsolidierung bewirkte. Als Voraussetzung für Investitionen und eine zügige Umsetzung tragender Projekte? Das wollte erst mal geschafft sein. Außerdem: Welche Stadt mit vergleichbarer Größe hat eine so belebte Innenstadt wie wir?

Die Marktpassage hat der Südharzgalerie den Rang abgelaufen. In Letztere wieder Schwung, Ordnung und Zuversicht zu bringen, sollte mit eine vordringliche Aufgabe der Stadt sein. Wohnbereiche erfahren eine Auffrischung, Sanierung und Umgestaltung. Beispiel: Projekt Ossietzky-Hof. Mit der SWG (nnz berichtete) wird das möglich. Nach Jahren im Tiefschlaf nun der Lichtblick Gehegetreppe.

Den gibt es – leider – noch nicht in der Causa Lindenhof. Und das „Schäbige Ungeheuer“ beim Hauptbahnhof? Die Reichsbahn hat es verkauft. Vielleicht gelingt es der Stadt, zu erfragen, wer es besitzt und wie lange die Schande noch anhalten soll. Und dass die Unkrautflächen auf dem Gelände der ehemaligen Harzer Stielwerke und beim Rolandhaus nicht erfreuen, ist auch kein Geheimnis. Das alles der Stadtverwaltung in die Schuhe zu schieben, wäre jedoch nicht fair.

Wie Kai Buchmann den Dialog mit den Bürgern, einst ein Wahlversprechen, pflegt, kann ich nicht beurteilen. Wer ihm aber vorwirft, sich bei gegebenen Anlässen allzu oft dünne zu machen, sollte bedenken, dass auch ein Oberbürgermeister Anspruch auf ein Familienleben und nicht auf allen Hochzeiten zu tanzen hat. Selbstdarstellung scheint nicht sein Ding zu sein.

Eines noch: Wer, um es simpel zu vereinfachen, seinen Bungalow im Garten erweitern, eine Garage oder was anderes bauen oder einen Baum vor dem Haus fällen möchte, sollte sich nicht gleich den OB bemühen. Es gibt zuständige Fachbereiche.
Kurt Frank
Autor: red

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