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Ehrenamtliche im Theater gewürdigt

Mittwoch, 03. Oktober 2001, 17:40 Uhr
Nordhausen (nnz). Das Jahr 2001 ist das Jahr des Ehrenamtes. Im vergangenen Monat ehrte die Gemeinde Sollstedt die ehrenamtlich tätigen Bürger. Heute wird solch eine Ehrung in Nordhausen vollzogen. Oberbürgermeisterin Barbara Rinke (SPD) hat dazu viele Nordhäuser ins Theater zu einer Festveranstaltung eingeladen. nnz veröffentlicht exklusiv die Rede der Oberbürgermeisterin.


Meine sehr geehrten Damen und Herren,

dieser 3. Oktober 2001 ist anders, weil unsere Welt seit dem 11. September auch eine andere geworden ist. Wir werden nach den Bildern von Terror und Wahnsinn, von Trauer und Angst nicht wieder zur gewohnten Tagesordnung übergehen. Noch immer kennen wir nicht wirklich alle Täter und suchen auch noch immer nach Erklärungen und Motiven. Mit einem Schlag ist die tägliche Verwundbarkeit unserer hochtechnisierten globalen Welt deutlich geworden. Diese Entdeckung wird das Zusammenleben der Menschen nachhaltig verändern. Unsere Sicherheit wird einen neuen Preis verlangen und wir müssen schmerzlich begreifen, dass Krieg und Armut überall auf der Welt auch in direktem Bezug zu unserer Lebenswirklichkeit vor Ort stehen. Wir können hier nicht in Frieden leben, wenn die Menschen nicht überall auf der Welt eine Chance haben, in Frieden zu leben. Deshalb kann die Antwort auf den Terror weder Hass noch Vergeltung heißen. Gerade wir hier in Nordhausen wissen, was Vergeltung bedeutet. Bevor unsere Heimatstadt am 3. und 4. April 1945 in Schutt und Asche versank, zerstörten deutsche Flugzeuge englische Städte.

Coventry ­ Dresden ­ Magdeburg ­ Halberstadt ­Nordhausen hieß damals die Spur der Vergeltung. Heute ist daraus eine Brücke des Friedens geworden. Aber dazu haben wir über 40 Jahre gebraucht. Wenn wir aus der Geschichte gelernt haben, kann es nur eine Antwort geben: Konsequente Verfolgung und Bestrafung der Täter und weltweite friedenspolitische Anstrengungen verbunden mit dem Kampf gegen Armut und Analphabetentum. Wir müssen solche Brücken des Friedens bauen und unterstützen, sonst kann kein neues Leben gedeihen. Seit über 50 Jahren wird in unserer Stadt daran gearbeitet, die Wunden der Zerstörung zu heilen. Doch noch immer werden wir wieder an den Krieg erinnert. So wurde vor kurzem die 263. Bombe entschärft hier auf dem Theatervorplatz. Da sind wir 50 Jahre darüber spaziert, ohne zu ahnen, in welcher Gefahren wir uns befanden.

Viele von uns erwarten mit Sorgen die allabendlichen Nachrichten und hoffen, dass sich die Spirale von Gewalt und Gegengewalt nicht weiterdreht. Wir sind ziemlich ratlos und ahnen, dass es keine schnellen Lösungen geben wird. Können wir vor Ort in unserer Stadt etwas tun, damit Terror und Gewalt, Entsolidarisierung und Gleichgültigkeit nicht weiter um sich greifen? Natürlich ist es ein gewagter Bogen zwischen dem völlig neuen Maß an Gewalt, das gleich zu Beginn das 21. Jahrhundert erschüttert hat und der scheinbaren Alltagsgewalt, die wir hier erleben. Aber gerade darin liegt die Notwendigkeit, das jede und jeder an dem Ort, wo sie oder er lebt, das Nötige oder Notwendige tut. Spätestens seit dem 11. September wissen wir, dass nicht nur die Wirtschaft und die Banken, die Globalplayer sind, sondern dass auch Terrorbanden längst global agieren, sich die modernen Medien zu Nutze machen und ihre Gelder auf den gleichen Banken deponieren wie wir. Deshalb gilt heute aktuell wie nie zuvor „global denken ­ lokal handeln“. Und das bezieht sich jetzt besonders auf den Friedensprozess.

Was können wir tun in unserer Stadt?

Wir müssen Position beziehen gegen jegliche Art von Gewalt, von Extremismus, von Fundamentalismus und Fremdenfeindlichkeit. Dass dies keine bloße Formel bleibt, können wir am 8. Dezember unter Beweis stellen, wenn die NPD in Nordhausen wieder zu einer Demonstration aufruft. Vielleicht gelingt es uns wieder, wie im letzten Jahr, gemeinsam mit so vielen Menschen ein Zeichen zu setzen. Wir müssen mehr tun für das Zusammenleben mit Aussiedlern und Ausländern. Beispielgebend dafür ist seit 12 Jahren die Arbeit des Vereins „Schrankenlos“, der mit vielfältigen Aktivitäten die Eingliederung unterstützt. Hier sind vor allen Dingen persönliche Kontakte gefragt.

Wir müssen die Gemeinschaft weiter stärken. Es ist nicht zu leugnen, dass Ellenbogenanhänger in unserer Gesellschaft ausgezeichnete Karten haben. Ihr Egoismus macht sie stark und anscheinend erfolgreich. Die Werbung bedient sich dieses Typs und formt die Idealfigur des durchsetzungsfähigen und selbstbezogenen Individualisten. Er oder ist sind cool und unabhängig. Diese neuen Leitbilder stehen den eigentlichen Wünschen und Sehnsüchten der meisten Menschen entgegen. Nach wie vor ist das Bedürfnis nach Gemeinschaft in unserer Gesellschaft vorhanden. Die vielfältigen Möglichkeiten, diese Gemeinschaft zu pflegen, gibt es besonders in einer Stadt. Sie ist ja selbst eine Gemeinschaftsleistung, an der alle in ihr Lebenden auf die eine oder andere Weise beteiligt sind. Die Chancen umfassen eine große Bandbreite vom Schutz vor äußeren Gefahren über die materielle und soziale Existenzsicherung bis hin zur Lust auf Gemeinschaft als Grundlage von Kultur, Geist, Wissenschaft und persönlichem Glück.

Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren, haben in den letzten Jahren durch ihr ehrenamtliches Engagement gezeigt, dass es sich lohnt unser Gemeinwesen mitzugestalten. Sie haben Ihr Wissen, Ihre Kraft, Ihre Zeit und manchmal auch ein Stück Herzblut eingebracht, damit das Leben in Nordhausen schöner, reicher und bunter wird. In über 100 Vereinen und Initiativen arbeiten Menschen ehrenamtlich zusammen. Das ist ein großer Reichtum, der durch nichts zu ersetzen ist. Vielmehr verstehen wir uns als Stadtverwaltung zunehmend als Moderatorin unterschiedlicher Interessen und Engagements. Wir haben in den letzten Jahren vieles gemeinsam geschaffen, das ich hier im einzelnen nicht aufzählen will, weil Sie viel tiefer in ihrer eigenen Arbeit drinstehen. Das, was in den letzten Jahren gelungen ist, soll uns Ansporn sein, mit Tatkraft und Freude neue Ziele anzugehen. Dazu möchte ich Sie heute ausdrücklich ermuntern und ermutigen.

Wir haben noch reichlich zwei Jahre Zeit, bis wir in unserer Stadt viele hunderttausend Gäste erwarten können. Natürlich wissen Sie längst, dass ich mich auf das Ereignis der Landesgartenschau 2004 beziehe. Noch bestimmen die Bauleute und die Bagger das Geschehen, noch wird mehr gerodet als neu angepflanzt, noch ist vieles erst auf dem Papier zu sehen und noch keine Realität. Aber die zwei Jahre sind schnell um und bis dahin soll unsere Stadt schöner und lebenswerten erblühen. Das kann nicht nur die Leistung von StadtplanerInnen, Denkmalpfleger, Bauleuten und Gärtnern sein, sondern, meine sehr geehrten Damen und Herren, hier kommt es auf unser aller Engagement an. Alle Vereine und Initiativen sind mit ihren Ideen gefragt. Vielleicht kann daraus ein Projekt der Landesgartenschau werden. Neben den gestalterischen Projekten wird es eine große Vielzahl an Kultur-, Freizeit- und Touristikprojekten, AGENDA 21-Projekten, Schulprojekten, Geschichtsprojekten und viele mehr geben. Insgesamt werden wir an rund 160 Tagen über 1000 einzelne Veranstaltungen und Initiativen anbieten. Ich möchte Ihnen heute Lust machen, sich daran zu beteiligen. Das Spektrum umfasst Auftritte von Chören, Bands, Tanz- und Musiziergruppen, Sportveranstaltungen, Kinderprogramme, Kunstpräsentationen, Gottesdienste auf der Landesgartenschau und vieles andere mehr. Natürlich wird es Highlight geben, die wir selbst als Stadt organisieren. Noch ist genug Zeit, vielleicht den Winter über, sich Gedanken zu machen. Denn die Landesgartenschau ist auch eine Bühne dafür, dass wir uns als Stadt den Besuchern präsentieren und da gehören selbstverständlich die vielfältigsten Aktivitäten dazu, die Sie durch Ihre ehrenamtliche Tätigkeit unterstützen.

Ich freue mich auf die große Chance, in den nächsten 2 Jahren mit Ihnen gemeinsam unsere Landesgartenschau vorzubereiten und zu eröffnen. Ich bin überzeugt davon, dass unser Stadtzentrum davon nachhaltig profitiert und kein Fremder, der nach Nordhausen kommt, fragen muss: Wo ist denn hier eigentlich das Stadtzentrum? Nach meinem Aufruf zum Mitgestalten der Landesgartenschau an Sie alle möchte ich zum Schluss meinen herzlichen Dank aussprechen für Ihre ehrenamtliche Tätigkeit, die Sie geleistet haben. Wie auch im vorigen Jahr sollen wieder einige stellvertretend für alle ausgezeichnet werden.

Lassen Sie mich schließen mit einem kleinen Ausblick in die Zukunft und dabei auf den bekannten Soziologen Ullrich Beck zurückgreifen. „Das Zeitalter der Ichlinge wird einem Höhepunkt zustreben. Die Lust auf Selbstverwirklichung als oberste Ziellinie im täglichen Marathon wird der Lust auf Gemeinschaft weichen.“ Vielleicht wünschen wir uns die Erlösung von den vielen Informationen, die eine Viertelstunde später schon überholt sind und die Hinwendung zu einem konstruktiven Wirkungszusammenhang, der uns in die Erfahrungen längerfristig bleibender Spuren hineinzieht. Dies sehe ich zustande kommen im positiven Verhältnis von Individuum, Gemeinschaften und urbaner Gesellschaft. Werden Sie nicht müde, meine Damen und Herren, der Widerspruch zwischen Wollen und Vollbringen, zwischen hohem Anspruch und ausbleibender Einlösung darf uns nicht lähmen.
Autor: nnz

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