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Reisebericht im Weltladen

Im Boot sind sie alle gleich

Mittwoch, 04. Dezember 2019, 08:56 Uhr
Das Nordhäuser WeltladenCafé lädt am nächsten Samstag zu einem Reisebericht von den Hotspots der Migration in Griechenland ein. Sehr ausführlich und sehr nachdenklich wird der Abend werden...

"Vier Tage gehen zu Ende, vier Tage voller Eindrücke, Emotionen, Gedanken und Gesprächen. „Wir sind müde! Die Bevölkerung ist müde!“ so die Worte einer Frau mit Absatzschuhen, weißer Bluse, blond gefärbten Haaren, roten Lippenstiftlippen, blauem Hosenanzug, glitzernden Ringen und goldener Kette. Es ist so verwirrend. Das Hotel in dem wir untergebracht sind ist genau neben der Küstenwache. Im Hafen liegen Schiffe von Frontex, der Küstenwache und daneben ein Schlauchboot!

Wir sind in Lesvos, wie die Griechen ihre Insel nennen – Lesbos sagen wir in Deutschland. Eine idyllische Insel, umgeben vom Meer, mitten in der Ägäis. Olivenbäume soweit das Auge reicht. Sonne am Himmel, 20 Grad im Oktober. Ein wunderbarer Ort, aber leider nicht für alle auf der Insel! Ich bin im Rahmen eines von der EU geförderten Projektes als Teil einer deutschen Delegation eingeladen worden, vier Tage in Lesvos zu sein. „Snapshots from the borders“, so lautet das Projekt. Diese „snapshots“ haben wir erhalten.

Wir sind im Camp von Kape Tepe. Ein Dorf aus zahlreichen Containern. Ein blauer Zaun zieht sich durch das Lager, am Eingang steht eine Frau in Militärkleidung und Pilotensonnenbrille. An einigen Containern sind Malereien zu sehen. Das Lager ist geteilt, es gibt einen Wohnbereich und einen sozialen Bereich. Es gibt einen Garten, einen Barbier, zahlreiche NGOs die ihre Angebote unterbreiten; einen Kindergarten und einen Container für Angebote nur für Frauen und Männer. Im Krankenbereich stehen viele Frauen und Kinder und warten. In diesem Lager dürfen Familien und Alleinerziehende wohnen. Sie haben „Glück“. Andere müssen in Moria leben. Dort sieht alles anders aus. Dort dürfen wir nicht rein. Über das Camp hören wir viel. Wir fahren mit dem Bus daran vorbei. Wir sehen Igluzelte, Zelte vom UNHCR, Container, Stacheldraht und Menschen, unendlich viele Menschen! Sie schauen mit traurigen Augen, tragen schmutzige Kleider, traditionelle Gewänder, Kopftücher.

Es sind Menschen mit Wunden: äußeren und inneren. Sie leben in Zelten, in Containern und auch in Pappkartons. Sie bekommen Essen, Trinken, Kleidung, ein Bett oder eher eine Liege, manche auch nur eine Palette mit einer Matratze.

Wir können die türkische Küste sehen. Es sind nur 15 km übers Meer! Von dort starten täglich Menschen ins Ungewisse. Sie hoffen auf ein besseres Leben. Ihr Altes haben sie hinter sich gelassen. Sie starten mit der Anweisung, auf halber Strecke die Luft aus ihren Schlauchbooten zu lassen. Frauen, Babys, Kleinkinder, Männer, Alte müssen versuchen in griechische Gewässer zu kommen. Sie müssen darauf vertrauen, dass sie gerettet werden oder die Küste erreichen.

„Die EU vergisst uns! Wir sind müde!“ Wer wäre es nicht?!
„Für Touristen und die Bevölkerung ist Lesvos sicher. Kriminalität ist nur in den Lagern!“, so der Polizeisprecher. Es sind tausende, fast 20.000 Menschen zurzeit auf Lesvos. Dazu kommen 80.000 Bewohner*innen, die auf Lesvos leben und arbeiten u.a. etliche Helfer*innen verschiedener Organisationen.

Eine große Herausforderung ist der Müll. Bergeweise Mülltüten werden uns auf Fotos vom Sprecher des Bürgermeisters gezeigt und Küsten, die orange sind von tausenden von Schwimmwesten.
Uns erreichen die Wahlergebnisse in Thüringen. Mit den Bildern aus den Lagern im Kopf, verstehe ich die Welt nicht mehr. Ich mache mir Sorgen über die Zukunft meiner Kinder und über meine eigene. Was wird wohl über unsere Zeit in den Geschichtsbüchern stehen!

Dann sind wir auf dem Rückflug, unter uns Wolken und keiner weiß, wo wir sind, außer den Piloten. Sie haben die vollkommene Kontrolle und die Macht über uns. Wie muss es sich wohl anfühlen, in der Nacht auf dem Meer nur mit einer Schwimmweste oder einem Autoreifen um den Bauch auf einem Schlauchboot zu sitzen? Was mögen das für Gefühle sein, so völlig ausgeliefert zu sein? Was ist meine/unsere Aufgabe meinen Brüdern und Schwestern gegenüber? Ich halte diese Gleichgültigkeit nicht aus! Wie lange wird es noch so weitergehen?

Zurück auf deutschem Boden erfahre ich, dass in den Tagen und Nächten unseres Aufenthaltes 700 Menschen ankamen. Ich bin dankbar, dass die evangelische Kirche, sich für die Seenotrettung einsetzt und mit den Kollekten der Abschlussgottesdienste des evangelischen Kirchentages in Dortmund ganz konkret den Verein Sea-Watch unterstützt hat."

Lesvos – Ein Reisebericht ausführlich und nachdenklich am 14. Dezember 2019, 17 Uhr im WeltladenCafé, Barfüßerstraße 32.
Autor: red

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