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nnz-Betrachtung: Die reale Welt

Donnerstag, 05. Mai 2005, 09:48 Uhr
Nordhausen (nnz). Die reale Welt ist oft schmerzhafter als die der Wünsche. Das ist nicht nur in der Politik, sondern auch im Sport so. Dazu einige Anmerkungen.


Nun endlich wird auch die Welt des bezahlten Spitzenfußballs dort sein, wo sie in Deutschland hingehört – in die alten Bundesländer. Man konnte es in den zurückliegenden Jahren ja kaum fassen, dass sich mit Hansa Rostock und Energie Cottbus gleich zwei Ost-Klubs in der Bundesliga tummeln durften. Aber nun wird das mit Ende der Saison wohl endlich auch der Vergangenheit angehören. Da gibt es zwar noch diverse Vereine in der zweiten Liga, doch wer – außer dem DSF widmet sich dieser Liga?

Dort spielte in dieser Saison auch der FC Rot Weiß Erfurt mit. Glücklich aufgestiegen, wird man nun unglücklich absteigen. Dank einer Gerichtsentscheidung, die in dieser Härte ihresgleichen sucht. Man kann mir zwar so ziemlich alles nachsagen, aber ein Fan des Landeshauptstadtklubs war ich nie. Im Gegenteil. Noch zu tief sitzt der Ärger über die Ungleichbehandlung der Rotweißen gegenüber Wacker Nordhausen seitens des Thüringer Fußballverbandes und auch seitens der Landespolitik. Erinnert sei nur an das 500.000 DM-Geschenk während der Insolvenz der Erfurter.

Aber: Einen Klub derart zu bestrafen, nur weil ein einziger Spieler eine Verfehlung beging, das kann wohl nur einem Verein in den neuen Bundesländern widerfahren. Sicher, die Ausrede des Erfurter Spielers mit dem Spray und seinem Sohn, die glauben nicht mal die eingefleischten Fans von RWE, doch was in Frankfurt gestern zelebriert worden war, ist an Arroganz nicht mehr zu überbieten.

Wie hätte das Gericht entschieden, wenn es um Bayern München, Borussia Dortmund, Wacker Burghausen oder Werder Bremen gegangen wäre? Welcher Aufschrei wäre durch die gesamtdeutschen Medien gegangen? Wo bleiben Reaktionen aus den Klub der ersten Liga? Als noch die Dortmunder am finanziellen Abgrund standen, da sprach sich sogar ein Uli Hoeneß für eine Welle der Solidarität mit den Borussen aus. Wo blieb die Welle der Solidarität, als Leipzig oder Dresden vor Jahren den Bach runter gingen.

In den Chefetagen der Liga und des DFB scheint es fußballerische Tradition nur westlich der Elbe zu geben, östlich davon hören sie auf, dort beginnt vermutlich das Niemandsland. Und jeder Versuch, in die Fußball-Idylle einzudringen ist bislang erfolgreich „abgewehrt“ worden. Aktuell wird das mit Rostock der Fall sein, ein Klasse tiefer wohl mit Erfurt.

Um so mehr freut es mich als bekennenden Wacker-Nordhausen-Fan, dass es dieser Verein nach all den Rückschlägen und ohne staatliche Unterstützung geschafft hat, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen, wie es Herrmann Kant im Herbst des Jahres 1989 einmal formuliert hatte. Und wenn am kommenden Samstag vielleicht der Aufstieg in die Thüringenliga geschafft ist, dann haben die Nordhäuser und ihre Fans einen wirklich ehrlichen Grund für eine Party.
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnz

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