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Gemeinsamer Brief von OB und Landrat

Sonntag, 30. September 2001, 16:58 Uhr
Nordhausen (nnz). Oberbürgermeisterin Barbara Rinke (SPD) und Landrat Joachim Claus (CDU) hatten die Mitarbeitern von Reemtsma Nordhausen versprochen, sich für die Erhaltung des Standortes einzusetzen. Beide Kommunalpolitiker haben in den zurückliegenden Tagen einen Brief an Landes-, Bundes- und Europapolitiker geschrieben. nnz veröffentlicht dieses Brief in voller Länge:



„Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie mögen es uns bitte gestatten, dass wir Sie in einer für die Stadt und den Landkreis Nordhausen sehr wichtigen Angelegenheit direkt ansprechen, um Sie über einen für uns sehr wichtigen Sachverhalt zu informieren und um Sie diesbezüglich um Hilfe zu bitten. Ihnen ist sicher nicht entgangen, dass der Vorstand des Reemtsma-Konzernes sich mit dem Gedanken trägt, seinen ostdeutschen Standort im Norden Thüringens, konkret in der Stadt Nordhausen, zu schließen. Dies wurde der Belegschaft kundgetan durch Herrn Wilfried Boysen und Herrn Baumann genau an dem Tag, an dem vor elf Jahren im Beisein von Herrn Bundeswirtschaftsminister Dr. Helmut Haussmann der Reemtsma-Vorstandssprecher Herr Ludger W. Staby die Kaufvertragsurkunde vom damaligen Verwaltungsratsvorsitzenden der Treuhandanstalt, Herrn Dr. Gellert, in Empfang genommen hat. Vor 11 Jahren war Herr Staby hinsichtlich der Qualifikation und der Kreativität der Belegschaft voll des Lobes. Er verwies darauf, dass es für Reemtsma selbstverständlich sei, nach einer politisch bedingten Abstinenz von 45 Jahren ihren Traditionsstandort in Nordhausen wieder zu einer hochtechnisierten und modernen Zigarettenfabrik zu entwickeln. Die Nähe der Nordhäuser Produktionsstätte zum Werk in Hannover-Langenhagen wurde von ihm als wichtiger Grund für das Engagement in Nordhausen betrachtet.

Und heute? Heute wird der seinerzeit versprühte Optimismus für die Belegschaft und für die Region durch gnadenlos vorgetragene betriebswirtschaftliche Zahlenakrobatik, erarbeiteten Marktanalysen, Fusionsgerüchten oder Osterweiterungsplänen des Konzernes ad absurdum geführt. Dieses ist, sehr geehrte Damen und Herren, für unsere Region und für unsere Stadt eine Situation, die wir nicht hinnehmen können und hinnehmen wollen! Deshalb halten wir es für wichtig, dass Sie über diese Situation auch aus der Sicht der kommunalpolitischen Verantwortungsträger informiert werden. Sollte der Reemtsma-Konzern seine Entscheidung hinsichtlich der Standortschließung Realität werden lassen, bedeutet das nicht nur das Ende einer über einhundertjährigen Tradition in der Tabakverarbeitung. Nein, die ohnehin von hoher Arbeitslosigkeit in Nordthüringen geprägte Region bekommt arbeitsmarktpolitisch gesehen einen weiteren derben Tiefschlag. Und selbst das Angebot des Konzerns zur Übernahme der Belegschaft nach Langenhagen ist bei den bereits vorhandenen über 7000 Abwanderern in die alten Bundesländer für unseren Landkreis mehr als kontraproduktiv.

Aus diesem Grund bitten wir Sie gemeinsam, sich für den Erhalt des Traditionsstandortes Nordhausen der Firma Reemtsma einzusetzen. Was wir als Politiker im Norden Thüringens für den Erhalt des Standortes der Zigarettenproduktion in Nordhausen tun können, wollen wir gern tun. Selbst die Belegschaft des Nordhäuser Standortes setzt nicht auf Arbeitskampf, sondern auf vernünftige und machbare Vorschläge hinsichtlich der Kostenreduzierung für das Unternehmen. Das sind neben den positiven wirtschaftlichen Zahlen, die im Standort Nordhausen erwirtschaftet werden Faktoren, die zum Erhalt der Zigarettenproduktion in Nordhausen führen sollten. Die Marken “Cabinet“ und “Duett“ sind Nordhäuser Marken und nur weil sie im “Osten“ hergestellt werden, sind sie im “Osten“ gefragt. Eine Produktionsverlagerung nach Hannover-Langenhagen würde letztlich auch aus der sich ergebenden politischen Konsequenz nur zum Image-Schaden des Unternehmens Reemtsma führen. Dieses ist gerade wegen der sich abzeichnenden steuerlichen Erschwernisse für den Kunden ein nicht zu unterschätzender Aspekt.

Nochmals unsere Bitte: Bringen Sie sich gemeinsam mit uns für den Erhalt des Traditionsstandortes der Zigarettenindustrie in Nordhausen ein! Sorgen Sie mit dafür, dass die Arbeitsplätze in unserer Nordthüringer Region erhalten bleiben! Setzen Sie sich bitte mit uns gemeinsam dafür ein, dass nicht noch mehr junge Leute die neuen Bundesländer verlassen müssen, um in Lohn und Arbeit zu bleiben!

Wir Kommunalpolitiker tragen Verantwortung für unsere Region. Wir können diesem Anspruch und auch der Erwartung der hier lebenden Menschen nur gerecht werden, wenn die Politik und die Wirtschaft sich gleichermaßen einbringen. Wir tragen gemeinsam Verantwortung dafür, dass sich die wirtschaftlichen Gegebenheiten zwischen den alten und den neuen Bundesländern schnell angleichen, um im gemeinsamen Europa eine Chance zu haben. Mit den derzeitigen Stilllegungsabsichten stiehlt sich unserer Meinung nach der Reemtsma-Konzern aus dieser Verantwortung.

Deshalb bitten wir Sie um Ihr persönliches Engagement für den Erhalt der Produktionsstätte in Nordhausen!

Wir grüßen Sie freundlich

Barbara Rinke, Oberbürgermeisterin der Stadt Nordhausen
Joachim Claus, Landrat des Landkreises Nordhausen
Autor: nnz

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