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Worauf noch länger warten?

Freitag, 18. Oktober 2019, 12:00 Uhr
Das Thüringer Wirtschaftsministerium feiert eine Woche vor den Landtagswahlen den wohl größten Ansiedlungserfolg seiner Geschichte. Das ist toll für Thüringen, wenn wirklich 2 000 neue Arbeitsplätze entstehen. Und es ist vielleicht auch hilfreich für Herrn Tiefensee im Wahlkampf mit seiner arg gebeutelten Partei. Aber es ist definitiv schlecht für Nordthüringen und ganz speziell für das „Industriegebiet Goldene Aue“.

Goldene Aue (Foto: Sylvia Hartung)

Schon im Mai verkündete Thüringens Wirtschaftsminister bei einem Besuch in Nordthüringen, es sei kein Geheimnis, dass der chinesische Batteriezellen-Hersteller CATL den Standort bei Bielen zwar geprüft, sich schlussendlich aber für das Erfurter Kreuz entschieden habe. Aber der Minister schob gleich nach, dass er „mehr als zuversichtlich“ sei, ja sogar „100 Prozent sicher“, dass es im Industriegebiet Goldene Aue in den nächsten Monaten voran gehen würde. Wörtlich sagte er: „Wir wollen nicht die Erstbesten nehmen. Es ist so ein großes und gutes Gebiet, das man nicht irgendwie kleinteilig verschleudern sollte und am Ende nur Logistiker hat.“

Jetzt stellt sich aber fünf Monate später heraus, dass es in Erfurt zwar losgeht, sich aber in der Goldenen Aue weiterhin nichts tut. In Nordhausen kursierende Gerüchte, es gäbe endlich den ersten Investor, konnte die zuständige Landesentwicklungsgesellschaft auf Anfrage der nnz nicht bestätigen. Dort in Erfurt arbeitet man wie schon seit Jahren weiter an der Vermarktung des Industriegebiets.

Stellt sich nun die Frage, wie sinnvoll es ist, immer noch auf den großen Heilsbringer zu warten, wie er das chinesische Unternehmen für die Region hätte werden können.

Wer soll sich in einem Industriegebiet ansiedeln, das seit fünf Jahren bereit steht und (das unterstelle ich jetzt einfach mal) von der Landesentwicklungsgesellschaft intensiv und weltweit und erfolglos beworben wird? Wofür der Freistaat den ersten Ansiedlern sicherlich einige Vergünstigungen in Aussicht stellt?

Vielleicht ist ja einfach so, dass sich große Unternehmen nicht in die mitteldeutsche Provinz wagen, weil sie nicht die ersten und einzigen sein und dafür von der Konkurrenz und den eigenen Partnern mit Unverständnis, wenn nicht gar Spott überzogen werden wollen. Längst sind die Claims der deutschen Industriestandorte abgesteckt und selbst die großen Logistiker, die Tiefensee hier nicht haben will, haben schon vor Jahren ihre Quartiere entlang der Autobahnen bezogen.

Wäre es nicht viel sinnvoller, man würde auf regionale und innovative Unternehmen setzen? Davon hat Nordhausen einige zu bieten, wenn wir nur beispielsweise an Maximator, Sakret, Sokratherm oder Feuer Powertrain denken.

Wäre es nicht ein gutes Signal, wenn sich beispielsweise Ausgründung aus der Nordhäuser Hochschule hier niederlassen und ihre Forschungsarbeit in regenerativen Energien betreiben könnten?

Die Gipsindustrie hat zukünftig mit großen Herausforderungen in der Region zu kämpfen, wenn die Kohlekraftwerke abgeschaltet werden. Wäre es nicht interessant, diese Wirtschaftsgiganten als Partner für innovative Projekte zu gewinnen, die auf dem Industriegebiet angesiedelt werden könnten?

Ideen ließen sich hier noch einige hinzufügen und vielleicht gibt es sogar in den Rathäusern rund um die Goldene Aue noch ganz andere Gedanken. Nur eines sollten wir hier in Nordthüringen nicht länger tun: Warten, dass sich das Industriegebiet von selbst füllt.
Olaf Schulze
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