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Video-Dolmetscher wird in der Fläche eingesetzt

Verständigung durch Technik

Dienstag, 08. Oktober 2019, 20:00 Uhr
Der Spracherwerb ist der wichtigste Baustein in der Integration von Migranten und Migrantinnen. Nur braucht es Zeit die deutsche Sprache wirklich zu beherrschen, Zeit die man nicht immer hat. Den Landesbehörden des Freistaates und vielen anderen Institutionen steht seit gut sechs Monaten eine technische Lösung des Problems zur Verfügung, die sich Thüringens Migrations-Minister Dieter Lauinger heute im Horizont-Verein praktisch vorführen ließ...

Der Video-Dolmetscher im Praxistest (Foto: Angelo Glashagel) Der Video-Dolmetscher im Praxistest (Foto: Angelo Glashagel)

Sprache ist ein kompliziertes Ding. Schon der eigene Zungenschlag hat seine Tücken, soll noch eine zweiter oder dritter hinzukommen, tun sich gerade Erwachsene mit jedem Lebensjahr, das verstreicht, schwerer der neuen Sprache Herr zu werden. Bevor Rechtschreibung und Grammatik gemeistert sind, bevor man Dialekt versteht, den eignen Akzent abschmirgelt, die oft widersinnig scheinende Bedeutung von idiomatischen Ausdrücken durchdringt oder gar einen Soziolekt, wie das Amtsvokabular deutscher Behörden, vollends versteht, können Jahre ins Land gehen.

Zeit, die man nicht immer hat, insbesondere dann, wenn man versucht in einem neuen Land Fuß zu fassen. Da müssen Behörendgänge erledigt werden, Anträge sind zu verstehen und auszufüllen oder es sind Hürden in der Kommunikation mit dem Arzt im Krankenhaus oder dem Klassenlehrer in der Schule zu überwinden.

Im Idealfall kann man in solchen Fällen auf die Dienste eines ausgebildeteten Dolmetschers zurückgreifen, doch die sind in der Regel rar gesät, nicht eben günstig und schwer verfügbar, gerade im ländlichen Raum. In den Migrationsprojekten des Horizont-Vereins hat man diese Erfahrungen lange gemacht und sich mit Mitarbeitern aus dem eigenen Team oder mit ehrenamtlicher Unterstützung beholfen. Seit einem guten halben Jahr gibt der Freistaat den Sozialarbeitern eine technische Lösung des Problems an die Hand, die sich Dieter Lauinger (Bündnis '90/Die Grünen), Thüringens Minister für Migration, Justiz und Verbraucherschutz, heute vor Ort im Praxistest angesehen hat.

Das System des „Video-Dolmetschers“ ist simpel: eine Firma (in diesem Fall aus Wien) bringt kompetente Übersetzer via Internet auf den eigenen Bildschirm. Im Portfolio finden sich 50 Sprachen, darunter einige die „ad hoc“, also innerhalb von wenigen Minuten, angeboten werden können. Für ausgefallenere Anliegen braucht es etwas Vorlaufzeit oder terminliche Absprachen, dafür ist der Dienst rund um die Uhr erreichbar, auch im Notfall. Bei wiederkehrenden Gesprächspartnern können Dolmetscher per Identifikationsnummer wiedergefunden und Standarddokumente im Vorfeld bereitgestellt werden.

„Für uns ist das eine wahnsinnige Hilfe und wir nutzen das Angebot inzwischen fast tagtäglich“, sagt Sara Müller, Bereichsleiterin für die Migrationsprojekte im Horizont. Eine Zeit lange hatte man sich reiner Telefon-Übersetzer bedient, mit mäßigem Erfolg. Der Möglichkeit die Hilfe von Ehrenamtlern, Freunden oder den Kinder der Kllienten in Anspruch zu nehmen, sind Grenzen gesetzt. „Wir haben hier zum Teil hochkomplizierte Fälle, da geht es neben der sozialen und beruflichen Integration auch um häusliche Gewalt, um Traumata, um Kriegsgeschichten oder Wohnungslosigkeit, um Leute die den Kopf voller Probleme haben.“, sagt Müller. Trotzdem will man helfen, kurzfristig aber beständig Unterstützung bieten um den Menschen langfristige Perspektiven zu ermöglichen. Im Projekt „Well 2.0“ tut man genau das seit 2016. In letzter Zeit sind es vermehrt Bulgaren, die an die Türen der Büros klopfen, erzählt die Projektleiterin. Dolmetscher in Fleisch und Blut, die vor Ort kurzfrisig zu erreichen sind? In Nordhausen, Fehlanzeige.

Entsprechend froh ist man über die Internet-Dolmetscher. Und damit scheint man nicht allein, wo er auch hinkomme, er höre nur Gutes über das neue Handwerkszeug, sagt Dieter Lauinger. Er habe das System zuerst beim Bundesamt für Migration kennengelernt und den Einsatz bis dato nur dort „live“ erlebt. Das Lob der „Basis“ in Sachen Migration und Integration dürfte aber für sich sprechen. Das System sei einfach zu bedienen, auch für Menschen ohne tiefere technische Kenntnisse nachvollziehbar und schlichtweg praktisch, meinte etwa Projektmitarbeiterin Josefine Müller-Freybe.

Minister für Migration Dieter Lauinger: wir werden die Zuwanderung brauchen (Foto: Angelo Glashagel) Minister für Migration Dieter Lauinger: wir werden die Zuwanderung brauchen (Foto: Angelo Glashagel) Gerne hätte der Minister das Angebot ein Jahr früher an den Start gebracht, die Realisierung hing aber in den Mühlen des Vergaberechts fest, inklusive Gerichtsstreit. Seit gut sechs Monaten steht der Übersetzer-Dienst allen Landesinstitutionen des Freistaates zur Verfügung, von der Ausländerbehörde über die Polizei bis zum Jobcenter. Zudem haben auch Einrichtungen wie Krankenhäuser, Schulen, Frauenhäuser oder Hilfprojekte wie die Angebote des Horizont die Möglichkeit zur kostenfreien Nutzung. Die Bezahlung übernimmt der Freistaat und lässt sich die Abdeckung in der Fläche rund eine Million Euro kosten. „Das klingt erst einmal viel, ist für uns am Ende aber ein gewinnbringendes Geschäft weil der Pauschalvertrag günstiger ausfällt, als jeden Dolmetscher einzeln vor Ort zu bezahlen“, erklärt Lauinger.

Zugang zum Portal erhält man über die zuständigen Landesministerien, eine erste Anmeldungsrunde ist bereits gelaufen, eine weitere wird vorbereitet. Die nötigen Mittel sind im neuen Haushalt für die nächsten Jahre bereits festgeschrieben. Im Moment lebten rund 130.000 Menschen mit Migrationshintergrund in Thüringen, führte der Minister aus, darunter Flüchtlinge aber auch ausländische Studierende, Spätaussiedler und vermehrt Menschen, die aus anderen EU-Staaten nach Thüringen kommen um Arbeit zu finden. Und der Freistaat brauche die Migration, wenn er seine wirtschaftliche Kraft erhalten wolle, der eigene Nachwuchs werde dafür auch in den nächsten Jahren nicht ausreichen. „Egal mit welcher Firma oder welcher Handwerkskammer man gerade spricht, sie sagen alle: wir suchen, wir suchen, wir suchen. Die Migrationsfrage wird eine Generationenaufgabe sein und wir werden uns für Menschen aus anderen Ländern öffnen müssen und ein gesellschaftliches Klima schaffen, in dem sie auch bleiben“, sagte Lauinger.

Die digitale Hilfe beim Überwinden der schwierigen sprachlichen Hürden scheint da eine praktische Lösung für alle Beteiligten zu sein, so sie denn auch rege genutzt wird.
Angelo Glashagel
Autor: red

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