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Nordhausen darf nicht in Misskredit geraten

Sonntag, 06. Oktober 2019, 14:45 Uhr
"Als tausendjährige, ehemals Freie Reichsstadt war Nordhausen in seiner stolzen Geschichte ein aufgeschlossenes Gemeinwesen. Korn und Kautabak trugen früher seinen Namen in alle deutschen Lande." So beginnt der neuste Leserbrief von Manfred Neuber...


Zuwanderer verschiedener Gewerbe und Flüchtlinge vor religiöser Verfolgung und Krieg fanden in seinen Mauern eine neue Heimat. Die zeitweilige Zugehörigkeit zum Hanse-Bund förderte eine weltoffene Haltung und einen liberalen Bürgersinn. Weil seine Stadtväter mit der Zeit gingen, zählte Nordhausen zu den ersten Städten in der Gefolgschaft Martin Luthers. Wie Mehltau legten sich dann die braune NS-Diktatur und die rote SED-Herrschaft auf die Stadt, bis 1989 die friedliche Revolution in er DDR wieder eine freiheitliche Gesellschaftsordnung hervorbrachte.

Heute steht „Hochschulstadt Nordhausen“ auf den Straßenschildern an der Einfahrt zur Rolandstadt. „Die Schmiede der Ingenieure“ am Weinberg verschafft Nordhausen auch internationales Renommee. Das könnte gefährdet werden, wenn blindwütige Hetzer gegen Ausländer auch im Südharz das öffentliche Klima wie in Chemnitz und Görlitz vergiften. Denn die Vorurteile aus dem Unrechtsstaat DDR gegen „Fidschis“ sind noch nicht überwunden.

Ein Querschnitt durch „Leserbriefe“ in der nnz liefert leider ein beschämendes, meist peinliches Bild von der Einstellung zu Flüchtlingen – auch wenn es wie die meisten Ergebnisse von nnz-Umfragen einen falschen, nicht repräsentativen Eindruck von der Nordhäuser Bevölkerung abgibt. Die Alarmglocken einer friedlichen Gesellschaft müssten läuten, würde tatsächlich jeder Zweite, so der trügerische Anschein, auf die misstönenden Schalmeien von Hasspredigern und politischen Scharlatanen hereinfallen.

Wie in einer Echokammer schaukeln sich Meckerer, Miesmacher und Misan-thropen gegenseitig hoch, werfen mit Halbwahrheiten um sich, verbreiten Fake News und streiten unleugbare Tatsachen ab. Weil es müßig ist, gegen so viel blanken Unsinn und schier Unsägliches mit unumstößlichen Fakten anzugehen, haben viele Nordhäuser Freunde sich aus dem Diskurs zurückgezogen und dem schlechten Dutzend von Stammtisch-Strategen das Feld überlassen.

Diese Gespinste von Verfälschungen und Verschwörungstheorien zu ignorieren würde das falsche Signal sein. Der eklatante Missbrauch der Meinungsfreiheit wird, wie Soziologen bei Untersuchungen herausfanden, oft von jenen verübt, die sich als Duckmäuser in der DDR-Diktatur gut eingerichtet hatten, nicht gegen den Stachel löckten und den Demonstranten für Freiheit nur hinter der Gardine zusahen. Andere haben sich in einer bequemen Klagehaltung versteift, weil ihnen
die soziale Marktwirtschaft fremd blieb.

Für die mehr als zwei Millionen Westdeutschen, die nach 1989 in den Osten gingen, um die neuen Bundesländer, deren Verwaltung und Justiz sowie die marode Wirtschaft wieder aufzubauen, hat Joachim Gauck eine Lanze gebrochen. Der frühere Bundespräsident sagte, schon die Lebenserfahrung zeige, dass nicht alle Abzocker und Glücksritter waren, sondern dass sie eine patriotische Pflicht erfüllten, hilfreich zu sein. Besonders erwähnte er Politiker wie Kurt Biedenkopf und Bernhard Vogel. Ohne Westdeutsche wäre der Aufbau Ost nicht zu bewältigen gewesen, schon gar nicht einer rechtsstaatlichen Justiz oder Finanzverwaltung.

„Die Nachwende war für die Ostdeutschen eine Einübung in Kälte und Konkurrenz. Sie brachte massenhafte Erfahrungen von Entwertung und von Angezweifeltwerden, von Bürokratie, Merkantilität, von Ellbogen und Egoismus. Und auch von Angst: Ungewissheit löst Angst aus, und niemand konnte damals wissen, ob der Neustart ins Leben glücken wird“, gibt der Schriftsteller Thomas Brussig (Autor von „Helden wie wir“) zu bedenken. Für ihn ist die AfD „die Partei der niedrigen Instinkte, des Ressentiments und der Miesepetrigkeit“.
Manfred Neuber
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Autor: red

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