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Zaubersprüche und Schwanenliebe

Montag, 18. April 2005, 10:00 Uhr
Limlingerode (nnz). Zaubersprüche und Schwanenliebe locken Freunde der Dichtkunst nach Limlingerode. Liebesgedichte und –lieder zu Ehren der 70 jährigen Dichterin erklingen. Was es zu Ehren von Sarah Kirsch sonst noch zu erleben gibt, das sagt Ihnen die nnz.


Zaubersprüche und Schwanenliebe (Foto: nnz) Zaubersprüche und Schwanenliebe (Foto: nnz) Die Dichterin Sarah Kirsch wurde am 16. April 2005 siebzig Jahre. Aus diesem Anlass sind in der „Dichterstätte Sarah Kirsch“ am Samstag, dem 23. April 2005, ab 14.30 Uhr Liebesgedichte der Poetin zu hören, und in der Haus ART Nr. XI • 2/2005 werden Aquarelle von ihrer Hand ausgestellt, die mit den Versen zusammenschwingen. Erika Schirmer vertonte Gedichte Sarah Kirschs, die sie an diesem Nachmittag auf dem braunen Klavier in der Dichterstätte spielen wird.

Gleich im ersten eigenen Gedichtband „Landaufenthalt“ setzte Sarah Kirsch ihren berühmt gewordenen Sarah-Sound ein, der sich in den „Zaubersprüchen“ etablierte und ihren Ruf als große deutschsprachige Lyrikerin begründete.
Bei der Autorin ist die Lust zu spüren, mit der sie das Handwerk des Schreibens ausübt. Ihr Spiel mit dem Wort, dem Satz, dem Vers, mit dem Rhythmus und mit der Pause ist so nur ihr zugehörig, macht ihr Dichten unverwechselbar. Es ist beeindruckend, mit welcher Konsequenz und Beharrlichkeit sie das Verfertigen von Texten weiterentwickelt hat, und sie feilt und feilt, bis sie das Geschaffene als Gedicht, als Prosagedicht, als Prosa aus ihrer Obhut entlässt. Ohne eine aus dem Inneren kommende Arbeitshärte ist das Schreiben in dieser Qualität nicht zu meistern. Sarah Kirsch möchte mit ihrer Poesie nichts verkünden, sie möchte etwas anders sagen, es besser sagen. Sie ist keine virtuose Reimschmiedin, sie hat ihren eigenen Rhythmus, die eigene Form. Die Texte schweifen hierhin und dorthin, bilden sehr preziöse, aber kurz darauf auch burschikose Sprachgebilde, eben den Sarah-Sound. Wir erfahren etwas über Sichtbares und Unsichtbares, über Tatsächliches und Unwahrscheinliches und erleben Leid- und Lustvolles, Beglückt- und Enttäuschsein, Zu- und Abneigung, Sanftmut und Zorn, Eigensinn und Trotz.

Bei ihrer Liebeslyrik, die sich durch alle Zeiten zieht, spricht man vom sanften Mut der Melancholie, in der eine schöne Musikalität schwingt. In den Liebesversen gibt es das Feiern der Liebe, aber auch die heftige Reaktion auf Liebesverrat, auf das Verlassenwerden, auf das Verlassensein. Natur- und Liebesthematik sind bei Sarah Kirsch eng verwoben.

Seit Ende der 60er Jahre spricht man von Sarah Kirsch als der deutschen Liebeslyrikerin. Ihre „Zaubersprüche“ gelten als das beste, was eine Frau in der zweiten Hälfte des 20. Jh. geschrieben hat. Es gelingt ihr, die Sehnsucht nach der Macht der Hexen über leichtfertige Männer zu artikulieren, gleichzeitig untergräbt sie das Beschworene ironisch. „Ich halte Emanzipationsschreiberei für unsinnig. Mann und Frau sollen nicht gegeneinander, sondern miteinander fertig werden. Beide müssen menschlich leben können, und sie stoßen dabei auf die gleichen Schwierigkeiten.“ Sarah Kirsch äußerte, dass ihre Liebesgedichte keine ausschließlich private Angelegenheit seien, sondern: „Der Schriftsteller reibt sich immer an einer gesellschaftlichen Umwelt – das ist universell.“ Gleiches gilt für alles, was sie dichtete.

Was die Autorin schreibt, ist nicht zum schnellen Lesen gedacht. Ein Mitdenken, Mitfühlen, Mitdichten ist angesagt. Sie will den Leser fordern, ihn herausfordern, als sensibles Individuum das Labyrinth seiner Gefühle und seines Denkens zu erforschen. Vorgegebene Denkschemata und Verhaltens-weisen sind der Dichterin zuwider.
Sarah Kirschs poetisches Schreiben fügt sich nicht in den Erwartungshorizont einer eingeengten Leistungs- und Konsumgesellschaft. Ein Kritiker schrieb einmal: „Sie (die Werke) wirken wie kleine Zeitbomben, die noch lange ticken, bevor sie sanft im Kopf des Leser explodieren. Jedes Gedicht ... ist ein immer neuer Versuch, ... der Brüchigkeit der Welt den mutigen Entschluss entgegenzuhalten, sich der Verzweifelung nicht auszuliefern.“ (Michael Butler)
Autor: nnz

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