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neues Rückhaltebecken eröffnet

Sollstedt und das Kali-Erbe

Freitag, 13. September 2019, 07:00 Uhr
Die Lauge fließt, auch wenn Berg und Tal unter hochsommerlicher Hitze gebacken werden. Seit dem Niedergang des Kali-Bergbaus in der Region muss man sich mit dessen Altlasten befassen. In Sollstedt ist das seit Mitte der 90er Jahre die Firma IMM. An der alten Sollstedter Halde eröffnete das Unternehmen gestern ein neues Rückhaltebecken, um vor der Großwetterlage gewappnet zu sein. Auf der anderen Seite des Berges hat man derweil noch ganz andere Sorgen...

Kali-Abraumhalde bei Sollstedt (Foto: Angelo Glashagel) Kali-Abraumhalde bei Sollstedt (Foto: Angelo Glashagel)

Als der Kali-Bergbau in Sollstedt noch 1.300 Menschen Lohn und Brot brachte, da machte man sich um das, was zurückblieb, wenige Gedanken. Bis zu 40 Mio. Tonnen Kali-Lauge flossen damals in die Wipper, erzählt Diplom Ingenieur Werner Bierwisch, der bei der Firma Industrieabbrüche und Metallrecycling Menteroda (IMM) mit Entwicklung und Sonderprojekten befasst ist. Heute seien es immerhin noch vier Millionen Liter, die von dem Flüsschen aufgenommen werden müssen.

„Wenn da ein ordentlicher Schwall rein kommt, dann war's das für die Fische, dass ist dann einfach Gift“, erklärt der Ingenieur gestern Mittag am Fuße der Abraumhalde. Damit das auch bei extremen Wetterereignissen wie Starkregen gar nicht erst passiert, hat die Firma hier ein neues Rückhaltebecken mit einem Fassungsvolumen von 3.000 Kubikmetern und einen Rinnenumlauf von etwa 3,6 Kilometern Länge bauen lassen. Kostenpunkt: 2,5 Mio. Euro. Vom Sollstedter Becken aus wird die Lauge gen Wipperdorf gepumpt. Hier sorgt die natürlich Verdunstung dafür, das Rohstoffe für die chemische Industrie übrig bleiben.

Ministerin Birgit Keller und Walter Dück nehmen die neue Anlage in Betrieb (Foto: Angelo Glashagel) Ministerin Birgit Keller und Walter Dück nehmen die neue Anlage in Betrieb (Foto: Angelo Glashagel)

Die stark salzhaltige Lauge kommt aus dem Berg selbst. Nicht nur der Regen wäscht die Mineralien aus, in der Halde existieren kleine, unterirdische Seen und Wasserläufe. „Das läuft immer, auch im Hochsommer“, erzählt Bierwisch. In der Vergangenheit mussten die Sollstedter wiederholt die Hilfe der Feuerwehr und ihrer Pumpen in Anspruch nehmen, wenn bei Starkregen die Lauge in die Wipper zu fließen drohte.
Mit der neuen Anlage soll das der Vergangenheit angehören, dafür hat man tief in die Tasche gegriffen. Von einem „umwelttechnischen Meilenstein“ spricht Firmenchef Walter Dück, sein Sollstedter Geschäftsführer Thomas Döring von einer „Herkulesaufgabe“, die man Dank der guten Zusammenarbeit mit dem Bergamt und der Firma Henning-Bau habe meistern können.

Fördermittel aus dem Staatssäckel gab es dafür nicht, dennoch war gestern auch Thüringens Ministerin für Infrastruktur, Birgit Keller zugegen. „Danke für ihren Mut und Danke für Ihre Risikobereitschaft, ich hoffe das dieses Beispiel viele Nachahmer findet“, lobte Keller das Engagement des Unternehmens. Landrat Matthias Jendricke verwies auf den Umstand, das die finanziellen Hilfen für ehemalige Bergbauregionen am Südharz bisher vorbeigeflossen seien, was sich in Zukunft ändern müsse.

Vom Freistaat würde man sich bei IMM gerne eine Reaktivierung der alten Bahntrasse wünschen, die schon mindestens solange stillsteht, wie der DDR-Bergbau. Dann könnte man den Abraum, der auf die Halde aufgebracht wird, leichter transportieren und müsste nicht auf die Straße ausweichen. Das Anliegen trage man seit Jahrzehnten immer wieder vor, erzählt Christian Dück, bisher ohne Erfolg.

3000 Kubikmeter fasst das neue Becken (Foto: Angelo Glashagel) 3000 Kubikmeter fasst das neue Becken (Foto: Angelo Glashagel)

Altlast und Refugium

Bis zu 300.000 Tonnen Material kommen hier jährlich an, vor allem Bauschutt. Der wird als „Dickschicht“ im Haldenvorland aufgebracht. Platz hat man noch für zwanzig weitere Jahre, schätzt man bei IMM. Dann soll auch die Renaturierung des Areals abgeschlossen sein. Schon jetzt ist das Gebiet ein Rückzugsort für Flora und Fauna. Bei einer Rundfahrt über das Gelände lässt sich das direkt beobachten: einen Habicht ficht der herannahende Pick-Up-Truck kaum an, er lässt sich Zeit ehe er sich in die Lüfte erhebt. Außerdem gibt es auf dem Gelände selten gewordene Rebhühner, etwa 80 Rehe, 60 Wildschweine und sogar (invasive) Marderhunde, erzählt der Betriebsjäger. Die Wildschweine haben inzwischen derart überhand genommen, dass man sie seit einem Jahr aktiv bejagt.

Auf der anderen Seite

Auf der anderen Seite des 65 Hektar großen Geländes hat man ganz andere Sorgen. Die Autobahn A38 führt hier knapp an der Halde vorbei, kaum zwei Meter trennen den Standstreifen von der steil aufragenden Wand des Abraum-Hügels. Beim Bau der Autobahn habe man sich dem 120 Meter hohem Hang nicht nur angenähert, sondern ihn angeschnitten, erzählt Firmenanwalt Andreas Achterberg. Schon damals habe man immer wieder Bedenken bezüglich der Sicherheit geäußert, seit zwei Jahren klagt man nun gegen die Bundesrepublik. „Eine Autobahn hat so nah an einer Halde nichts zu suchen. Das ist Abraum, der ist nicht statisch, sondern bewegt sich.“, erläuterte Christian Dück. Hinzu kommt, das sich Salz und Metallsicherungen, wie sie üblicherweise an Steilhängen verwendet werden, nicht vertragen.

Bisher ist nichts geschehen und man kann nur hoffen, dass es so bleibt. Die Firma ist guter Dinge das die Gerichte der eigenen Rechtsauffassung folgen werden, drei Gutachten, die genau das tun, gäbe es schon. Ein erstinstanzliches Urteil wird in den kommenden Monaten erwartet, dann werde man sich auch ausführlicher zur Sachlage äußern, hieß es am Mittag.
Angelo Glashagel
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