150 Jahre Clubhaus
Gute Zeiten, schlechte Zeiten
Mittwoch, 04. September 2019, 09:00 Uhr
Egal ob noch jung oder langsam alt, so ziemlich jeder Nordhäuser kennt das Clubhaus und kann Geschichten und Erlebnisse mit dem alten Bau verbinden. Der feiert demnächst 150. Geburtstag. Das große Jubiläum soll mit einer Festwoche gefeiert werden, die alle Besuchergruppen anspricht. Ausreichend Gäste zu finden, fällt selbst dem Clubhaus jedoch zunehmend schwer...
Das Jugendclubhaus heute. Foto: Mario Schieke
Es ist still geworden in den Nordhäuser Nächten, zumindest wenn man den Vergleich mit der Vergangenheit heranzieht. Die Kulturschmiede ist nur noch eine blasse Erinnerung, die Alte Weberei hat so oft Betreiber und Namen gewechselt, das man kaum noch weiß, wie der Laden heute heißt. Kleinere Veranstaltungsorte wie die "Fischbüchse" oder alternative Szenekneipen wie die Destille sind entweder dem Vergessen anheim gefallen oder bieten nur noch sporadisch musikalische Abendunterhaltung und selbst jüngere Versuche wieder Schwung ins Nachtleben der Stadt zu bringen, wie der Club T-37, werden kaum noch bespielt.
Was geblieben ist, ist das Clubhaus. Generationen junger Nordhäuser haben hier ihre ersten Schritte auf der Tanzfläche getan, manch gereifter Heimkehrer findet über die Feiertage wieder seinen Weg in die Käthe-Kollwitz-Straße und wenn am Wochenende in Nordhausen noch "was gehn" soll, dann am ehesten hier.
Doch leicht hat man es dieser Tage auch im altehrwürdigen Clubhaus nicht. In guten Zeiten habe man am Wochenende bis zu 500 Gäste und mehr gezählt, berichtet Hausleiter Christoph Rode, aktuell liege man eher bei 150 Besuchern. Verzagen werde man deswegen nicht, solche Zeiten habe das Haus immer mal wieder erlebt. "Um 2012 war das schon einmal ähnlich. Damals hat man die Räume renoviert, sich von einer neuen Seite gezeigt und die Leute sind wieder gekommen", erzählt Thomas Herwig, seit Mai neuer Leiter des Kreisjugendrings, dem Trägerverein hinter dem Clubhaus. Der "Bonus" von damals habe sich inzwischen aufgebraucht und es sei an der Zeit, das Haus wieder weiter zu machen und für die Ideen und Wünsche der Gäste zu öffnen.
Hausleiter Christoph Rode mit dem Flyer zur Festwoche (Foto: Angelo Glashagel)
Was schon jetzt möglich ist und wie breit das Publikum des Hauses eigentlich gefächert ist, will man in den Festwoche vom 7. bis zum 14. September zeigen. Den Anfang wird man am Samstag mit der Band "Tänzchentee" machen, die Combo sei beliebt und bekannt, man habe sogar aus dem Eichsfeld schon Anfragen erhalten, erzählt Rode. Am 10. September lädt man dann zum Kinderfest auf den Hof des Hauses, tags darauf will man mit dem "Tanztee" das Publikum jenseits der 60 Jahre wieder ins Clubhaus locken. "Das ist ganz interessant, es hat wirklich jeder eine Geschichte, die er mit dem Clubhaus verbindet. Bei Veranstaltungen wie dem Tanztee gehen wir auch immer mal mit den Leuten durchs Haus und da wird dann auf bestimmte Stellen gezeigt und gesagt: "Das da, das war genau unsere Ecke, da haben wir immer gesessen" und dann wird erzählt wie es damals war", erzählt Rode.
Am 12. September will man den studentisch-alternativen Nordhäusern mit einem Liedermacher-Abend mit Anklang an die beliebten Poetry-Slams ins Haus holen, gefolgt von der klassischen Teenie und Jugendweihe Disco am 13. September. Die "BIG Gatsby Party" am 14. September richtet sich dann an die "Samstag-Abend" Kundschaft des Hauses und wird Musik und Feierei im Stil der 20er Jahre bieten. Außerdem warten "Black Beats", "Frauendisco" und "Electric Birthday Party" in den kommenden Wochen auf die Nachtschwärmer.
Das alte "Haus Harmonie" war schon immer Anlaufstelle für Nordhäuser Vereine (Foto: Steffen Iffland)
Das "Haus Harmonie" damals. Foto: Steffen Iffland
Ein vollgepacktes Programm also, im Selbstverständnis des Hauses kann die reine Partylaune aber nur ein Teil des Alltags sein. Das Clubhaus sei schon immer ein Ausweichraum für die Nordhäuser und ihre Vereine gewesen, selbst als man noch unter dem Namen "Haus Harmonie" firmierte und nur Herren Zutritt gewährte, erzählt Thomas Herwig. Die Gemeinnützigkeit gebe dem Haus bis heute seine Daseinsberechtigung. Angebote wie Jugendclub und Bandraum werden auch jetzt noch rege genutzt, zu manchen besonderen Veranstaltungen ist das Haus nach wie vor rappelvoll.
Mit dem Blick auf das weitere Umfeld kommen dennoch Sorgen auf. "In Sangerhausen und Sondershausen gibt es so gut wie nichts mehr. Selbst große Unternehmen wie die Saxx-Gruppe haben angefangen ihre Räume umzunutzen, in der Weberei wird heute nur noch ein Raum für Veranstaltungen genutzt. Das Discothekensterben ist real, nicht nur hier bei uns. Ob Ost oder West, ob Ballungsgebiet oder ländliche Gegend, das ist egal", meint Hausleiter Rode, der sich intensiv mit dem Thema befasst hat.
Früher habe es an jedem Wochenende mehrere Veranstaltung gegeben, selbst auf den Dörfern. Hier das Schrammel-Konzert für die Punks, da der Abend für die Gothic-Szene, hier die fetten Bässe für Trommelbassfreunde, da die House-Party mit Elektro-Beats, und, und, und. Soziokulturellen Strömungen wie man sie einmal kannte, existierten heute kaum noch und die Interessen des jungen Publikums abzufragen sei zunehmend schwierig weil die Gefragten oft selber keine klare Antwort geben könnten. Für das Discothekensterben ist das nur eine mögliche Erklärung sind auch wärmere Sommer- und Herbstmonate, der demographische Wandel und die sozialen Medien. "Die Disco als Kontaktbereich in dem man neue Leute kennen lernt und sich austauscht, das geht verloren. Was ich konsumieren will, das bekomme ich auch vom heimischen Sofa aus, anytime, anyplace und mit Freunden kann man auch ständig in Kontakt stehen, ohne das Haus zu verlassen", fasst Thomas Herwig die Analyse zusammen.
Damit das Clubhaus als letzte Bastion verbleiben kann, will man sich auch über die Festwoche hinaus näher mit dem eigenen Publikum befassen und Zielgruppenspezifisch abfragen, was gewünscht ist. Man werde Überlegungen, Ideen und Hirnschmalz von allen Seiten brauchen, wenn man wieder mehr Leben ins Haus bekommen wolle, sagt der Geschäftsführer. "Das Clubhaus hat nicht nur am Samstag offen, im Idealfall ist hier jeden Tag etwas los. Jeder Verein und jede Institution kann unsere Räume nutzen und über den Mietpreis kann man verhandeln. Wenn kleinere Vereine und Initiativen kommen, dann kann man das auch schon einmal für einen Obolus machen. Die Soziokultur in der Stadt zu stärken ist auch unsere Aufgabe."
Wenn man neue Ideen "in Masse" gesammelt hat, dann werde man auch experimentieren und neue Formate ausprobieren, sagt Herwig. Und vielleicht klapp's dann auch mit dem neuerlichen "Bonus" und der Gunst des Publikums.
Angelo Glashagel
Autor: redDas Jugendclubhaus heute. Foto: Mario Schieke
Es ist still geworden in den Nordhäuser Nächten, zumindest wenn man den Vergleich mit der Vergangenheit heranzieht. Die Kulturschmiede ist nur noch eine blasse Erinnerung, die Alte Weberei hat so oft Betreiber und Namen gewechselt, das man kaum noch weiß, wie der Laden heute heißt. Kleinere Veranstaltungsorte wie die "Fischbüchse" oder alternative Szenekneipen wie die Destille sind entweder dem Vergessen anheim gefallen oder bieten nur noch sporadisch musikalische Abendunterhaltung und selbst jüngere Versuche wieder Schwung ins Nachtleben der Stadt zu bringen, wie der Club T-37, werden kaum noch bespielt.
Was geblieben ist, ist das Clubhaus. Generationen junger Nordhäuser haben hier ihre ersten Schritte auf der Tanzfläche getan, manch gereifter Heimkehrer findet über die Feiertage wieder seinen Weg in die Käthe-Kollwitz-Straße und wenn am Wochenende in Nordhausen noch "was gehn" soll, dann am ehesten hier.
Doch leicht hat man es dieser Tage auch im altehrwürdigen Clubhaus nicht. In guten Zeiten habe man am Wochenende bis zu 500 Gäste und mehr gezählt, berichtet Hausleiter Christoph Rode, aktuell liege man eher bei 150 Besuchern. Verzagen werde man deswegen nicht, solche Zeiten habe das Haus immer mal wieder erlebt. "Um 2012 war das schon einmal ähnlich. Damals hat man die Räume renoviert, sich von einer neuen Seite gezeigt und die Leute sind wieder gekommen", erzählt Thomas Herwig, seit Mai neuer Leiter des Kreisjugendrings, dem Trägerverein hinter dem Clubhaus. Der "Bonus" von damals habe sich inzwischen aufgebraucht und es sei an der Zeit, das Haus wieder weiter zu machen und für die Ideen und Wünsche der Gäste zu öffnen.
Hausleiter Christoph Rode mit dem Flyer zur Festwoche (Foto: Angelo Glashagel)
Was schon jetzt möglich ist und wie breit das Publikum des Hauses eigentlich gefächert ist, will man in den Festwoche vom 7. bis zum 14. September zeigen. Den Anfang wird man am Samstag mit der Band "Tänzchentee" machen, die Combo sei beliebt und bekannt, man habe sogar aus dem Eichsfeld schon Anfragen erhalten, erzählt Rode. Am 10. September lädt man dann zum Kinderfest auf den Hof des Hauses, tags darauf will man mit dem "Tanztee" das Publikum jenseits der 60 Jahre wieder ins Clubhaus locken. "Das ist ganz interessant, es hat wirklich jeder eine Geschichte, die er mit dem Clubhaus verbindet. Bei Veranstaltungen wie dem Tanztee gehen wir auch immer mal mit den Leuten durchs Haus und da wird dann auf bestimmte Stellen gezeigt und gesagt: "Das da, das war genau unsere Ecke, da haben wir immer gesessen" und dann wird erzählt wie es damals war", erzählt Rode. Am 12. September will man den studentisch-alternativen Nordhäusern mit einem Liedermacher-Abend mit Anklang an die beliebten Poetry-Slams ins Haus holen, gefolgt von der klassischen Teenie und Jugendweihe Disco am 13. September. Die "BIG Gatsby Party" am 14. September richtet sich dann an die "Samstag-Abend" Kundschaft des Hauses und wird Musik und Feierei im Stil der 20er Jahre bieten. Außerdem warten "Black Beats", "Frauendisco" und "Electric Birthday Party" in den kommenden Wochen auf die Nachtschwärmer.
Das alte "Haus Harmonie" war schon immer Anlaufstelle für Nordhäuser Vereine (Foto: Steffen Iffland)
Ein vollgepacktes Programm also, im Selbstverständnis des Hauses kann die reine Partylaune aber nur ein Teil des Alltags sein. Das Clubhaus sei schon immer ein Ausweichraum für die Nordhäuser und ihre Vereine gewesen, selbst als man noch unter dem Namen "Haus Harmonie" firmierte und nur Herren Zutritt gewährte, erzählt Thomas Herwig. Die Gemeinnützigkeit gebe dem Haus bis heute seine Daseinsberechtigung. Angebote wie Jugendclub und Bandraum werden auch jetzt noch rege genutzt, zu manchen besonderen Veranstaltungen ist das Haus nach wie vor rappelvoll.
Mit dem Blick auf das weitere Umfeld kommen dennoch Sorgen auf. "In Sangerhausen und Sondershausen gibt es so gut wie nichts mehr. Selbst große Unternehmen wie die Saxx-Gruppe haben angefangen ihre Räume umzunutzen, in der Weberei wird heute nur noch ein Raum für Veranstaltungen genutzt. Das Discothekensterben ist real, nicht nur hier bei uns. Ob Ost oder West, ob Ballungsgebiet oder ländliche Gegend, das ist egal", meint Hausleiter Rode, der sich intensiv mit dem Thema befasst hat.
Früher habe es an jedem Wochenende mehrere Veranstaltung gegeben, selbst auf den Dörfern. Hier das Schrammel-Konzert für die Punks, da der Abend für die Gothic-Szene, hier die fetten Bässe für Trommelbassfreunde, da die House-Party mit Elektro-Beats, und, und, und. Soziokulturellen Strömungen wie man sie einmal kannte, existierten heute kaum noch und die Interessen des jungen Publikums abzufragen sei zunehmend schwierig weil die Gefragten oft selber keine klare Antwort geben könnten. Für das Discothekensterben ist das nur eine mögliche Erklärung sind auch wärmere Sommer- und Herbstmonate, der demographische Wandel und die sozialen Medien. "Die Disco als Kontaktbereich in dem man neue Leute kennen lernt und sich austauscht, das geht verloren. Was ich konsumieren will, das bekomme ich auch vom heimischen Sofa aus, anytime, anyplace und mit Freunden kann man auch ständig in Kontakt stehen, ohne das Haus zu verlassen", fasst Thomas Herwig die Analyse zusammen.
Damit das Clubhaus als letzte Bastion verbleiben kann, will man sich auch über die Festwoche hinaus näher mit dem eigenen Publikum befassen und Zielgruppenspezifisch abfragen, was gewünscht ist. Man werde Überlegungen, Ideen und Hirnschmalz von allen Seiten brauchen, wenn man wieder mehr Leben ins Haus bekommen wolle, sagt der Geschäftsführer. "Das Clubhaus hat nicht nur am Samstag offen, im Idealfall ist hier jeden Tag etwas los. Jeder Verein und jede Institution kann unsere Räume nutzen und über den Mietpreis kann man verhandeln. Wenn kleinere Vereine und Initiativen kommen, dann kann man das auch schon einmal für einen Obolus machen. Die Soziokultur in der Stadt zu stärken ist auch unsere Aufgabe."
Wenn man neue Ideen "in Masse" gesammelt hat, dann werde man auch experimentieren und neue Formate ausprobieren, sagt Herwig. Und vielleicht klapp's dann auch mit dem neuerlichen "Bonus" und der Gunst des Publikums.
Angelo Glashagel

