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Nordhausen wird Energiewende-Modellregion

Endlich unendlich

Freitag, 23. August 2019, 10:00 Uhr
Klimaneutralität und Energiewende sind hierzulande nicht erst seit dem globalen Aufbäumen einer besorgten Jugend Thema. Es wurde viel geredet und gestritten, die Gesamtbilanz aber fällt eher nüchtern aus. Das es auch anders geht, soll das Beispiel Nordhausen zeigen. Stadt und Kreis wurden gestern zur Modellregion in Sachen Energiewende ernannt. Und zwar nicht für das was man plant, sondern für das, was man geschaffen hat...

Die alte Engelsburg dient als praktisches Beispiel für die Möglichkeiten der Energiewende (Foto: Angelo Glashagel) Die alte Engelsburg dient als praktisches Beispiel für die Möglichkeiten der Energiewende (Foto: Angelo Glashagel)

Die Engelsburg - ein wuchtiger komplex, mitten in der Stadt, Nachkriegsbau. Wie man im Jahr 2019 einmal über Energie, Wärme und Gebäudetechnik denken würde, wussten die Erbauer im Jahr 1957 nicht und auch während der Sanierung Anfang der 90er Jahre hatte man diese Themen noch nicht im Blick.

In den letzten zwanzig Jahren sei die Erkenntnis gereift, das der Klimawandel Realität ist, sagt Dr. Martin Gude aus dem Thüringer Umweltministerium gestern im Hof der Engelsburg. Die Temperaturvariation liege global inzwischen bei 1,35 Grad Celsius, hierzulande beobachte man insbesondere im Frühjahr regelrechte Hitzewellen, das Jahresmittel ist um 1,5 Grad gestiegen.

In der Diskrepanz zur Erkenntnis stünden derweil die Aktivitäten, die Angesichts der Lage im Berliner Regierungsviertel entfalte. "Wir sind überhaupt nicht auf der Spur um der Herausforderung gerecht zu werden", sagt Gude. Aber: es warten nicht alle auf Berlin.

Auszeichnung für das, was schon ist - Nordhausen wird Modellregion (Foto: Angelo Glashagel) Auszeichnung für das, was schon ist - Nordhausen wird Modellregion (Foto: Angelo Glashagel)

Wie ein Umdenken realistisch funktioniere, könne man jetzt schon in Nordhausen sehen. Um das auch physisch und medial darzustellen, wurden Stadt und Kreis gestern zur Modellregion in Sachen Energiewende ernannt, eine entsprechende Plakette ziert die Engelsburg. Das sieht erst einmal nur nach Symbolpolitik aus, konkrete finanzielle Mittel sind mit dem Titel noch nicht verbunden aber freilich wird man in Nordhausen mit der Auszeichnung hausieren gehen.

Auf den zweiten Blick folgt die Ehrung nicht so sehr für das, was kommen soll, sondern für das, was schon da ist. Ganz konkret das Beispiel Engelsburg: die städtische Wohnungsbaugesellschaft SWG hat den Komplex zusammen mit der Energieversorgung von Gaswärme auf Fernwärme aus dem Blockheizkraftwerk umgestellt. In einem Altbau mit 47 Wohneinheiten und 12 Gewerbeflächen alles andere als ein leichtes Unterfangen, versichern die Verantwortlichen. Im Oktober 2018 hatte der Ausbau begonnen, zwischen Januar und Mai erfolgte der Anschluss der Wohnungen. Die Technologie, die man dafür angewendet habe, sei auch auf andere Altbauten übertragbar, die Ergebnisse "ausschließlich positiv", erklärte Peter Spannhaus von der SWG.

Die nötige Energie soll möglichst aus regionalen, erneuerbaren Quellen kommen. Um hier weiterzukommen, bauen die Stadtwerke ein eigenes Heizhaus, ein Projekt das es so in Ostdeutschland kein zweites mal gebe, versichert Thomas Mund. Außerdem hat man zwei Windräder erworben, deren Anteile zu 49% in Bürgerhand liegen sollen. Drei Jahre hat man sich Zeit gegeben, dieses Ziel zu erreichen. Nach nur knapp zwei Monaten seien inzwischen schon 40% der Anteile unterschriftsreif, so Mund weiter, "mein Telefon hat kaum noch stillgestanden, wir denken das wir die 49% im Frühjahr erreicht haben".

Car-Sharing mit Elektroautos, eine Schnellladestation die noch in diesem Jahr in Betrieb gehen soll, mehrere E-Busse samt Ladestationen für den Landkreis, eine Hochschule die sich mit ihrer Forschung im Bereich regenerative Energie und Recycling einen Namen gemacht hat - all das hat man sicherlich auch anderswo. Aber nicht in einer Stadt von Nordhausens Größe. "Wir wollen vor Ort zeigen, wie die Energiewende funktioniert, wie man vor Ort Energie produzieren und speichern kann und wie die Wertschöpfung in der Region bleibt und die Privatwirtschaft einbezogen werden kann", sagt Jana Liebe vom Thüringer Erneuerbare Energien Netzwerk (ThEEN), deswegen habe man Nordhausen als Modellregion gewählt. "Endlich unendlich", also endlich unabhängig von Ressourcen, die sich nicht bis in alle Ewigkeit ausbeuten lassen, heißt das Motto.

Die Politik vor Ort freut die Auszeichnung, da ziehen sogar Stadt und Kreis einmal in trauter Einigkeit an einem Strang und loben die gemeinsamen Aktivitäten rund um Stadtwerke, SWG, EVN und Hochschule. Ob der Titel die Tore zu neuen Fördermitteln und neuen Maßnahmen aufstößt, muss die Zukunft zeigen.
Angelo Glashagel
Autor: red

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