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Gips-Diskussion in Woffleben

Zwischen Konflikt und Konsens

Freitag, 16. August 2019, 09:51 Uhr
In Woffleben begrüßte man am gestern Umweltministerin Anja Siegesmund. Nach einer Wanderung durch den Gipskarst bei Appenrode war man im Jägerhof mit Vertretern des BUND, des NABU und mit Stadträten aus Nordhausen und Ellrich zusammengekommen, um über trockene Wälder, einzigartige Wiesen und den Gipskarst zu sprechenů

Umweltministerin Anja Siegesmund zu Gast in Woffleben (Foto: Angelo Glashagel)
Thüringens Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne) war in den letzten Wochen eine viel gefragte Frau, auf den Äckern und in den Wäldern des Freistaates zeigte die Trockenheit des vergangenen und des aktuellen Sommers deutliche Spuren. Zur Gesprächsrunde im Wofflebener Jägerhof kam man gestern allerdings nur gerade so trockenen Fußes an. Sie freue sich aktuell aber über jeden Tropfen Regen, sagte Siegesmund, der „Trockenstress“ der Natur sei trotz der heutigen Schauer deutlich zu erkennen.

Vor allem die Fichte hat zu leiden. „Bei den Bäumen ist das Immunsystem runter, stellen sie sich vor sie haben Grippe, Husten und einen Beinbruch. Die Fichten sind nicht mehr in der Lage das Harz zu bilden, das sie eigentlich brauchen, um Schädlinge abzuwehren“, erklärte die Umweltministerin, auch bei den Buchen, die man einst für Klimaresistenter gehalten hatte, lichtet sich das Blätterdach bedenklich, die Bäume trocknen aus und werden zur Gefahr für Waidmann und Wanderer.

Seit gut zwei Wochen befasse sich die Landesregierung intensiv mit dem Thema, ihre Partei habe einen zehn Punkte Plan zur Zukunft der Thüringer Wälder vorgelegt. Das es eine nachhaltige Waldbewirtschaftung brauche, sei in der Regierung inzwischen „common sense“. „Die Säge muss auch einmal ruhen, wir müssen aufhören über unseren Bedarf Holz zu ernten“, auch das gehöre zum sinnvollen Waldumbau. Vor 50 Jahren habe man dabei mit der großflächigen Anpflanzung von Fichten-Monokulturen Fehler gemacht, die sich so nicht wiederholen dürften.

Die Südharzer Gretchenfrage

Der eigentliche Grund für den Besuch der Ministerin liegt freilich unter dem Boden: der Gips. Rund zweieinhalb Jahre hat das Ministerium einen Moderationsprozess in der Region begleitet. Nur ein Bruchteil der Zeit, die der Streit um den Südharzer Gips schon tobt, aber Zeit, die gut genutzt worden sei, meinte die Ministerin. Man habe einen Diskurs um die Zukunft anstoßen können und Wege gesehen, unterschiedliche Interessenlagen auszugleichen.

Im Mai war die Wortwahl bei den Besprechungen des BUND in Woffleben weit weniger konziliant, die Zeit der Gipskompromisse sei vorbei, hieß es damals. Grund zum Misstrauen gegenüber den Absichten der Gipsindustrie liefern die ansässigen Firmen allemal. Nahe den Wanderwegen über den Bromberg zum Mühlberg seien Bohrungen durchgeführt worden, zum Teil mitten auf den Wegen selbst, berichtet ein Anwohner, von dem versprochenen 100 Meter Streifen, der nicht angebaggert werden sollte, seien inzwischen nur noch 75 Meter übrig. Die Pfähle für weitere Bohrungen steckten „schon fast in Sachswerfen“. Inwiefern das nach Recht und Gesetz geschieht, ist für die Anwohner kaum nachzuvollziehen, die Zuständigkeiten liegen, je nach Gebiet und Schutzstatus, bei unterschiedlichen Behörden.

Ein paar Erfolge können BUND und Co. im Kampf um den Gips vorweisen. Der Winkelberg bei Rüdigsdorf steht inzwischen unter Schutz, bei Woffleben hat das Land seine Vorkaufsrechte wahrgenommen, im Bereich Bromberg-Mühlberg sei man „auf der Ziellgeraden“, die Schutzbedürftigkeit der einzigartigen Landschaft sei deutlich zu sehen. Im Ringen um den Regionalplan sei das Umweltministerium derweil nur ein Gesprächspartner von vielen. Man habe zwar eindeutige Stellungnahmen abgegeben, die hätten aber nicht mehr Gewicht als andere. Die Entscheidung wie der Regionalplan am Ende ausgestaltet wird liegt bei der regionalen Planungsgemeinschaft, nicht in Erfurt. Und das die Ausweisung neuer Schutzgebiete am Ende vor Gericht entschieden wird, dürfte als sicher gelten.

Alternativen zum Naturgips?

Der Ausweitung des Gipsabbaus müsse eine generelle Absage erteilt werden, hielt Siegesmund fest. Es sei aber auch klar, dass Gips als Rohstoff auch weiterhin gefragt sein werde, als Baustoff oder in der Medizin. Mit dem Kohleausstieg falle zudem weniger REA-Gips an, was den Anreiz Naturgips abzubauen noch erhöhe. Bei den wirtschaftlichen Anreizen dürfe die Diskussion aber nicht aufhören. Ein reines „Arbeitsplatzargument“ könne man nicht gelten lassen, da gebe es Angesichts von 60.000 Jobs im Bereich Erneuerbare Energien allein in Thüringen keine Verhältnismäßigkeit. Wohlstand lasse sich in Zukunft nur sichern, wenn man mit der Umwelt und dem sich verändernden Klima arbeite

Wie soll das im Gipskonflikt funtktionieren? Prinzipiell gebe es zwei Alternativen, erklärte Siegesmund. Punkt 1: Recycling. Das habe seine Hürden und man sei noch nicht da, wo man sein will. An der Nordhäuser Hochschule werde aber intensiv an dem Thema geforscht. Hier müssten die Unternehmen eingebunden werden, „Wandel durch Innovation in der Region“, nennt sich der Ansatz. Einzelne Interessengruppen sollen schon jetzt die Perspektiven für den „Tag danach“ aufgezeigt werden, schließlich ist auch der Gips eine endliche Ressource. Immerhin: die Firma CASEA ist bereits in die Forschungen der Hochschule involviert.

Punkt zwei: Substitution durch Alternativen zum Baustoff Gips. Das im Moment reichlich vorhandene Holz wäre ein Kandidat. Doch das ist leichter gesagt als getan, mit Nachhaltigkeit und Umweltschutz im Blick dürfte auch der Weg über den Wald zur Gratwanderung werden. Der Baustoff Holz werde weiter an Bedeutung gewinnen, da sei sie sicher, meinte die Ministerin, ein umdenken habe bereits begonnen. Der Holzabbau dürfe aber nicht zu Lasten der Natur gehen. Der Frage wie man Holz nachhaltig in Wert gesetzt werden könne, müsse man auch in der Forschung nachgehen.

„Wir brauchen den Dreiklang aus Naturschutz, Wertschöpfung und Regionalentwicklung. Bei den neuen Abbaugebieten dürfen wir nicht nachlassen es wird auch weiter notwendig sein sich einzusetzen“. Man werde möglich machen was rechtlich möglich ist. Grundsätzlich gelte es aber mit allen Interessengruppen im Gespräch zu bleiben und Abwägungsprozesse zu beachten. Aber: ohne „faule Kompromisse“ und für die einzigartige Natur.
Angelo Glashagel
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