Herausforderungen für Thüringer Milchbauern
Das Milchkarussell
Montag, 05. August 2019, 14:30 Uhr
2016 war das Jahr der "Milchkrise", die Preise lagen im Keller, für die Milchbauern reichte es kaum zum überleben. Drei Jahre später sieht es wenig besser aus, die Trockenheit im vergangenen Jahr tat ihr übriges. Viele Herausforderungen, denen sich auch die Agragenossenschaft Wipperdorf stellen musste. Trotz der Krise konnte man investieren, die grundlegenden Probleme der Branche aber bleiben bestehen...
Landwirtschaftsministerin Birgit Keller und Landwirt Uwe Merx im neuen Stall in Wipperdorf (Foto: Angelo Glashagel)
Rund 1.300 Tiere nennt man in den beiden Agrargesellschaften Wipperdorf und Kehmstedt sein eigen. Rund 600 Tiere sind Milchkühe, die pro Jahr und Tier gute 11.000 Liter Milch geben. Hinzu kommen 1.600 Hektar Land, darunter auch Wald- und Grünflächen.
Früher einmal arbeitete man hier mit 2.000 Tieren und 200 Mitarbeitern. Heute schaffen 30 Mitarbeiter den Betrieb bei dem vierfachen an Leistung. Die Technologie macht es möglich. Erst jüngst hat man sich ein neues "Milchkarussell" geleistet, bis zu 90 Tiere können hier pro Stunde abgemolken werden, vollautomatisch, sauber, effizient. Den Mensch braucht es nur noch zu Pflege und Überwachung.
Über all das wacht seit 24 Jahren Uwe Merx. Man hat viel durchgemacht in den mehr als zwei Jahrzehnten, da waren die Disruptionen der Wende, Maul- und Klauenseuche, BSE und mehr. Doch die letzten Jahre waren besonders hart. Die "Milchkrise" von 2016 setzt sich bis heute fort, in der Trockenheit 2018 musste man Futtermittel aus Südthüringen zusammenkaufen um über die Runden zu kommen. Das neue Jahr zeigt sich etwas gnädiger, man kommt wieder mit den eigens angebauten Futter zurecht. Trotz der Herausforderungen hat man investiert, fünf Millionen Euro insgesamt. Ein neuer Stall ist entstanden, die Milchkühe ruhen auf Sandgemisch, nicht Beton oder Gummimatten, es gibt "Wellness" für die Rinder, große Bürsten, die bei Kontakt anspringen. Der letzte Lehrling hat seinen Abschluss gerade erst gemacht, Auszubildende Franziska ist im dritten Lehrjahr.
Alles gut also? Nicht wirklich. Insgesamt 30 Cent pro Liter bekommen die Milchbauern, wenn sie ihre Erzeugnisse nach Erfurt in die Molkerei bringen. Die kürzeren Wege nach Wipperdorf und später Nordhausen sind schon lange weggebrochen. Die Konkurrenz fährt heute lieber über den Thüringer Wald hinaus, da kommen immerhin 34 Cent herum. Der Lokalpatriotismus der Wipperdorfer hat finanzielle Folgen, rund 20.000 Euro im Monat könnte man mehr verdienen, wenn man sich dem Tross in Richtung Süden anschließen würde, sagt Merx. Er sei trotzdem froh mit der Philosophie seines Unternehmens, nur lange werde das nicht mehr funktionieren.
Billiglohn und Schwarzarbeit drückten auch auf den Preis, mit fairem Wettbewerb und Gerechtigkeit habe das nichts mehr zu tun, erzählt Merx, "wenn andere die Preise auf 28 Cent drücken, dann ist das für uns der Ruin". Die Milchbauern, wie die meisten Rohstoffproduzenten, sind "Restgeldempfänger". Konkret heißt das: den Preis diktieren andere: Molkereien, Transportunternehmen, der Einzelhandel. Und der Milchpreis ist nicht das einzige Problem. Die um sich greifende Bodenspekulation ist nicht minder schwierig, Vieh- und Ackerbauern konkurrieren mit reinen Ackerbetrieben, ausländischen Konsortien und Großinvestoren. Hinzu kommt die Personalnot, die sich auch in der Landwirtschaft zunehmend niederschlägt. Er sähe sein Lebenswerk lieber in Händen aus der Region sehen. "Wir kennen hier jeden Busch und jeden Strauch und das wollen wir für unsere Kinder erhalten", sagt Merx.
"Die Landwirtschaft kannibalisiert sich selbst, wie viele andere Bereiche auch", meint Landwirtschaftsministerin Keller, die nach einem verpassten Termin zum Tag der offenen Tür ihren Besuch in Wipperdorf heute nachholte. Der globale Markt sei gnadenlos, das wisse man. Gerade die Bodenverkäufe an den Meistbietenden machten der Politik Sorgen.
Viel direkten Einfluss könne man aber nicht nehmen, gibt die Ministerin zu bedenken. "Ich kann ihnen sagen was die Politik nicht machen wird: sie wird nicht in Preise und nicht in Eigentumsverhältnisse eingreifen und sie wird nicht mit Verboten agieren", sagt Keller am Vormittag. Man könne Rahmenbedingungen schaffen, die es den hiesigen Unternehmen ermöglichen, sich sicher in der Marktwirtschaft zu bewegen. Dazu gehört Imagearbeit für die "grünen" Berufe an sich oder finanzielle Unterstützungen über Fördertöpfe wie den "Ökoaktionsplan" und andere Instrumente. Geld aus Erfurt ist auch in Wipperdorf angekommen, 400.000 Euro erhielt der Agrarbetrieb für die Investitionen der letzten Jahre.
Zudem habe man ein Qualitätssiegel auf den Weg gebracht, das nur Produktue erhalten, die zu 90% aus dem Freistaat stammen. Aktuell führen 70 Erzeugnisse das Siegel. Die Methode soll Anreiz sowohl für Erzeuger wie auch für Verbraucher sein und lokale Produktionswege stützen.
Grundsätzlich begrüßt man in Wipperdorf die Bemühungen der Ministerin. Das Bild der Landwirtschaft als Lebensmittelproduzent in Deutschland müsse wieder geraderückt werden, meint Merx, zudem müsse der Berufsstand wieder "unter ein Dach" gebracht werden. Es könne nicht sein das man zwar die gleichen Interessen habe, oft genug aber gegeneinander handele. Punkt drei der angegangen werden müsse sei die Bedrohungen der Existenzgrundlagen durch Bodenspekulation. Und der Milchpreis? Der müsste eigentlich bei 46 Cent pro Liter liegen. Mindestens.
Die tiefsitzenden Probleme zu lösen, das werde eine Generation oder mehr brauchen, fürchtet Merx. Ein Lichtblick mag man im Zuspruch zum Tag der offenen Tür in Wipperdorf sehen, rund 1.000 Besucher habe man begrüßen können und viel Begeisterung erlebt. Vielleicht wird der eine oder andere genauer hinsehen, wenn man das nächste mal im Supermarkt nach der Milch greift.
Angelo Glashagel
Autor: red
Landwirtschaftsministerin Birgit Keller und Landwirt Uwe Merx im neuen Stall in Wipperdorf (Foto: Angelo Glashagel)
Rund 1.300 Tiere nennt man in den beiden Agrargesellschaften Wipperdorf und Kehmstedt sein eigen. Rund 600 Tiere sind Milchkühe, die pro Jahr und Tier gute 11.000 Liter Milch geben. Hinzu kommen 1.600 Hektar Land, darunter auch Wald- und Grünflächen.
Früher einmal arbeitete man hier mit 2.000 Tieren und 200 Mitarbeitern. Heute schaffen 30 Mitarbeiter den Betrieb bei dem vierfachen an Leistung. Die Technologie macht es möglich. Erst jüngst hat man sich ein neues "Milchkarussell" geleistet, bis zu 90 Tiere können hier pro Stunde abgemolken werden, vollautomatisch, sauber, effizient. Den Mensch braucht es nur noch zu Pflege und Überwachung.
Über all das wacht seit 24 Jahren Uwe Merx. Man hat viel durchgemacht in den mehr als zwei Jahrzehnten, da waren die Disruptionen der Wende, Maul- und Klauenseuche, BSE und mehr. Doch die letzten Jahre waren besonders hart. Die "Milchkrise" von 2016 setzt sich bis heute fort, in der Trockenheit 2018 musste man Futtermittel aus Südthüringen zusammenkaufen um über die Runden zu kommen. Das neue Jahr zeigt sich etwas gnädiger, man kommt wieder mit den eigens angebauten Futter zurecht. Trotz der Herausforderungen hat man investiert, fünf Millionen Euro insgesamt. Ein neuer Stall ist entstanden, die Milchkühe ruhen auf Sandgemisch, nicht Beton oder Gummimatten, es gibt "Wellness" für die Rinder, große Bürsten, die bei Kontakt anspringen. Der letzte Lehrling hat seinen Abschluss gerade erst gemacht, Auszubildende Franziska ist im dritten Lehrjahr.
Alles gut also? Nicht wirklich. Insgesamt 30 Cent pro Liter bekommen die Milchbauern, wenn sie ihre Erzeugnisse nach Erfurt in die Molkerei bringen. Die kürzeren Wege nach Wipperdorf und später Nordhausen sind schon lange weggebrochen. Die Konkurrenz fährt heute lieber über den Thüringer Wald hinaus, da kommen immerhin 34 Cent herum. Der Lokalpatriotismus der Wipperdorfer hat finanzielle Folgen, rund 20.000 Euro im Monat könnte man mehr verdienen, wenn man sich dem Tross in Richtung Süden anschließen würde, sagt Merx. Er sei trotzdem froh mit der Philosophie seines Unternehmens, nur lange werde das nicht mehr funktionieren.
Billiglohn und Schwarzarbeit drückten auch auf den Preis, mit fairem Wettbewerb und Gerechtigkeit habe das nichts mehr zu tun, erzählt Merx, "wenn andere die Preise auf 28 Cent drücken, dann ist das für uns der Ruin". Die Milchbauern, wie die meisten Rohstoffproduzenten, sind "Restgeldempfänger". Konkret heißt das: den Preis diktieren andere: Molkereien, Transportunternehmen, der Einzelhandel. Und der Milchpreis ist nicht das einzige Problem. Die um sich greifende Bodenspekulation ist nicht minder schwierig, Vieh- und Ackerbauern konkurrieren mit reinen Ackerbetrieben, ausländischen Konsortien und Großinvestoren. Hinzu kommt die Personalnot, die sich auch in der Landwirtschaft zunehmend niederschlägt. Er sähe sein Lebenswerk lieber in Händen aus der Region sehen. "Wir kennen hier jeden Busch und jeden Strauch und das wollen wir für unsere Kinder erhalten", sagt Merx.
"Die Landwirtschaft kannibalisiert sich selbst, wie viele andere Bereiche auch", meint Landwirtschaftsministerin Keller, die nach einem verpassten Termin zum Tag der offenen Tür ihren Besuch in Wipperdorf heute nachholte. Der globale Markt sei gnadenlos, das wisse man. Gerade die Bodenverkäufe an den Meistbietenden machten der Politik Sorgen.
Viel direkten Einfluss könne man aber nicht nehmen, gibt die Ministerin zu bedenken. "Ich kann ihnen sagen was die Politik nicht machen wird: sie wird nicht in Preise und nicht in Eigentumsverhältnisse eingreifen und sie wird nicht mit Verboten agieren", sagt Keller am Vormittag. Man könne Rahmenbedingungen schaffen, die es den hiesigen Unternehmen ermöglichen, sich sicher in der Marktwirtschaft zu bewegen. Dazu gehört Imagearbeit für die "grünen" Berufe an sich oder finanzielle Unterstützungen über Fördertöpfe wie den "Ökoaktionsplan" und andere Instrumente. Geld aus Erfurt ist auch in Wipperdorf angekommen, 400.000 Euro erhielt der Agrarbetrieb für die Investitionen der letzten Jahre.
Zudem habe man ein Qualitätssiegel auf den Weg gebracht, das nur Produktue erhalten, die zu 90% aus dem Freistaat stammen. Aktuell führen 70 Erzeugnisse das Siegel. Die Methode soll Anreiz sowohl für Erzeuger wie auch für Verbraucher sein und lokale Produktionswege stützen.
Grundsätzlich begrüßt man in Wipperdorf die Bemühungen der Ministerin. Das Bild der Landwirtschaft als Lebensmittelproduzent in Deutschland müsse wieder geraderückt werden, meint Merx, zudem müsse der Berufsstand wieder "unter ein Dach" gebracht werden. Es könne nicht sein das man zwar die gleichen Interessen habe, oft genug aber gegeneinander handele. Punkt drei der angegangen werden müsse sei die Bedrohungen der Existenzgrundlagen durch Bodenspekulation. Und der Milchpreis? Der müsste eigentlich bei 46 Cent pro Liter liegen. Mindestens.
Die tiefsitzenden Probleme zu lösen, das werde eine Generation oder mehr brauchen, fürchtet Merx. Ein Lichtblick mag man im Zuspruch zum Tag der offenen Tür in Wipperdorf sehen, rund 1.000 Besucher habe man begrüßen können und viel Begeisterung erlebt. Vielleicht wird der eine oder andere genauer hinsehen, wenn man das nächste mal im Supermarkt nach der Milch greift.
Angelo Glashagel





