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Historiker-Streit über die Wende in der DDR

Wem „gehört“ die friedliche Revolution?

Montag, 29. Juli 2019, 14:12 Uhr
Irrungen und Wirrungen gab es auch in Nordhausen nach der braunen und roten Diktatur. Erst wollte keiner dabei gewesen sein, bis die Nazi-Herrschaft endete. Dann hatte vorgeblich jeder dazu beigetragen, das SED-Regime zu stürzen. Die historische Wahrheit sieht anders aus...


„Die Wende in Nordhausen: Wie die Südharzer den Umbruch 1989/90 erlebten“ ist in einem vor zehn Jahren erschienenen Buch eines Autorenpaars beschrieben. Am Anfang standen Friedensgebete für inhaftierte Nordhäuser, Proteste in den Schulen, Demonstrationen auf dem August-Bebel-Platz, schließlich die „Revolution der Kerzen“. Die Einsicht der örtlichen „Staatsorgane“ im Gespräch mit den aufbegehrenden Bürgern sicherte einen friedlichen Verlauf.

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist ein neuer Historiker-Streit in Deutschland entbrannt. Ilko-Sascha Kowalczuk, Projektleiter bei der Stasi-Unterlagenbehörde, konstatiert: „Der Umbruch von 1989 in der DDR war das Werk von wenigen, die Normalbürger warteten ab. Erst als die großen Fragen entschieden waren, setzte sich das Volk in Bewegung.“ Heute gebe es Versuche, die ostdeutsche
Revolution umzudeuten.

Ein anderer, Prof. Detlef Pollack, 1984 an der Uni Leipzig promoviert, hält es wiederum für an der Zeit, "mit mit einer Legende aufzuräumen“. Nicht Oppositionelle im Schutze der Kirche hätten das SED-Regime erschüttert, sondern Normalbürger durch die Massenabwanderung. Sie hätten die neue Freiheit Gorbatschows genutzt, um Kritik am eigenen System zu üben und „ihre Sehnsucht nach Konsum und Reisefreiheit“ zu bekunden.

Ulbricht-Biograf Kowalczuk urteilt: „Die vielbeschworene Versöhnung konnte nicht stattfinden, weil die Verantwortlichen für die SED-Diktatur entweder beharrlich schwiegen oder jede Schuld von sich wiesen.“ Bis heute spreche die ehemalige Nomenklatura herablassend von „Wende“, und ein Egon Krenz brüste sich damit, er habe keinen Schießbefehl erteilt. Umstritten ist der Festredner Gregor Gysi, letzter SED-Vorsitzender, am Tag der Einheit am 9. Oktober in der Leipziger Peterskirche.

Gysi und seine mehrmals umbenannte Partei, so argumentiert Kowalczuk, wollten die ostdeutsche Revolutionsgeschichte umschreiben. „Sie wollen sie als ihr eigenes Werk hinstellen.“ Sein Widerspruch: „Die DDR veränderte sich von unten, weil Oppositionelle, Bürgerrechtler und Widerständler... nun Mittel und Wege gefunden hatten“, die Massen zu mobilisieren. Zum schleichenden Zerfall des Macht- und Staatsapparates habe die Fluchtwelle beigetragen.

„Die Arbeit am Mythos geht weiter“, befindet Prof. Pollack, „nun haben wir alle, radikale Widerständler, ehemalige Verteidiger des Systems, Unbelehrbare, Kaffeetrinker und Bonbonlutscher, das Ende der DDR herbeigeführt. Bisher wurde uns erzählt, die Mehrheit der Bevölkerung habe hinter der Gardine gestanden und abgewartet.“ Nach seinem Erleben und Erinnerungen anderer hätten keineswegs „Oppositionelle den Protest der Massen den Weg gebahnt“.

Vor dem ersten Demonstrationszug am 25 September 1989 in Leipzig hätten die Bilder von der Öffnung der Grenze Ungarns zu Österreich und der jubelnd im Westen angekommenen DDR-Flüchtlinge die Ohnmacht, die Hoffnungslosigkeit und die Wut der Bevölkerung verstärkt, auch die empfundene Ausweglosigkeit. Pollack im Meinungsstreit mit anderen Historikern: „Eine kalkulierte Diffamierung kann ich in der Rekonstruktion der Ereignisse nicht erkennen. Es handelt sich vielmehr um historische Genauigkeit.“

Jene Oppositionellen, die noch von einer besseren DDR träumten, hätten nicht viel von der Bevölkerung gehalten, weil „unmündig, demokratieunfähig, autoritätsabhängig, träge und politisch unreif sowie wohlstands- und konsumorientiert“. Andererseits habe sich die Bevölkerung über die politischen Aktionen von Oppositionellen lustig gemacht und sie für Spinner und Idealisten gehalten, meint Prof. Pollack.

„Die Verachtung der Bevölkerung der DDR war stets ein Problem, das die Arbeit der Opposition erschwert hat... Zu allem Unglück verhielt sich das ’Volk’ ganz anders als erwünscht. Während die Oppositionellen noch lange am dritten Weg in der DDR festhielten, sorgten die Bürger... mit ihrem Ruf ‚Wir
sind das Volk’ für den Durchbruch“, stellt er fest. – Zu den Jahrestagen im Herbst wird die Debatte um die Hintergründe der friedlichen Revolution 1989 in der DDR noch zunehmen. Manfred Neuber
Autor: red

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