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100 Jahre Strecke Eisfelder Talmühle - Stiege

Mittwoch, 06. April 2005, 14:54 Uhr
Nordhausen (nnz). Ein Streckenjubiläum feiert in diesem Jahr die Harzer Schmalspurbahn. Seit 100 Jahren ist das Dampfroß auf der Strecke von Eisfelder-Talmühle nach Stiege unterwegs. nnz-Leser Jürgen Steimecke bietet Bahnfans interessanten Lesestoff und historische Fotos.

100 Jahre Strecke Eisfelder Talmühle - Stiege (Foto: nnz) 100 Jahre Strecke Eisfelder Talmühle - Stiege (Foto: nnz)

Nachdem sich Ende des 19. Jahrhunderts die drei Schmalspurbahnen, die Gernrode-Harzgeroder Eisenbahngesellschaft (GHE, 10.05.1886), die Nordhausen-Wernigeroder Ei-senbahngesellschaft (NWE, 15.06.1896) und die Südharz-Eisenbahn (SHE, 28.04.1897) im Harz etab-lierten, konnte in dieser Region von einem wirklichen technischen Fortschritt gesprochen werden.

Durch den bahntechnischen Anschluss an das bestehende normalspurige Eisenbahnnetz konn-te die industrielle Entwicklung im Harz rasant vorangetrieben werden. Hierbei zeigten sich aber auch bald einige nicht gewollte konstruktive Mängel. Die Schmalspurbahnen fuhren zwar in bzw. durch den Harz, sie fuhren aber zunächst aneinander vorbei. Aus Angst vor der Konkurrenz untereinander wurden die Gleisanlagen nicht miteinander verbunden, und es konnte kein Wagenaustausch untereinander vorgenommen werden. Dies sollte sich aber in den folgenden Jahren ändern.

Am 01.07.1885 wurde durch die Magdeburg-Halberstädter Eisenbahngesellschaft (MHE) die normal-spurige Eisenbahnstrecke (Frose - Ballenstedt, Eröffnung am 07.01.1868) Ballenstedt – Gernrode – Suderode – Quedlinburg fertiggestellt und konnte ihren Betrieb aufnehmen. Frose liegt an der Strecke Halle – Aschersleben – Halberstadt, auch Quedlinburg hatte bereits Bahnanschluß (Thale – Quedlin-burg – Halberstadt, Eröffnung am 02.07.1862).

Durch die Heranführung bzw. den Erhalt eines Bahnhofes am Ortsrand von Gernrode wurde hier schon recht schnell der alte Gedanke an eine Schmalspurbahn neu erweckt, welche in den Unterharz geführt werden sollte.
Bereits am 07.08.1987, nach nur zehnmonatiger Bauzeit, konnte der erste Streckenabschnitt Gernrode - Mägdesprung eröffnet werden. Weitere fünf Jahre sollte es dauern, bis der vorläufige Endpunkt der Strecke, der Bahnhof Hasselfelde, erreicht wurde. Durch teilweise schwierige topographische Verhält-nisse im Gebirge kam der Bahnbau nur langsam voran.
Am 01.05.1892 war es dann soweit, die Strecke Alexisbad - Hasselfelde konnte ihrer Bestimmung übergeben werden.

Für Hasselfelde und Stiege brachte der Bau der Selketalbahn jedoch nicht die erhoffte wirtschaftliche Bedeutung. Die hier ansässige Wirtschaft war regional von alters her mehr auf die Märkte um Nord-hausen und nicht auf die um Gernrode ausgerichtet. Somit wurde schon früh der Wunsch nach einem Bahnanschluss in Richtung Nordhausen offenbar.

Mit der Fertigstellung und der Aufnahme des durchgängigen Streckenbetriebes der Nordhausen-Wernigeroder Eisenbahngesellschaft am 27.03.1899 wurde bei der GHE der alte Wunsch nach einer Gleisverbindung in Richtung Nordhausen verstärkt vorangetrieben. Der Güterverkehr sollte rationeller und schneller zu den angestammten Märkten in bzw. um Nordhausen abgewickelt werden.

Die Generalversammlung der GHE beschloss im Jahre 1900, mit den Vorarbeiten für eine Gleisver-bindung vom Bahnhof Stiege (GHE) zum Bahnhof Tiefenbachmühle (NWE) zu beginnen. Weiterhin sollte eine mögliche Gleisverbindung nach Rübeland zur normalspurigen Halberstadt-Blankenburger Eisenbahn (HBE) geprüft werden. Diese Vorarbeiten für eine neue Gleisanbindung wurden weitestge-hend bis Dezember 1900 abgeschlossen. Die Überprüfung ergab als günstigste Verbindung die Tras-sierung von Stiege über Unterberg nach Eisfelder Talmühle. Am 11.06.1901 traf sich zum ersten Mal die Baukommission unter der Leitung von Hasselfeldes Bürgermeister Hagedorn.

Die Baukosten für den neuen Streckenabschnitt wurden auf 720.000 Mark geschätzt. Nach Absiche-rung der notwendigen Baufinanzierung sowie Erteilung aller notwendigen Baugenehmigungen durch die Länder Braunschweig und Preußen wurde noch am 01.04.1904 mit den Bauarbeiten an der neuen Verbindungsstrecke begonnen. Die NWE beteiligte sich mit 100.000 Mark an der Errichtung des Bahnhofs Eisfelder Talmühle. Die gesamten Erd-, Fels- und Oberbauarbeiten wurden dem Eisenbahn-bauunternehmer in Wernigerode-Hasserode, Herrn A. Röder, übertragen. Als durchschnittlicher Ar-beitslohn für einen Arbeiter wurden 3,- bis 3,50 Mark pro Tag gezahlt.

Bis zum Fahrplanwechsel im Mai 1905 sollte der neue Streckenabschnitt Stiege - Eisfelder Talmühle fertig werden. Hierbei wurden umfangreiche Umbauten notwendig. Die bisher bestehenden Gleisanla-gen der NWE mussten erweitert und neu ausgerichtet werden.

Im Gegensatz zur GHE-Strecke erhielten die Gleisanlagen der NWE eine signaltechnische Absiche-rung. Die Gleisanlagen wurden zwar für jede Bahn getrennt angelegt, waren aber durch ein sogenann-tes Übergabegleis bzw. Verbindungsgleis miteinander verbunden.

Die Gernrode-Harzgeroder Eisenbahn AG (GHE) war Eigentümer der bergseits gelegenen Gleisanla-gen und verfügte zur Behandlung ihrer Lokomotiven über eigene Bevorratungsanlagen zum Wasser- und Kohlenehmen sowie einen Lokschuppen (abgerissen 1953) in massiver Fachwerkbauweise. Hier am Lokschuppen befand sich auch eine Räumlichkeit zur Übernachtung für GHE-Personale. Nach Kriegsende wurde hier im Lokschuppen, von einem Stapel Brennholz verborgen, der Gernröder Triebwagen (T1) vor der Beschlagnahmung als Reparationsgut vor den russischen Truppen versteckt.

Die Nordhausen-Wernigeroder Eisenbahn AG (NWE) verfügte über die Gleisanlagen, welche unmittelbar vor dem Bahnhofsgebäude (es wurde ebenfalls 1905 neu erbaut) verlaufen. Zu den Nebenanlagen gehörten nur zwei Wasserentnahmestellen, welche auch heute noch zur Bevorratung der Lokomotiven dienen.

Um Kosten zu sparen, wurde der Verkehr auf dem Bahnhof gemeinschaftlich abgewickelt. Im Bahn-hofsgebäude selbst befanden sich im Erdgeschoss die Diensträume und die Gaststätte. Im Oberge-schoss befanden sich drei Wohnungen (je eine Wohnung GHE + NWE und eine Wohnung für den Gastwirt) für die Bediensteten. Im Dachgeschoss wurden noch Übernachtungsmöglichkeiten für NWE-Personal vorgehalten.

Der erste Versuch, die Bauarbeiten an der Strecke bis zum 01.05.1905 zu beenden und diese dem Ver-kehr zu übergeben, wurden durch den langanhaltenden Winter 1904-1905 zunichte gemacht. Am 26.06.1905, es waren noch ca. 200 Arbeiter mit den Abschlussarbeiten beschäftigt, wurde durch die Verwaltung der GHE die Eröffnung der Bahn für den 01.07.1905 bekanntgegeben. Dieser Termin konnte aber auch nicht gehalten werden.

Unter der Teilnahme verschiedener Aufsichtsratsmitglieder beider Bahnverwaltungen, der GHE und der NWE, wurde die Strecke mit zwei Salonwagen am 03.07.1905 erstmals befah-ren. Die landespolizeiliche bahntechnische Abnahme erfolgte am 09.07.1905 für die neue Eisenbahnstrecke. Bei der GHE wurde anlässlich der Streckenzusammenführung, damit ein ungehinderter Austausch von Fahrzeugen stattfinden konnte, das Bremssystem von Heber-lein-Seilzugbremse auf Vakuumbremse Bauart Körting umgestellt. Weiterhin wurden die Zug- und Stoßvorrichtungen (Einführung der Balancierkupplung) der Wagen an die auf der Harzquerbahn angepasst.

Am 15.07.1905 war es dann soweit. Ohne größere
Feierlichkeiten wurde der Fahrbetrieb auf der neuen Verbindungsbahn Eisfelder Talmühle - Stiege aufgenommen. Die mit frischem Grün geschmückten Eröffnungszüge verkehrten von Gernrode 07.45 Uhr nach Nordhausen, an 11.16 Uhr, und von Nordhausen 07.28 Uhr nach Gernrode, an 11.00 Uhr. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung kreuzten sich beide Züge im Bahnhof Güntersberge. Der von Gernrode kommende Zug musste, bevor er die neue Verbindungsbahn befuhr, im Bahnhof Stiege die Lokomotive tauschen. Beide Züge erreichten mit großer Pünktlichkeit ihr Ziel, so dass der Anschluss in jede Richtung (Nordhausen und Gernrode) gewährt wurde.
Autor: nnz

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