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Die Bösen und die Guten des Magazins „exakt“

Von Staubwolken und halben Wahrheiten

Sonnabend, 06. Juli 2019, 06:00 Uhr
In den zurückliegenden Tagen wurde im Heimatfernsehen, dem mdr, ein interessanter Beitrag über den Südharz ausgestrahlt. Konkret waren die Journalisten und Redakteure für das Nachrichtenmagazins „exakt“ in der Region unterwegs. Was sie da zusammentrugen, wurde in einen siebenminütigen Beitrag gepackt…

Recherche (Symbolbild) (Foto: pixabay.com)
Nun liegt es mir fern, Kollegenschelte zu betreiben, noch dazu jenen vom Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk, der immer noch genügend Geld und Personal vorhält. Doch was da in dieser Woche abgeliefert wurde, ist für mein Verständnis "merkwürdig", dass ich mir einige Bemerkungen nicht ersparen kann.

Schaut und hört man sich diesen Beitrag an, kann man auf den Gedanken kommen, dass schon vor der Reise in den Südharz klar war, welche Ausrichtung, welche Intention, welches Ergebnis bezweckt wurde. Und so wurde denn vermutlich auch recherchiert, interviewt, wurden Szenen gestellt, Sequenzen aus Imagefilmen entnommen und zum Schluss geschnitten und produziert. Den Kollegen war vermutlich von vornherein klar: die Gipsindustrie ist das Böse unter der Südharzer Sonne, die alles und jeden kaputtmacht, zerstört und trotzdem nicht mehr Arbeitsplätze bereitstellen will.

Kommen wir zu den Fakten und das sind zum Beispiel die Zeiten, die man Interviewpartnern einräumt, egal wie lang das Rohmaterial ist. Den „Kämpfern“ gegen die Gipsindustrie, die Herren Basler und Erfurt, wurden im Endprodukt rund 80 Sekunden O-Ton eingeräumt, Knauf-Betriebsleiter Materlik konnte in etwas mehr als 15 Sekunden Argumente konstatieren.

Und wenn O-Töne, höchstwahrscheinlich gestellte Gespräche mit einer jungen Familie oder das Suggerieren von weniger Patienten der Neustädter Lungenklinik nicht ausreichen, dann kommen Mutmaßungen über Staubwolken, über Entfernungen der Tagebaukante zum Nordhäuser Ortsteil Stempeda hinzu. Ja, in dem Planfeststellungsverfahren, das Knauf anstrengt und das einen Flächentausch vorsieht, rutscht die Tagebaukante näher an den Ort ran. Aber, sie rutscht – topografisch betrachtet – in ein Tal und alle Fachleute wissen, dass dadurch weniger Staub nach Stempeda ziehen würde. Das wird nicht gesagt.

Dafür hört man die Sprecherin aus dem Off von „weiteren Bewohnern“ des Ortes reden (stand aber keiner vor der Kamera), dann erweist sich Bürgermeister Dirk Erfurt als Geologe, der „poröse Deckschichten“ einstürzen sieht und sich letztlich zu der Aussage erdreistet, dass der Tourismus in Neustadt mehr Arbeitsplätze schaffen kann als die Gipsindustrie.

Hier hätten die Kolleginnen und Kollegen des mdr durchaus mal genauer recherchieren können. Denn die touristischen Zahlen für Neustadt sind eigentlich verheerend, trotz eines doppelten Kurort-Status und trotz des Fakts, dass Neustadt nicht von Gipstagebauen umzingelt ist.

Ein Blick auf die Seiten des Landesamtes für Statistik hätte genügt. Kamen im Jahr 2002 noch rund 10.000 Gäste in Neustadt an und brachten rund 48.000 Übernachtungen mit, so waren es im vergangenen Jahr nur noch 16.000 Übernachtungen von etwas mehr als 4.000 Gästen. Das sind – rein statistisch gesehen – 11 Gäste pro Tag. Und nur mal so am Rande: diesen rasanten Abwärtstrend gab es auch ohne dass nur ein Quadratmeter Gipstagebau rund um Neustadt gebuddelt wurde.

Rein zufällig deckt sich dieses mathematische Ergebnis aber auch mit den Aussagen eines Mediziners in einer Thüringer Tageszeitung, der seine einstige Prognose aus dem Jahr 2013 von der Behandlung von jährlich 1.000 chronisch kranken Frauen und Männern auf 10 bis 15 tatsächliche Patienten leicht nach unten korrigieren musste.

Fakt ist weiterhin, dass mit dem Wegbleiben von Touristen und Hotelgästen natürlich auch die Arbeitsplätze zurückgegangen sind. Auf der anderen, der bösen Seite des Südharzes hingegen, wurde in den zurückliegenden 20 Jahren zum Beispiel in Rottleberode bei Knauf die Zahl der Arbeitsplätze fast verdoppelt. Und Fakt ist auch, dass die Hälfte der aktuell rund 250 Frauen und Männer, die „im Gips“ einen tariflich bezahlten Arbeitsplatz finden, aus dem Landkreis Nordhausen, zum Beispiel auch aus Stempeda kommen. Auch das gehörte eigentlich in den Beitrag von „exakt“, hätte aber die bezweckte Intention gestört.

Vielleicht haben die Herren Basler und Erfurt aber für diese Männer und Frauen aus dem Südharz, die bei Knauf arbeiten, in den kommenden Jahren einen neuen Arbeitsplatz im künftigen Kurmittelhaus in Neustadt.
Peter-Stefan Greiner
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