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Schwalben, Liebe, Heimatort

Montag, 01. Juli 2019, 09:50 Uhr
Hermann Henze und Enkelsohn Henrik Reichelt freuen sich immer wieder auf ihre Untermieter. Im Frühjahr ziehen sie in Stall und Scheune ein. Im Herbst verabschiedeten sie sich...

"Opa Henze" liebt seine Schwalben (Foto: Kurt Frank) "Opa Henze" liebt seine Schwalben (Foto: Kurt Frank)
Schwalben. Foto: MabelAmber/pixabay.com

Kleinbodungen. Es sind Rauchschwalben, die auf dem Grundstück in der Lindenstraße in Kleinbodungen ihre Wohnstuben haben und den Nachwuchs aufziehen. Jahr für Jahr. Hermann Henze ist hier aufgewachsen, ging im Ort zur Schule. Heute wohnt er in Nordhausen, doch in sein elterliches Anwesen zieht es ihn Woche für Woche. Alles ist ihm hier so gut vertraut. Heute hat Enkelsohn Henrik Reichelt hier das Sagen. Er betreut vier Pferde. Ein Tier gehört ihm, ein anderes dem Opa, jede seiner Enkelinnen hat auch einen Vierbeiner.

Hermann kennt den Ort aus seiner Kinder- und Jugendzeit. Es habe Zeiten gegeben, da schwirrten die Schwalben zahlreich um die Häuser. Mit den Jahren habe man ihnen aber viele Brutmöglichkeiten genommen. Heute seien sie rar geworden. Der Landwirt hadert mit Menschen, die Schwalben nicht mögen, sie sogar vergrämen. Opa Henze und Enkel Henrik lieben sie.

Fünf Nester befinden sich im Pferdestall. In drei davon wachsen gegenwärtig die Küken heran. Unterschiedlich groß sind sie. Während die eine Brut bald flügge ist, müssen die Eltern der anderen noch einige Tage länger füttern. Unermüdlich stopfen sie dem Nachwuchs Fliegen und Mücken in die aufgesperrten Schnäbel. Auch dem in der Scheune. Gibt es ausreichend Insekten, kommen zwei Bruten im Jahr hoch.


Gern hilft der Opa dem Enkel bei der Arbeit. Geht ihm zur Hand. Vier Pferde, die sich tagsüber auf Wiese und Weide hinter dem Haus tummeln und im Schatten großer Bäume ruhen, wollen betreut sein. An Vorrat an Futter für den Winter ist zu sorgen. Landwirt Henze ist dem 31-Jährigen, der auch an Sport- und Reitturnieren teilnahm, eine große Stütze. Er kennt sich mit Tieren bestens aus, war Mitbegründer der LPG und in leitenden Funktionen tätig. Heute bringt er sich in der Vereinigung der Landsenioren ein.

Die Liebe zu seinem Heimatort Kleinbodungen ist ungebrochen. Bei Wind und Wetter besucht der 79-Jährige die Stätte seiner Kindheit. Manchmal sitzt er auf einer Bank im Hof, beobachtet das Tun seiner Schwalben, wie er sie nennt. Er und Enkelsohn dulden sie nicht nur, sie unterstützen sie auch. Unterm Nest sieht man Kotbrettchen oder am Boden kleine Pappschachteln als Auffangbehälter.

Leider ließen Hitze und Trockenheit den kleinen mit Schilf umrandeten Wassertümpel im Hof dieser Tage austrocknen. Die Schwalben bedienten sich dort gern. Henze lobt die Bäuerliche Aktiengesellschaft Bleicherode. Am Gebäude der Traktorengarage im Ort haben Dutzende Mehlschwalbenpaare ihre Nester. Keiner nimmt daran Anstoß.

Hinter der Scheune im Grundstück Lindenstraße steht ein mächtiger Baum. Schon als Kind habe der ihn beeindruckt. Heute, nach 70 Jahren, sieht der Senior voller Ehrfurcht zu ihm auf. Nach Stammumfang und Höhe zu urteilen, dürfte die Weide die größte und stattlichste ihrer Art im Südharz sein. Sein Großvater habe sie als Kind gepflanzt. Ob um das Jahr 1900, früher oder später, vermag Hermann Henze nicht zu sagen. Unter dem Baum scharren gern die drei glücklichen Hühner. Bei den Henzes gab es am Sonntag Spiegeleier zu Mittag.
Kurt Frank
Autor: red

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