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Später Lohn für betrogene Sportler

Als Schierke olympisch werden sollte

Donnerstag, 30. Mai 2019, 10:30 Uhr
Olympische Winterspiele im Harz? Solch’ eine Idee spukte schon in den dreißiger Jahren in den Köpfen von deutschen Funktionären des Wintersports herum.
Im „Dritten Reich“ wurde aber 1936 das bayerische Garmisch-Partenkirchen vorgezogen...


Kurz nach der Wiedervereinigung feierte diese Bestrebung fröhliche Urständ. Schierke und Braunlage sollten sich gemeinsam bewerben, tönte es von interessierter Seite. So wollte man Schierke aus dem Winterschlaf wecken, in den es im Sperrgebiet an der innerdeutschen Grenze gefallen war.

In all den Jahren durften nur regimetreue Urlauber in FDGB-Ferienheimen ihre Skier unterhalb des Brockens anschnallen. Die Sportanlagen verfielen. Der Zufall wollte es, dass am Morgen, als ich in einer Presserunde mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder in Hannover war, eine überregionale Tageszeitung eine dicke Schlagzeile mit „Olympia und Schierke“ brachte.

Darauf von mir angesprochen, brach Schröder in schallendes Gelächter aus. Seitdem hat man nichts mehr von fünf Ringen im Harz gehört. Am Fuße des Kyffhäusers gab es hingegen kürzlich einen olympischen Auftritt. Nadine Kleinert, die Kugelstoßerin, stellte sich in Kelbra auf eine umgedrehte Bierkiste und hängte sich wie bei einer olympischen Siegerehrung die Silbermedaille um den Hals.

Im Hintergrund ließ sie die Nationalhymne abspielen. Zwar war sie bei den Sommerspielen 2004 in Athen hinter einer Kubanerin geblieben, dennoch bekam sie die Auszeichnung per Post. Die mehrmalige Weltmeisterin lebt heute im Harz.

Kleinert rückte nachträglich auf Rang 2, weil die vorherige Platzhalterin wegen Dopings disqualifiziert wurde. In ihrer Karriere, die sie 2013 beendete, sei sie insgesamt 13-mal in den Ergebnislisten nach oben gerutscht, weil in ihrer Sportart besonders häufig mit Aufputschmitteln betrogen wurde. Kleinert übersteht diesen Missstand mit Ironie. Der Doping-Abgrund im Spitzensport sei tiefer und schwärzer als der Burgbrunnen des Kyffhäusers.

Nicht beim Barte Barbarossas, sondern am Sitz des Deutschen Olympischen Sportbundes in Frankfurt/Main wird eine andere Olympionikin, Betty Heidler, am 25. Mai eine olympische Silbermedaille vom IOC-Präsidenten Thomas Bach überreicht. Die Hammerwerferin war in London 2012 von der Russin Tatjana Lyssenko übertroffen worden, die inzwischen als Multi-Doperin überführt wurde. Infolge des Staatsdopings in Russland müssen viele Siegerlisten korrigiert werden.
m.n.
Autor: red

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